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Corona und die Entdeckung des Wesentlichen: So bleibt nach dem Lockdown die Hektik draußen

  • Mit dem Beginn des Sommers scheint sich die Corona-Pandemie dem Ende zu nähern.
  • Das alte Leben, es klopft leise wieder an – und mit ihm der Terminkalender: Hockeytraining am Freitag, Elternabend am Mittwoch.
  • So sehnsüchtig wir auf dieses Leben gewartet haben, die Zeiten der Ruhe und Rückbesinnung während der Pandemie hatten auch ihr Gutes.
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Ein im vergangenen Jahr fast überflüssiges Tool erobert sich langsam den Weg in unser Leben zurück: der Terminkalender. Mit der allmählichen Rückkehr der gewohnten Freiheiten kehrt auch das alte Leben mit all seiner Hektik und seinen Verpflichtungen wieder ein. Ping: Hockeytraining am Freitag. Ping: Elternabend am Mittwoch. Ping: Biergarten am Freitag. Ping: Zoobesuch am Sonntag. So sehr wir auf all das gewartet haben, so stellt sich uns jetzt, wo es zum Greifen nah ist, doch die Frage: Wollen wir das alles überhaupt zurück?

Natürlich, die Corona-Pandemie war und ist ein Kraftakt. Gerade für Familien mitunter sogar der reinste Horror: Homeschooling parallel zu Job und Haushalt. Quarantäne. Dauerregen. Halleluja, wenn das endlich vorbei ist! Diese eineinhalb Jahre haben viele von uns an ihre Grenzen oder längst darüber hinaus gebracht. Sie waren zäh und zehrend. Sie haben alles was wir für selbstverständlich hielten über den Haufen geworfen. Doch nicht immer war es eine Veränderung zum Schlechten.

Der Weg ist frei für Neues

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Die Krise als Chance ist zum Mantra unserer Zeit geworden. Tatsächlich gehen unseren Verhaltensänderungen häufig schwere Krisen voraus, Beziehungsabbrüche etwa, Jobverlust, eine schlimme Diagnose. Sie zwingen uns, Gewohnheiten zu durchbrechen – für den Moment und, so wir denn wollen, auch auf Dauer. Sie machen den Weg frei für Neues.

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„Ich habe mich sehr gut kennengelernt in dieser Zeit“, sagt Sarah Zöllner, Mutter von zwei Kindern. Kein Wunder, selten haben wir so viel Zeit mit uns selbst verbringen müssen und dürfen. Reduziert zu sein auf die eigenen vier Wände hält das Außen auf Abstand. Der Blick nach innen wird klarer. „Solche Krisenzeiten zwingen uns ja, Prioritäten zu setzen. Darin liegt aber auch die Chance, sich im Klaren darüber zu werden, was einem wirklich wichtig ist“, sagt Sarah. Familie, enge Freundschaften, die gehörten für sie zu den wichtigen Dingen. Flüchtige Bekanntschaften konnte sie besser ziehen lassen. Vielleicht gehört das zu den Chancen, die in dieser Krise liegen: Eine neue Verbindlichkeit in den Beziehungen.

Nachdenken über Wesentliches

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Auch Kinder und Jugendliche waren in dieser Zeit mehr denn je gezwungen, weniger nach außen, mehr nach innen zu schauen. Viele haben darunter gelitten, von der Außenwelt abgeschnitten zu sein. Doch manche von ihnen haben diese Phase auch genutzt. „Ich hatte viel Zeit, mir über Dinge Gedanken zu machen. Über so Themen wie Rassismus zum Beispiel oder über die Umwelt“, erzählt die 12-Jährige Marie. „Ich hoffe, dass die Erwachsenen diese Corona-Zeit auch dafür genutzt haben, darüber nachzudenken.“ Weniger Flugreisen, weniger Konsum an sich – das wäre für Marie das Wesentliche, was es aus der Pandemie mitzunehmen gilt.

Die Corona-Krise hat uns nicht nur kritischer auf unseren Konsum blicken lassen. Auch unsere Art den Alltag zu gestalten hat sich verändert. Gezwungenermaßen. Die Leere im Terminkalender ist es, die Miriam Nowka in der Corona-Zeit zu schätzen gelernt hat. Mitten in der Pandemie ist sie zum dritten Mal Mutter geworden. Vorher hätte sie sich gar nicht ausmalen können, wie viele Stunden sie täglich mit allen drei Jungs verbringen wird. Natürlich gab es auch anstrengende Tage, vor allem die zwei Wochen Quarantäne.

Ein Stück Entschleunigung beibehalten

Aber die Entschleunigung tat der Familie gut. Sie ist zu einem neuen Normalzustand geworden. „Man hat sich daran so gewöhnt, dass ein paar Termine mehr schon einem das Gefühl machen, man hätte keine Zeit“, sagt Miriam. Sie würde für sich gern ein Stück dieser Entschleunigung behalten. „Ich hab kein Problem damit, dass die Kinder gerade keine Hobbys haben“, sagt die 33-Jährige. „Trotzdem weiß ich, dass sich das nicht aufhalten lassen wird.“ Ihre Befürchtung: Kaum ist Corona vorbei, geht es mit den Terminen wieder los.

Juli Scharnowski ist dreifache Mutter, Podcasterin und Buchautorin. Sie arbeitet als Coach in Dortmund und begleitet vor allem Mütter und Familien. © Quelle: Juli Scharnowski

Doch genau das haben wir auch selbst in der Hand, erklärt Juli Scharnowski. Die Dreifachmutter, Podcasterin und Buchautorin arbeitet als Coach in Dortmund und begleitet vor allem Mütter und Familien. Wollen wir Gewohnheiten aus der Pandemie erhalten und sie nachhaltig auch in unseren Post-Corona-Alltag überführen, sei der erste wichtige Schritt, die eigenen Glaubenssätze zu hinterfragen. „Die Dinge, die wir uns selbst erzählen, sind ausschlaggebend. Denn in dem Moment sind sie für uns wahr – wenn auch unbewusst“, sagt Juli. Statt also davon auszugehen, dass uns der Alltag ohnehin wieder einholen wird, ist es hilfreicher, daran zu glauben, dass wir bestimmte Dinge erhalten werden.

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Corona-Zeit als Schatztruhe an Erinnerungen

Auch wenn das Außen das Tempo des Alltags wieder vorgeben wird, so sind wir es doch, die dem auch zustimmen. Wir haben Entscheidungsräume, das sollten wir uns immer wieder klar machen, empfiehlt die Trainerin. Und bei allem, was wir in die Post-Corona-Zeit mitnehmen wollen, sollten wir die Vorhaben nicht zu groß werden zu lassen, sagt sie. „Oft scheitern wir, weil wir uns zu große Dinge vornehmen. Etwa jeden Tag mindestens 30 Minuten Sport machen. Viel besser ist es, sich zu überlegen: Welche kleinen Details sind möglich?“ Ein konkreter Tipp der Trainerin: Alles, was uns in der Corona-Zeit gut getan hat, aufschreiben und für uns als Art Schatztruhe aufbewahren. „Was wir aufschreiben, verinnerlichen wir besser“, so Juli. Aufbewahrt kann diese Schatztruhe an Erinnerungen auch als Art Werkzeugkasten dienen, den wir immer dann hervorholen, wenn uns der alte Alltag wieder einzuholen droht.

Miriams Mann wird irgendwann wieder zurückkehren ins Büro. Das Homeoffice bleibt ihm vielleicht erhalten. Die meisten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wünschen sich für die Zeit nach Corona eine Hybridlösung: Ein bisschen Büro, ein bisschen Homeoffice. „Kaum jemand wird nach Corona zu einer hundertprozentigen Präsenz zurückkehren“, prophezeit Vanessa Giese, Expertin für neue Arbeitsformen. In der Arbeitswelt spricht man von Transformation. In den Familien hat sie teilweise schon stattgefunden. Zwar übernahmen weiterhin die Mütter die Hauptlast der Familienverantwortung, weswegen sie es auch sind, die am meisten unter der Krise leiden.

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„In der Arbeitswelt ist die Akzeptanz für Väter gestiegen“

Doch manch ein Vater ist durch das Homeoffice stärker denn je zu Hause eingebunden gewesen. Vor allem dann, wenn die Frau in systemrelevanten Berufen tätig war. „Ich glaube, in der Arbeitswelt ist die Akzeptanz für Väter gestiegen“, sagt Paul Köpke, Familienvater und Immobilieninvestor. Auch Väter hätten schließlich wegen der Kinder Termine verschieben oder die Telefonkonferenzen mit den Kleinsten auf dem Schoß abhalten müssen. „Ich hoffe, dass das nachhaltig Wirkung zeigt und an die Vereinbarkeit für Mütter und Väter gedacht wird“, so der Familienvater.

Einen weiterer wichtiger Aspekt, bei dem er auf Erhaltung hofft, ist das Schulwesen. Kaum einen Bereich hat die Pandemie so durcheinander gewirbelt wie das Schulsystem, in kaum einem anderen Bereich wurden so viele Missstände zutage gefördert. Und kaum ein Bereich musste sich in einer solchen Geschwindigkeit gänzlich neu erfinden. Die Digitalisierung lag lange brach im Schulsystem, doch liegt hier auch die Chance, diesen Schwung mitzunehmen in den kommenden Schuljahren. Ebenso wie die Chance darin liegt, auf den neuen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler aufzubauen. „Ich hätte es nie gedacht, dass meine Tochter schon in der ersten Klasse in der Lage sein wird, an Videokonferenzen teilzunehmen und mit Plattformen wie Padlet ihre Aufgaben organisiert“, sagt Paul. Tatsächlich waren die Kinder und Jugendlichen noch nie so digital kompetent und so selbstständig im Lernen – sie jetzt wieder ausschließlich in den analogen Frontalunterricht zu schicken, wäre mehr als nur eine vertane Chance. Der Sommer liegt vor uns. Er könnte ein Neuanfang werden.

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