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Corona-Studie zur Belastung: Eltern müssen bei zweiter Welle eine höhere Priorität genießen

  • Abhängig von ihrer jeweiligen Situation mussten viele Eltern während der Corona-Krise (weit) über ihre eigenen Kräfte hinauswachsen.
  • Im Falle einer zweiten Welle sollten daher Faktoren wie Heimarbeit, Arbeitsaufteilung und Systemrelevanz intensiver mitgedacht und Eltern so entlastet werden.
  • Das ist das Ergebnis einer Untersuchung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB).
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Die Corona-Krise hat Eltern vor bis dato so nie gekannte Herausforderungen gestellt. Von einem Tag auf den anderen waren Kitas und Schulen geschlossen, die Eltern mit Job und Kinderbetreuung allein gelassen. In Zahlen heißt das: 11 Millionen Kinder und Jugendliche von Kita bis Sekundarstufe 2 waren von jetzt auf gleich ohne Betreuung oder Beschulung, und 10,6 Millionen Eltern mit Kindern unter 12 Jahren mussten ihr Schicksal vorübergehend und teils noch bis heute selbst in die Hand nehmen. Darunter immerhin 900.000 Alleinerziehende.

Für viele Familien bedeutete das einen unglaublichen Spagat zwischen beiden Welten, dem Job und der eigenen Familie. Viele konnten dieser Herausforderung - ihrem eigenen Gefühl nach und angesichts der massiv geänderten Infrastruktur - kaum oder wenn, dann allenfalls in Ansätzen, nachkommen. Die Folge: Frust und Wut allerorten. Unter dem Hashtag #Coronaeltern machten Mütter und Väter in den vergangenen Wochen ihrem Ärger lautstark Luft, forderten von der Politik schnelle Lösungen, um den Spagat zumindest einigermaßen zufriedenstellend lösen zu können. Viele Ansätze wurden andiskutiert, ein Corona-Elterngeld zur finanziellen Entlastung etwa. Am Ende gab es 300 Euro vom Staat - pro Kind, ein aufgestocktes Kindergeld - zwecks Reinvestition in die angeschlagene Wirtschaft, so hat es der Staat verkauft.

Mütter sind die Leidtragenden der Krise

Was bleibt, sind viele offene Fragen, wie etwa diese: Was muss sich bei einer möglichen zweiten Welle für Eltern ändern, um diese zu entlasten? Für Dr. Martin Bujard, Forschungsdirektor am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) in Wiesbaden steht außer Frage: „Die Belastung der Eltern während der Krise war, abhängig von ihrer jeweiligen Lebenssituation, in vielen Fällen extrem hoch. Bei einer zweiten Welle müssen sie eine höhere Priorität genießen.” Das ist auch das Ergebnis einer Untersuchung seines Instituts zu der Frage, wie Eltern sich während der Coronakrise geschlagen haben.

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Die Zahlen sprechen Bände und bestätigen das, worüber schon lange gesprochen wird: Frauen und vor allem Mütter sind die Leidtragenden der Krise. Das drückt sich auch in den Zahlen zur psychosozialen Belastung während der Krise aus, die das BiB am Dienstag bei einer Pessekonferenz präsentiert hat. Demnach haben 19 Prozent der Mütter mit Kindern unter 16 Jahre ein Gefühl von Niedergeschlagenheit erlebt. Vor der Krise traf das lediglich auf 12 Prozent der Mütter zu. Bei den Vätern hielt sich dieses Gefühl vor und während der Krise in etwa die Waage (9,2 zu 8,4).

Untersucht wurde unter anderem die Situation von Eltern in systemrelevanten Berufen. Sprich derer, die besonders vor Ort am Arbeitsplatz während der Krise gefordert waren und damit einen Anspruch auf Notbetreuung hatten. Immerhin ist in 47 Prozent der Familien zumindest ein Elternteil systemrelevant, in 16 Prozent davon sogar beide. Meist sind es auch hier Frauen.

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Mehr als die Hälfte der Mütter in systemrelevanten Berufen

Rund 52 Prozent der Mütter arbeiten in systemrelevanten Berufen und 24 Prozent der Väter. Das heißt, dass „vor allem Mütter stark am Arbeitsplatz gefordert waren”, so Dr. Inga Laß, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am BiB. Eine zentrale Erkenntnis der Untersuchung außerdem: Zwei Drittel der Mütter in systemrelevanten Berufen verdienen weniger als ihre Partner. In Zahlen heißt das: 36 Prozent der Mütter mit Kindern unter 12 Jahren verdienen weniger als 1100 Euro Netto im Monat. Dem gegenüber stehen 10 Prozent, die mehr als 2600 Euro Netto bekommen. Aufgrund dieser Zahlen sei es wichtig, dass die Paarsituation bei der Notbetreuung berücksichtigt werde, so Laß weiter. Zumal der nicht-systemrelevante Partner (von Frauen) häufig deutlich mehr verdiene. Der Schritt, die Notbetreuung auch für Kinder zu öffnen, bei denen nur ein Elternteil systemrelevant ist, sei rückblickend mit Blick auf die Erwerbstätigkeit von Müttern ein Schritt in die richtige Richtung gewesen.

Entkräftet werden konnte indes die zuletzt häufig kommunizierte Annahme, dass Eltern während der Corona-Zeit zunehmend wieder in traditionelle Rollenmuster - sprich der Vater arbeitet, die Mutter betreut die Kinder - verfallen sind: Demnach ist der Anteil der Väter an der Familienarbeit sogar von 33 auf 41 Prozent gestiegen. Besonders hoch war er in jenen Familien, in denen beide Eltern im Homeoffice arbeiteten. Väter kümmerten sich in diesem Fall 5,9 Stunden pro Tag um die Kinder, Mütter mit 7,2 Stunden etwas mehr. „Das lag natürlich auch daran, dass die anfallende Arbeit zu Hause beim Arbeiten im Homeoffice deutlicher wahrgenommen wird”, kommentierte Bujard vom BiB das Ergebnis. Etwas anders verhielt es sich allerdings, wenn beide Eltern beim Arbeitgeber Präsenz zeigen mussten. In diesem Fall stieg der Anteil der Mütter an der Familienarbeit mit 8,6 Stunden im Vergleich zu den Vätern (5,1) deutlich an.

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Viel ungenutztes Potenzial bei der Arbeit im Homeoffice

Besonders fokussierten sich die Wissenschaftler auf die Arbeit im Homeoffice. Immerhin hat im April diesen Jahres, also in der Zeit des umfangreichsten Lockdowns, knapp jedes dritte Elternteil mit Kindern unter 16 Jahren (27 Prozent) zu Hause gearbeitet. Im Vergleich dazu arbeiteten vor der Krise gerade mal 12 Prozent aller Erwerbstätigen mindestens einen Tag im Homeoffice und nur fünf Prozent mehr als die Hälfte aller Arbeitstage. Aktuell sind es immerhin 23 Prozent, die überwiegend im Homeoffice arbeiten.

Interessant: Schon vor der Krise hatten 42 Prozent der Beschäftigten angegeben, dass ihr Job durchaus die Möglichkeit zur Arbeit im Homeoffice böte. „Das zeigt, dass es da noch viel ungenutztes Potenzial gibt”, betonte BiB-Direktor Prof. Dr. Norbert F. Schneider - auch angesichts der Erkenntnis, dass allein durch einen Tag Heimarbeit pro Woche die Lebensqualität deutlich steige. Die Erfahrungen mit der Heimarbeit während der Krise, so seine Vermutung, werden Konsequenzen für die Zukunft der Arbeitswelt haben, vor allem im Hinblick auf den hierzulande noch häufig vorherrschenden „Präsenzzwang”. Seine These: „Es wird eine veränderte Balance von physischer Präsenz am Arbeitsplatz und Homeoffice geben.” Im Hinblick auf eine zweite Welle - und auch die Erwerbstätigkeit von Eltern - müsse Homeoffice als Zukunftsmodell in Verbindung mit einer beschleunigten Digitalisierung zwingend mitgedacht werden, so ein weiteres Fazit der Studie. Schneider: „Mehr Homeoffice bedeutet größere zeitliche Flexibilität und damit auch eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.” Mit einer wichtigen Einschränkung allerdings, so Schneider weiter: Wer nicht im Homeoffice arbeiten kann, der dürfe auch nicht dazu gezwungen werden. “Das Recht auf Homeoffice darf nicht zur Homeoffice-Pflicht umgewandelt werden.”

Erhöhung der „Kind-Krank-Tage” bei einer zweiten Welle

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Wie aber kann nun eine stärkere Priorisierung von Eltern bei einer möglichen zweiten Welle konkret aussehen? Zunächst müssten Schulen, so Schneider, Lehren aus der ersten Welle ziehen und eine flächendeckende Beschulung sicherstellen.

Schwieriger sehe indes die Situation für Eltern von Kleinkindern aus. Hier müsse eine Betreuung für Kinder aller erwerbstätigen Eltern garantiert werden, und nicht nur für die von systemrelevanten. Dafür brauche es strukturelle Lösungen, Engagement, Kreativität und neue Ideen. Bujard bringt außerdem einen weiteren Ansatz ins Spiel, der auf das Entgegenkommen von Arbeitgebern und Krankenkassen abzielt: Die üblichen zehn Krankheitstage, die Eltern für ihre Kinder zugestanden bekämen, die ließen sich bei einer möglichen zweiten Welle „leicht erhöhen”.

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