Corona und Familie: Mutti wuppt das schon

  • Homeschooling, Haushalt, Homeoffice – in Zeiten von Corona stoßen viele Familie an ihre Grenzen.
  • Nur logisch, dass Eltern nun mehr Unterstützung einfordern.
  • Aber auch in den Familien ist die Last ungleich verteilt – die meiste Last der Krise tragen die Frauen, findet unser Autor Birk Grüling.
Birk Grüling
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“Die Muttis machen das schon” – dieser Gedanke huschte vielleicht dem einen oder anderen Kabinettsmitglied oder Leopoldina-Wissenschaftler durch seinen von grauem Haupthaar bedeckten Kopf. Anders scheint eine Schließung der Kitas und Schulen, ein Herunterfahren der Betreuungsangebote zusammen mit der Erwartung, dass nun Familien problemlos Homeoffice, Haushalt, Kochen, Kinderbetreuung unter einen Hut bekommen, kaum zu erklären.

Verstehen Sie mich an diesem Punkt nicht falsch. Aus Sicht der Virologen macht eine Schließung der Kitas und Schulen durchaus Sinn, wahrscheinlich haben diese Maßnahmen sogar Menschenleben gerettet. Gleichzeitig zeigen diese Schritte auch schmerzlich auf, wer in diesem Land kaum eine Lobby hat – nämlich Kinder, Alleinerziehende und Frauen.

Während Wirtschaftsvertreter um Milliardenhilfen für Unternehmen verhandelten, gab es für die Belange der Familien kaum mehr als einen Nebensatz in der Regierungserklärung der Kanzlerin – eine “schwierige Situation”, ein paar dankende Worte des Bundespräsidenten. Ein Corona-Elterngeld? Bisher Fehlanzeige. Unterstützung für Alleinerziehende? Kaum, für die Ausweitung der Notfallbetreuung brauchten einige Bundesländer Wochen. Eine Kita-Öffnung? In Dänemark und den Niederlanden kein Problem, bei uns müssen Eltern darauf wohl noch lange warten.

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Nicht wundern, wenn die Wut wächst

Angesichts solch bescheidener Aufmerksamkeit muss sich niemand wundern, dass der Unmut und Zorn der Eltern – oder sollte ich lieber sagen: der Mütter? – wächst. Klar leiden auch wir Männer und Väter unter der Corona-Pandemie: unter ungewisser Zukunft, unter Sorgen um den Job. Aber die größte Last tragen am Ende doch die Frauen. Das zeigen nicht nur die Erfahrungsberichte aus den sozialen Medien, sondern auch wissenschaftliche Erkenntnisse.

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Aus früheren Untersuchungen weiß man, dass vor allem Mütter einspringen, wenn Betreuungssysteme wie Kita oder Schule schließen. So bedeutet auch Corona eine Rückkehr zu den Rollenverteilungen unserer Eltern, eine Wiederauferstehung des nie überwundenen Patriarchen – mit einem Unterschied: Die Erwerbstätigkeit der Frauen hat deutlich zugenommen oder böse formuliert: Sie haben eine weitere Baustelle neben Haushalt und Kinderbetreuung dazubekommen.

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Laut einer 2017 erschienenen OECD-Studie arbeiten die meisten Mütter in Teilzeit und tragen im Schnitt ein knappes Viertel zum Familieneinkommen bei. Bei der unbezahlten Hausarbeit und Kinderbetreuung ist die Verteilung genau umgekehrt. Hier übernehmen deutsche Mütter mit 62 Prozent den Löwenanteil der Arbeit. 4,5 Stunden unbezahlte Arbeit sind es pro Tag. Einen deutlichen Anstieg des männlichen Engagements gab es seit den 70er-Jahren nicht.

Die Hauptlast der Krise tragen die Frauen

Auch in Zeiten von Corona und Lockdown – potenziell eine Chance für alle engagierten Väter, sich noch stärker einzubringen – bleiben die Rollen klar verteilt. Oder deutlicher formuliert: Die Hauptlast der Krise tragen die Frauen. Sie jonglieren mit Kinderbetreuung, Homeschooling, Homeoffice, Haushalt. Sie arbeiten in den schlecht bezahlten, aber doch so systemrelevanten Berufen.

Viele Männer sind zwar auch im Homeoffice, bleiben jedoch trotzdem abwesend. So ist auch die unter dem Hashtag #CoronaEltern gesammelte Wut, dieser Protest der Kraftlosen, vor allem eine Bewegung der Mütter. Ihr Erfolg: Die Mütter an der Belastungsgrenze können sich nun über geöffnete Autohäuser und Baumärkte freuen, über lange Schlangen vor schwedischen Möbelhäusern, eine Debatte um Kaufprämien für Neuwagen verfolgen und den Geisterspielen der Bundesliga entgegenfiebern.

Ein Hurra auf ein bisschen mehr Normalität. Und überhaupt, wer braucht finanzielle Entlastung für Familien wie ein Corona-Elterngeld, mehr Unterstützung für Alleinerziehende oder Familie in schwierigen Lebenssituationen oder auch nur belastbare Konzepte für die Öffnung der Kindertagesstätten? Aus Sicht vieler ergrauter Experten und Politiker meines Geschlechts scheinen diese Probleme nicht relevant. Wie auch? Ihre Frauen haben ihnen schließlich das ganze Leben den Rücken freigehalten. Sie können sich keine andere Welt mehr vorstellen.

Vielleicht wäre es auch für uns Männer mal an der Zeit, die Krise als Chance zu nutzen

Mir als Vater hat diese Pandemie etwas schmerzlich vor Augen geführt, was sich im “normalen” Alltag so bequem ignorieren ließ. Es sind vor allem die Frauen, die unsere Welt am Laufen halten – unbezahlt, nebenbei und zu müde zum Aufbegehren. Vielleicht wäre es auch für uns Männer mal an der Zeit, die Krise als Chance zu nutzen, um uns zu besinnen, wen man wirklich braucht, wer das Fundament unserer Gesellschaft ist.

Dabei fällt diese Besinnung leicht. Mann muss sich nur den Kindern widmen, den Haushalt schmeißen, versuchen, Telefonkonferenzen mit Kind auf dem Schoß zu überstehen, gemeinsam müde und kaputt ins Bett fallen und den alten, ergrauten Eminenzen unseres Geschlechts mitteilen, dass wir Wichtigeres brauchen als eine Neuwagenprämie oder Geisterspiele in der Bundesliga, nämlich eine Politik, die Mütter und Väter wertschätzt, die Bedürfnisse der Kinder sieht und die Familien nicht nur sich selbst überlässt.

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