Wenn Leid neues Leid erzeugt: Unsere Kinder sollen funktionieren, als habe es die Pandemie nie gegeben

  • Von jetzt auf gleich wurden vor etwa 16 Monaten Millionen von Kinder aus ihrem gewohnten Alltag gerissen.
  • Statt Schule, Hobbys und Freunden hieß es plötzlich Homeschooling, 24/7 die Eltern um sich und kaum noch gleichaltrige Sozialkontakte. Nun soll es fast ebenso abrupt ein Zurück zur Normalität geben.
  • Doch das gestaltet sich ähnlich ungelenk und planlos wie einst der Schritt in den Lockdown. Das kann nicht gut ausgehen, kommentiert unsere Autorin Carolin Burchardt.
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Man kann sich die Pandemie durchaus als einen Tsunami vorstellen. Als riesige Welle, die erst einmal ganz viel unter sich begräbt. Nun, da das Wasser so langsam abfließt, wird das Ausmaß der Schäden erst so richtig sichtbar. Und die sind, vor allem wenn man die Kinder anschaut, vielleicht größer, als man es noch vor wenigen Monaten für möglich hielt. Bislang waren es meist „nur“ Zahlen und recht diffuse Erkenntnisse, die vor allem viele Eltern immer wieder aufhorchen ließen.

Etwa im vergangenen Februar, als das Universitätsklinikum im Hamburger Stadtteil Eppendorf (UKE) erste Erkenntnisse seiner COPSY-Längsschnittstudie bekannt gab: Darin werden die Auswirkungen und Folgen der Covid-19 Pandemie auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen untersucht. Ein erstes Ergebnis: 85 Prozent der befragten Kinder fühlen sich demnach aufgrund der Corona-Krise belastet. Doch was genau heißt eigentlich belastet?

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Die Frage stellt sich auch jetzt wieder, nach neueren Erkenntnissen, die besagen, dass vor allem das zweite Pandemiejahr enorme psychische Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche habe. Von psychosomatischen Symptomen wie Kopf- und Bauschmerzen ist zwar die Rede, auch von depressiven Symptomen. Was aber genau (psychisch) belastet heißt, wird nun zunehmend deutlich. Man hört von Kindern, die sich nicht mehr oder nur in Begleitung ihrer Eltern in die Schule trauen, weil der Wechsel- und Distanzunterricht sie aus ihren gewohnten Strukturen gerissen hat, die Anbindung zu Hause wieder stärker war, und von ausgeprägten Verlustängsten.

Dazu permanent Bilder von Masken, Desinfektionsmitteln, tägliche Reinlichkeitsroutinen und möglicherweise auch die (mitunter übertriebenen) Ängste vieler Eltern, die deren Kinder unmittelbar oder auf subtile Art und Weise über viele Monate zu spüren bekamen.

Schule: funktionieren statt behutsame Eingewöhnung

Was das bedeutet, bei aller kindlicher Unbedarftheit, ist keinesfalls zu unterschätzen. Immerhin schwingen viele Kinder im emotionalen Gleichklang mit ihren Eltern. Sprich: Geht es den Eltern schlecht, leiden oft auch die Kinder. Es wird zunehmend offensichtlich, dass sich nun erste Nachholeffekte des letzten – sehr langen – Lockdowns zeigen, in dem vor allem Teenager über mehrere Monate den größten Teil der Zeit, mehr oder minder isoliert, in ihren heimischen „Kinderzimmern“ verbringen mussten.

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Viele Mütter und Väter begehren längst nicht mehr laut auf, von der Strahlkraft der Corona-Eltern-Bewegung ist wenig übriggeblieben, der Kampfgeist ist Resignation und Erschöpfung gewichen – angesichts steter Einfallslosigkeit und Rückständigkeit des Bildungsapparats und Ignoranz seitens der Politik, wenn es um die Bedürfnisse von Familien geht. Kurzum: Die Nerven liegen blank. Über Social-Witze wie „Breaking News – Nach monatelangem Homeschooling: Erste Eltern werden verbeamtet“, kann schon lange keiner mehr lachen.

Für die Kinder ist das gleich doppelt schlimm, nachdem sie sich nun monatelang in – zugegebenermaßen ehrenhaften – Tugenden wie Solidarität und Verzicht geübt haben: Zum einen sind sie im Schulalltag gefordert, und das gefühlt von jetzt auf gleich. Arbeitnehmer würden nach so einer langen Abwesenheit vom „Arbeitsplatz“ behutsam wieder eingewöhnt, doch unsere Kinder sollen funktionieren, als habe es die Pandemie nie gegeben. Schüler berichten zunehmend von Reizüberflutung nach monatelanger Isolation beim Homeschooling – dem eine aktuelle Studie der Goethe-Universität in Frankfurt nun auch noch eine glatte Sechs erteilt hat. Tenor: Der Effekt käme dem der Sommerferien gleich, sprich: Er tendiert gen null.

Planlosigkeit: Wie kann ein Zurück zur Normalität aussehen?

Von einem Tag auf den anderen sollen Schüler nun aber wieder bei voller Klassenstärke lernen, nicht selten werden ihnen die alten schulischen Strukturen aus Vorpandemiezeiten direkt wieder übergestülpt: Klassenarbeiten in Endlosschleife, Diskussionen um Noten, die auf was genau noch mal basieren? Immerhin hat kaum eine Lehrkraft ihre Schüler regelmäßig, wenn überhaupt, in den vergangenen Monaten gesehen.

Und dann sind da die vielen erschöpften Eltern, die zwar nun wieder in Ruhe ihrer Arbeit nachgehen können, was auch gut ist, die aber all diese Befindlichkeiten kaum noch auffangen können, weil sie schlicht selbst am Ende sind. Es ist eine Negativspirale, die sich fortsetzen dürfte, sollte es nicht bald konkrete Ideen geben, wie ein Zurück zur Normalität aussehen könnte – eine Art Wiedereingliederung in Vor-Corona-Zeiten, die es irgendwie so auch gerade gar nicht mehr gibt.

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„Eine Strategie für das Nachher“, also die Zeit nach dem Lockdown, fordert auch der Berliner Virologe Jonas Schmidt-Chanasit auf Twitter: „Ich würde mir für die Zukunft wünschen, dass es nicht noch einmal (..) zu Kita- und Schulschließungen mit unaufholbaren Bildungsdefiziten und seelischen Verletzungen kommt. Dies zu verhindern lohnt jede wissenschaftliche Anstrengung.“ In allen Bereichen, wohlgemerkt. In der Medizin ebenso wie in der Bildung und der Politik.

Die Kinder nun nach dem doch recht abrupten Ende ihres bisherigen Lebens im vergangenen Jahr erneut von einem Tag auf den anderen in einen neuen Alltag zu stoßen ist nicht hilfreich. Ganz im Gegenteil: Es sorgt für neues Leid.

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