Corona-Report: Eine Mitarbeiterin aus dem Frauenhaus erzählt

  • Stefanie Leich leitet das Frauenhaus der Diakonie Hamburg.
  • Im RND-Gespräch berichtet sie über ihre tägliche Arbeit in Corona-Zeiten und die Sorge um eine hohe Dunkelziffer von häuslicher Gewalt.
  • In Corona-Zeiten fehlt den Pägagoginnen die so wichtige Nähe zu den Betroffenen.
Birk Grüling
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Hamburg. Unser Frauenhaus soll ein sicherer Ort für Frauen, Mütter und ihre Kinder sein, die in der Partnerschaft oder Familie Gewalt erlebt haben. Im Moment bieten wir 30 Plätze für schutzsuchende Frauen. Sie und ihre Kinder können solange bei uns bleiben, bis sie in eine eigene Wohnung oder eine Wohngruppe umziehen können. Oft vergehen bis dahin aber einige Monate. Durch die Corona-Pandemie hat sich unsere Arbeit deutlich verändert.

Nähe ist ein wichtiger Teil der Arbeit - doch in der Corona-Krise gelten Abstandsregeln

Die größte Umstellung: Wir müssen den Kontakt zu unseren Bewohnerinnen deutlich reduzieren und Abstand währen – nicht unbedingt emotional, eher rein physisch. Das ist gar nicht so leicht. Nähe ist immerhin ein wichtiger Teil unserer pädagogischen Arbeit. Nach den oft traumatischen Gewalt-Erfahrungen brauchen die Frauen eine emotionale Stütze. Auch zu den Kindern haben wir sonst engen Kontakt. Auch sie haben meistens die Gewalt in der Familie hautnah miterlebt und brauchen deshalb zusätzliche Unterstützung. All das ist im Moment nur sehr eingeschränkt möglich.

Dazu kommt, dass unser Haus nicht gerade weitläufig ist. Im Moment arbeiten wir deshalb in zwei Teams. Zwei bis drei Pädagoginnen sind im Wechsel vor Ort und die anderen Kolleginnen arbeiten aus dem Homeoffice. So führen wir viele Beratungsgespräche mit unseren Frauen nun telefonisch. Dabei geht es um bürokratische Fragen zu Anträgen bei der Agentur für Arbeit oder der Sozialbehörde sowie Beratung zur Lebenssituation, Gewaltschutz und umgangsrechtliche Fragen. Auch den Kontakt zu den Behörden erledigen wir vom heimischen Schreibtisch aus.

Telefonberatung nicht für jede Situation geeignet

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Natürlich gibt es genug Situationen, in denen eine Telefonberatung an ihre Grenzen stößt. Zum Beispiel kommen viele Frauen zu uns, die nur wenig Deutsch sprechen. Mit ihnen fällt die Kommunikation im persönlichen Gespräch deutlich leichter – zur Not mit Händen und Füßen. Gleiches gilt auch für sehr emotionale Themen wie Trennung, die Aufarbeitung der Gewalterfahrungen oder Fragen rundum Erziehung. Gerade in Zeiten von Corona haben letztere deutlich zugenommen. Auch die Frauen hier müssen erstmal einen neuen Alltag mit ihren Kindern finden – so ganz ohne Unterstützung der Kita oder mit dem Wunsch der Schule nach “Homeschooling”. Bei solchen Gesprächen fällt uns Pädagoginnen der Abstand besonders schwer. Trotzdem müssen wir uns an die Hygienevorschriften halten. Um wenigstens keine Masken tragen zu müssen, sprechen wir mit den Frauen von einem Raum in den anderen. Die Tür dazwischen bleibt dabei natürlich offen. Auch die Wohnsituation ist nicht ganz einfach. Wir haben keine Apartments, sondern nur Zimmer mit Gemeinschaftsküchen und Bädern.

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Um eine zweite Ansteckungswelle in Deutschland zu vermeiden, sind einige Verhaltens- und Hygieneregeln zu beachten.  © RND

Auch die Spielzimmer für Kinder müssen wegen Corona schließen

Wir halten die Frauen an, Abstand zu halten, nicht alle gleichzeitig zu kochen und sich häufig die Hände zu waschen. Gleichzeitig können wir das Bad oder die Küche nicht nach jeder Benutzung reinigen und desinfizieren. Auch unser Spielzimmer für die Kinder mussten wir schließen – und das in Zeiten, wo lange keine Kita und keine Schule geöffnet hatte. Normalerweise spielen wir als Pädagoginnen oft mit den Kindern oder unternehmen kleinere Ausflüge. Das alles fällt im Moment aus. Umso mehr bewundere ich unsere Frauen und ihre Kinder.

Es gab kaum Anzeichen von Lagerkoller, die Abstandsregeln wurden sehr diszipliniert eingehalten. Vielleicht spielte uns da auch das tolle Wetter in die Karten. Es gab immer die Möglichkeit, Zeit an der frischen Luft zu verbringen und sich auch mal unter Wahrung der Abstandsregeln mit Angehörigen treffen. Gleichzeitig sind wir natürlich alle froh, dass das Leben draußen wieder hochgefahren wird und auch Kitas und Schulen ihre Notbetreuung ausgeweitet haben. Das ist für viele Frauen eine große Erleichterung. Wir Pädagoginnen können im Alltag mit der Angst vor einer Corona-Ansteckung ganz gut umgehen, sonst könnten wir unsere Arbeit gar nicht machen.

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Zahlen in Frauenhäuser bleiben konstant: Weniger Frauen können sich melden

Das gilt übrigens auch für die Sorge um eine Zunahme der Gewalt gegenüber Frauen und Kindern. Aus Italien, Spanien und China hört man ja schlimme Dinge über die Auswirkungen des Lockdowns auf die Familien. Darüber machen wir uns natürlich Gedanken, auch wenn bisher ein dramatischer Anstieg der Anfragen ausgeblieben ist. Die Zahlen blieben konstant. Zur Erklärung: Die sechs Frauenhäuser in Hamburg werden ja von einer zentralen Aufnahme verwaltet und die Frauen von dort aus auch über die Einrichtungen verteilt. Ein gleichbleibendes Niveau von Anfragen bedeutet aber trotzdem, dass wir immer noch mehr Anfragen als Plätze haben. Nur mit einem Unterschied: Die Vermittlung in andere Bundesländer ist in Zeiten von Corona deutlich schwieriger geworden.

Leider können wir auch nicht davon ausgehen, dass die Befürchtungen über einen Anstieg der häuslichen Gewalt in Zeiten von Corona wirklich unbegründet waren. Ich glaube eher, dass weniger Frauen die Möglichkeit hatten sich zu melden. Viele unserer Bewohnerinnen kommen zu uns, weil sie von Freunden, den Lehrkräften in Sprachkursen oder Erzieherinnen in der Kita auf ihre familiäre Situation angesprochen wurden und so von der Arbeit der Frauenhäuser erfahren haben. Diese Möglichkeiten gibt es im Moment nicht. Dazu kommt, dass die meisten Gewalt in den eigenen Vier Wänden passiert und die Sichtbarkeit fehlt.

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Viele Frauen haben schlicht keine Möglichkeit zu “entfliehen”, wenn nun der gewalttätige Partner ständig daneben sitzt. Vermutlich werden die Zahlen erst stärker steigen, wenn es weitere Lockerungen gibt. Umso sinnvoller empfand ich die Idee aus Frankreich und Spanien, wo Frauen in Apotheken unter dem Codewort “Maske19” um Hilfe bitten konnten und die Apotheker angehalten wurden, in solchen Fällen sofort die Polizei zu verständigen. In Deutschland gibt es mit “Stärker als Gewalt” zum Glück seit der letzten Woche eine ähnliche Kampagne in Supermärkten und anderen öffentlichen Punkten.

Protokoll: Birk Grüling

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