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  • Corona und Schule: Protokoll eines infizierten Lehrers aus Rheinland-Pfalz

Schulalltag in der Pandemie: das traurige Tagebuch eines Impfdurchbruchs

  • Viele Schulen versinken im Corona-Chaos aus sinnlosen Regeln und fehlenden Luftfiltern.
  • Ein Lehrer aus Rheinland-Pfalz beschreibt, was das konkret bedeutet.
  • Ein Protokoll.
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Dienstag 23.11.: Der Test

Eben bin ich aus der Schule gekommen. Es ist 16 Uhr. Nach der letzten Stunde mit meinem Leistungskurs habe ich noch einen Schnelltest mit nach Hause genommen. Ich begrüße zuerst meine Frau und dann unsere wenige Wochen alte Tochter. Ich gehe in die Küche und mache den Schnelltest. Binnen weniger Sekunden ist er positiv.

Mir wird kalt. Wie kann das sein? Sofort sind die Gedanken wieder im Wohnzimmer. Meine Frau ist wegen ihrer Schwangerschaft erst einmal geimpft. Was macht Delta mit Babys?

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Wo ich mich infiziert habe, ist mir sofort klar. Eine Spurensuche.

Dienstag, 9.11.: Wandertag

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Am Anfang des Schuljahres wurde für diesen Tag ein Wandertag angesetzt. Die Schule bricht in alle Himmelsrichtungen auf. Theaterbesichtigungen, Eislaufen, Trampolinpark – es ist von allem etwas dabei.

Ich bin an meiner Schule bekannt für meine Vorsicht, was Corona angeht. Meine elfte Klasse geht deswegen wandern. Danach essen wir gemeinsam Pizza im Klassenraum. Wir alle fühlen uns sicher. Die Schnelltests vom Vortag sind alle negativ. Zwei Drittel des Kurses sind geimpft. Die Fenster sind offen. Was kann da schon passieren?

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Habe ich mich an dem Tag angesteckt? Nein, das ist sehr unwahrscheinlich. Hat der Tag Einfluss auf die Schule? Ganz sicher. Dazu später mehr.

Auch die Politik vermittelt uns übrigens ein Gefühl der Sicherheit. Seit dieser Woche wird in meinem Bundesland nur noch einmal pro Woche getestet – Geimpfte sind von dieser Testpflicht befreit.

12.11.: Die Welle beginnt

Beiläufig lese ich eine Nachricht des Schulleiters, dass in einer neunten Klasse wegen eines bestätigten Corona-Falls für Lehrer und Schüler Mund-Nasen-Schutzpflicht gilt. Ich bleibe gelassen. Ich habe die Klasse nicht. Mein Fehler? Ja.

Was ich damals nicht weiß: Eine Woche später gibt es sieben nachgewiesene Infektionen in der Klasse. Was ich hätte wissen können: Auf dem Pausenhof sind alle neunten Klassen zusammen. Sie stehen zusammen in langen Schlangen vor dem Kiosk. Die Masken werden nicht getragen. Geimpfte fühlen sich sicher und werden nicht getestet.

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Die Corona-Regeln, vor allem die Einhaltung der 2G-Regeln in Gaststätten, soll dabei kontrolliert werden.  © Reuters

13.11.: Booster

Der Impfbus ist in der Nachbarstadt. Ich lasse mich impfen. Zum dritten Mal. Die Schlange ist lang. Ich hadere mit mir, entschließe mich aber zu bleiben. Ich vertreibe mir die Zeit, indem ich mich bei Freunden über die lange Wartezeit über soziale Netzwerke beschwere. Ich bin natürlich rückblickend sehr froh, dass ich da gewesen bin (Ende November habe ich immer noch keine Symptome und habe selbst meine Frau nicht angesteckt).

Die Schlangen vor Impfstationen sind derzeit an vielen Orten lang (Symbolfoto). © Quelle: imago images/Reichwein
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16.11.: Sieben Tage nach dem Wandertag

In drei Klassen gibt es positiv getestete Schüler. In einer Klasse müssen alle ungeimpften Schüler zum PCR-Test. Meine Klassen sind davon nicht betroffen. Trotzdem ist mir der Ernst der Lage bewusst. Ich trage Maske. Ich ermahne, wo ich kann. Das führt zu Augenrollen zahlreicher Kollegen. Vor allem die Schülerinnen und Schüler reagieren genervt.

17.11.: Tests

Es wird immer schlimmer. Heute schreibt mein Leistungskurs eine Klausur. Ich schaue hilflos dabei zu, wie sich eine ungeimpfte Schülerin in der zweiten Reihe die Seele aus dem Leib hustet. Ohne Maske. Ich kann nicht viel machen. Denn während der vierstündigen Kursarbeit ist das Ablegen der Maske gestattet. Luftfilter gibt es nicht. Ich trage eine medizinische Maske. Als Einziger im Raum.

Inzwischen gibt es auch Fälle in einer zehnten Klasse, die ich unterrichte. Kaum höre ich die Nachricht, erinnere ich mich an zahlreiche Diskussionen mit den Schülerinnen und Schülern, weil ich darauf bestehe, auch dann zu lüften, wenn es draußen kalt ist. Luftfilter gibt es in der Klasse nicht. Platz, um sich aus dem Weg zu gehen, auch nicht. Ab jetzt soll die Klasse sich jeden Tag selbst testen – unter Aufsicht und nur die Ungeimpften. Ein freiwilliges Angebot für die Geimpften besteht.

Zweimal übernehme ich die Aufsicht. Einmal bin ich dafür eingeteilt, einmal nicht. Eine Kollegin hat es nach eigener Aussage einfach nicht geschafft, in der ersten Stunde zu testen. Habe ich mich hier infiziert? Gut möglich.

Müßig zu erwähnen, dass die Schule offen bleibt, auch wenn es mittlerweile auch einen bestätigten Fall im Kollegium gibt. So etwas erfährt man aber nur über Umwege, auch wenn die Kollegin an meinem Tisch im Lehrerzimmer sitzt.

18.11.: Impfdurchbruch

Der Elternsprechtag in der nächsten Woche findet telefonisch statt. Meine Kollegin, die es nicht geschafft hat zu testen, zeigt sich erleichtert. Sie hätte es nach eigener Aussage nicht geschafft, so lange am Stück eine Maske zu tragen.

Die Kluft in der zehnten Klasse zwischen Geimpften und Ungeimpften wächst. Es sind Ungeimpfte, die sich angesteckt haben. Alle vermuten, dass es noch mehr werden. Es habe eine Übernachtungsparty gegeben und in der Schule sei aus einer Flasche getrunken worden. Mir fehlen die Worte.

Ein Schüler aus meinem Kurs schreibt mir. Ein freiwilliger Schnelltest ist trotz Impfung positiv auf Corona ausgefallen. Diesen hat er für die Fahrschule gemacht. Ich bitte ihn um eine Liste mit Schülern, zu denen er engen Kontakt hatte. Sie umfasst dann knapp 20 Schüler. Wenige Tage später ist klar, dass er sich angesteckt hat. Notiz am Rande: Selbst enge Kontakte ohne Maske sind negativ. Ein Indiz für die Wirksamkeit der Impfung?

19.11.: Maskenpflicht

Das Gesundheitsamt verfügt eine Maskenpflicht für die Schülerinnen und Schüler – auch auf dem Sitzplatz. Getestet werden soll nun zweimal die Woche. Für Geimpfte ist das freiwillig. Wie viele Schüler betroffen sind, weiß ich nicht. Zusätzliche Maßnahmen werden für drei Klassen getroffen. Die Schule bleibt offen.

Nicht immer und überall gilt an den Schulen Maskenpflicht (Symbolfoto). © Quelle: Matthias Balk/dpa

20.11.: Sport

Ich spiele auch Fußball. Am Samstag ist das letzte Spiel der Hinrunde. Ich mache einen freiwilligen Selbsttest, der negativ ist. Ich treffe viele Menschen, auch offensichtliche Risikopatienten. Alles findet im Freien statt.

22.11.: Risiko

Die ungeimpften Schüler meiner zehnten Klasse müssen für eine Woche zu Hause bleiben. Aus Sorge sage ich beide Trainingseinheiten für die Woche ab. Die Lage erscheint mir zu riskant.

Die Nacht vom 23.11. auf den 24.11.: „Querdenker“

Für den nächsten Tag bin ich vom Unterricht befreit, um einen PCR-Test zu machen. Ich kann nicht schlafen. Ich suche Schuldige. Mir fallen einige ein.

Ich denke da etwa an meine ungeimpften Kollegen. Einige sind unbelehrbar. So hat ein Kollege vergangenes Jahr die Schüler vor dem Tragen von Masken gewarnt, weil dies tödlich enden könnte. Das ist kein Einzelfall. Jeden Tag verhält er sich auffällig. Ich habe ihn auch einmal zur Rede gestellt. Er sprach vor Schülern und Kollegen ständig von einem Ermächtigungsgesetz – ähnlich wie im Dritten Reich.

Darauf angesprochen stellte sich heraus, dass er das historische Ermächtigungsgesetz nicht kennt. Zu retten ist er trotzdem nicht – verloren in den Weiten des Internets. Gefangen auf Seiten wie „Lehrer für Aufklärung“ – (unfreiwillig) ironischer könnte der Name der Website nicht gewählt sein. Auf dieser Seite kann man alles behaupten, solange es die Corona-Maßnahmen infrage stellt. Belege braucht man nicht. Einen Impfstatus der Kollegen habe ich natürlich nicht. Trotzdem ist es im Kollegium ein offenes Geheimnis, wer nicht geimpft ist. Schließlich werden diese Kollegen dann als einzige in Quarantäne geschickt, wenn sie Kontakt zu einem Infizierten hatten. Einige gehen auch ganz offen damit um.

Ich denke an die Eltern der Kinder, die in der Schule immer noch nicht richtig ihre Maske tragen und ständig ermahnt werden müssen. Am Tag nach meiner Infektion berichtet mir eine befreundete Kollegin von Schülern, die noch keine 14 sind und davon schwadronieren, dass die Impfung eine große Lüge sei, wenn sich sogar geimpfte Lehrer infizieren.

Ich denke an die Landesregierung, die mich im Stich gelassen hat. Keine oder kaum Luftfilter. Kaum Tests. Überfüllte Busse. Alles vermeidbar. Lösungen sind offensichtlich zu teuer. Infektionen von Kolleginnen und Kollegen werden in Kauf genommen, von Schülern sowieso. Zum diesem Zeitpunkt sind meines Wissens nach 22 (!) Personen an der Schule positiv getestet. Mein positiver PCR-Test ist der 23.

Die Schule bleibt offen. Geimpfte wurden nicht getestet. Ich hoffe, dass meine Befürchtungen nicht eintreffen.

Am selben Tag wie ich hat sich ein ungeimpfter Kollege angesteckt. Über 50. Verschwörungstheoretiker. Vor Kurzem hat er in der Oberstufe Platons Höhlengleichnis thematisiert. Nach eigener Aussage ist er aus der Höhle raus und hat den Blick für die Wirklichkeit und Wahrheit. Mehr ist dazu nicht zu sagen. Dass sein und mein positiver Test am gleichen Tag bekannt werden, zeigt eindrucksvoll das diffuse Infektionsgeschehen an unserer Schule.

Bei den Schülern bin ich bekannt als „Game of Thrones“-Fan. „Winter is coming …“ steht auf einem Pulli, den ich auch in der Schule trage und passenderweise habe ich ihn am Tag des positiven Schnelltests an. Noch nie war für mich die Bedrohung hinter diesem Satz so spürbar wie heute.

Anmerkung der Redaktion: Um die Identität des Lehrers zu schützen, haben wir bestimmte Details seines Protokolls verfremdet.

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