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Soziologe Schobin: „Vielleicht ist die aktuelle Krise ein Lebensumbruch für alle“

  • Wie wirkt sich die Corona-Krise auf Freundschaften aus?
  • Mit dieser Frage hat sich das amerikanische Social-Media-Unternehmen Snap Inc. in einer internationalen Studie beschäftigt.
  • Der deutsche Soziologe Dr. Janosch Schobin hat das Projekt unterstützt und erklärt die Folgen der Pandemie.
Lena-Marie Walter
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Die Corona-Pandemie bedeutet häufig auch den Verzicht auf direkte Freundschaftskontakte. Viele Menschen empfinden die Isolation als das größte Problem. Welche Rolle digitale Kommunikation spielt und wie sich Corona auf Freundschaften auswirkt, das hat das amerikanische Social-Media-Unternehmen Snap Inc. in einer internationalen Studie untersuchen lassen. Der deutsche Soziologe Janosch Schobin, der an dem Projekt beteiligt war, erläutert im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND), wie sich die Krise auf Freundschaften auswirken könnte.

Herr Schobin, als Wissenschaftler beschäftigen Sie sich mit der Freundschaftssoziologie und der sozialen Isolation. Zwei Themengebiete, die vor allem während der Corona-Krise aufeinander treffen. Können Sie erklären, welche Folgen die Corona-Pandemie für Freundschaften hat?

Aus meiner Sicht geschieht dort Folgendes: Es gibt in Freundschaften ein relativ einfaches Phänomen, das sich das Freundschaftsparadox nennt. Es sagt aus, dass die meisten Menschen mit Personen befreundet sind, die mehr Freunde haben als sie selbst. Man stellt sich dabei ein Freundschaftsnetzwerk vor, bei dem eine Person vier Freunde hat. Diese vier Freunde haben aber nur den einen besten Freund. Solche Konstellationen sind in Freundschaftsnetzwerken relativ typisch. Durch Corona werden die Leute allerdings dazu gezwungen, dass sie ihre Kontakte priorisieren. Man kann sich nicht mehr mit fünf Freunden gleichzeitig treffen, sondern muss auf Kommunikationsformen umstellen, die exklusive Aufmerksamkeit erfordern, wie zum Beispiel Textnachrichten oder Telefonieren. Dadurch entsteht eine Aufmerksamkeitskonkurrenz. Als Freund muss ich mir also überlegen, wer von meinen Freunden wie viel Aufmerksamkeit bekommt.

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Wie können sich Freunde dadurch verlieren?

Die Daten der Studie legen nahe, dass die Menschen sich erstmal auf die engen und wichtigeren Freunde fokussieren. Das Problem ist, dass man oft nicht weiß, ob man seinem Freund genauso wichtig ist, wie er einem selbst. Es gibt also innerhalb des Freundeskreises unterschiedliche Wege, wie das für einen selbst ausgehen kann. Für den einen kann es gut laufen, weil er viel Aufmerksamkeit bekommt. Er hat also das Gefühl, dass die Beziehung intensiver wird. Andere, die die Erfahrung machen, dass sie weiter hinten angestellt werden, müssen Enttäuschungserfahrungen verarbeiten. Das kann zum einen heißen, dass die Personen das Gefühl haben, die Beziehung würde schwächer werden. Es könnte aber auch sein, dass die enttäuschten Personen auf Beziehungen zurückgreifen, die sie selbst weiter hinten angestellt haben und diese intensivieren. Das ist ein dynamischer Anpassungsprozess in dem Beziehungen gestärkt oder abgeschwächt werden und bestimmte Beziehungen, die im Hintergrund waren, aufgefrischt werden.

Insgesamt haben 23 Prozent der deutschen Befragten angegeben, dass sich mindestens eine ihrer Freundschaften während der Pandemie verändert hat. Was sagt das aus?

Das ist eine relativ hohe Zahl. Freundschaftsnetzwerke sind zwar ziemlich dynamisch, aber eigentlich ist es so, dass Freundschaften sich vor allem sehr stark an Lebensumbrüchen ändern. Ein Klassiker ist der Beginn eines Studiums oder der Beginn einer langfristigen Partnerschaft. An diesen Lebensumbrüchen sind Freundschaftsnetzwerke sehr dynamisch – sie verändern sich sehr stark. Zwischen diesen Abschnitten sind sie, wenn die Menschen erstmal in einer Lebensphase drin sind, recht stabil. Dass 23 Prozent in der befragten Altersgruppe das Gefühl haben, dass sich ihre engsten Freundschaften stark verändert haben, spricht dafür, dass die aktuelle Krise für viele junge Menschen relativ einschneidend ist.

Welche Rolle spielt die digitale Kommunikation während der Pandemie in Freundschaften?

Sie hat wahnsinnig zugenommen. Das zeigen auch die neuen Daten. Ein Großteil der Befragten sagt zudem, dass es wichtig war, diese zu nutzen, um die Freundschaften während dieser Phase zu pflegen. In normalen Zeiten kann Kommunikation über digitale Medien mitunter ein schlechtes Substitut für Face-to-Face-Kommunikation sein. In der aktuellen Gesundheitskrise waren sie jedoch sicher ein Segen. Das zeigen die Daten sehr deutlich. Sie zeigen aber auch, dass die Kommunikation über Medien nicht komplett kompensieren kann, was durch die Krise an sozialer Isolation entsteht. Viele sagen, dass sie sich einsamer als vor der Krise fühlen. Ohne die digitalen Medien wäre das aber vermutlich noch viel schlimmer gewesen.

Ein Ende der Corona-Pandemie ist nicht in Sicht. Wir müssen weiterhin Abstand halten. Was kann auf längerer Sicht mit Freundschaften geschehen, wenn die Menschen weiter auf Distanz bleiben müssen?

Das ist schwer zu sagen. Wobei ich das Distanzhalten im Rahmen der Gesundheitsmaßnahmen für etwas halte, das eher keine dauerhafte Wirkung auf die Freundschaften haben wird. Es ist eher die „gefühlte“ soziale Distanz, auf die man schauen sollte. Vielleicht ist die aktuelle Krise ein Lebensumbruch für alle. Dann würde ich auch vermuten, dass ganz viele Freundschaften gerade auslaufen und viele neue gerade entstehen. Freundschaften sind typischerweise von Lebensphasen abhängig. Zu denken ist etwa an das erste Kind und die neuen Freunde, die „zufällig“ auch das erste Kind haben. Freundschaften bieten zum einen emotionale Unterstützung – sie sind aber auch häufig in die Bewältigung von Alltag und Freizeit eingebettet. Es geht darum, gut durch die aktuelle Lebensphase zu kommen. Dabei unterstützt man sich wechselseitig. Dieses gemeinsame Bewältigen einer Lebensphase ist ein sehr typisches Motiv in Freundschaften. Wenn aber ein großer Teil der Bevölkerung einen massiven Umbruch in der Biografie hat, dann würde ich auch vermuten, dass sich die Freundeskreise neu organisieren, weil sich die Probleme ändern, mit denen die Menschen konfrontiert sind.

RND/Lena-Marie Walter

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