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Therapeutinnen erklären: Was tun, wenn Eltern sich uneins über Corona-Impfung für ihr Kind sind?

Ein Schüler bekommt eine Impfspritze in den Arm (Symbolbild).

Ein kleiner Piks mit großem Konflikt­potenzial: Sind Eltern unterschiedlicher Meinung, ob ihr Kind gegen das Corona­virus geimpft werden soll, kann das die ganze Familie belasten. „Wenn sich Eltern bei diesem Thema nicht einig sind, ist das eher eine Aussage über die Beziehung der beiden als über den medizinischen Aspekt“, sagt Kinder- und Jugendlichen­psychotherapeutin Ariadne Sartorius. Es gehe etwa darum, wer welche Entscheidungen trifft und wer wie viel Raum in der Beziehung einnimmt.

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Dass Erziehungs­berechtigte sich manchmal uneinig beim Impfen sind, komme vor, sagt auch Sabine Kaiser. „Gerade wenn es um die eigenen Kinder geht, betrifft das ja ein sehr sensibles Thema“, erklärt die tiefen­psychologische Psycho­therapeutin. Außerdem sei die Informations­lage undurchsichtig und ändere sich ständig. „Es ist also wirklich ein schweres Thema“, so Kaiser und verweist auf Thomas Mertens, Chef der Ständigen Impf­kommission (Stiko).

Der hatte Anfang Dezember gesagt, hätte er ein Kind, würde er es momentan nicht impfen lassen – und sich nun dafür entschuldigt, so etwas Persönliches geäußert zu haben. „Die Entscheidung über die Impfung ist wirklich eine sehr persönliche Sache“, sagte Mertens nun dem Nachrichten­sender „Welt“.

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Nüchtern mit Wahrscheinlichkeiten argumentieren

Hat ein Elternteil Bedenken, steckt oft Angst dahinter – etwa vor Neben­wirkungen der mittler­weile sowohl von der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) als auch – bedingt – von der Stiko für Kinder ab fünf Jahren empfohlenen Impfung. „Beide Elternteile wollen das Beste für das Kind und sorgen sich. Das ist grund­sätzlich gut und sollte wert­geschätzt werden“, sagt Expertin Sartorius, die stellvertretende Vorsitzende des Bundes­verbandes der Vertrags­psycho­therapeuten (BVVP) ist. „Angst warnt uns gut vor Gefahren im Leben. Aber ein guter Ratgeber ist das Gefühl oft nicht. Dafür braucht man Fakten.“

Erziehungs­berechtigte könnten die Impf­entscheidung ganz nüchtern angehen und mit dem Partner oder der Partnerin über Wahrscheinlichkeits­rechnung sprechen. „Natürlich gibt es eine geringe Wahrscheinlichkeit, dass das eigene Kind von Neben­wirkungen der Impfung betroffen sein wird. Aber was ist die Alternative?“, fragt die Kinder- und Jugendlichen­psychotherapeutin. Schließlich existiere genauso das Risiko, dass der ungeimpfte Sohn oder die ungeimpfte Tochter an Long Covid erkrankt. Oder das infizierte Kind steckt die eigenen Groß­eltern an, die schlimmsten­falls an Covid-19 sterben. Solch ein Szenario könne Kinder ein Leben lang belasten.

Wahrheit als Ziel bei Konflikten

„So wie auch bei anderen Konflikten sollte eine Konflikt­lösung im Interesse der Wahrheits­findung sein oder zumindest eine stetige Annäherung an die Wahrheit zum Ziel haben“, sagt Kaiser, die in ihrer Praxis in Freiburg mit Kindern, Jugendlichen, jungen Erwachsenen und deren Eltern arbeitet. Eine gemeinsame Diskussion sei dann möglich, wenn alle Beteiligten akzeptieren, dass man noch nicht alles wissen könne und weitere Informationen einzuholen seien. Diese Spannung gelte es, auszuhalten. „Es darf also nicht darum gehen, von einer Seite her einfach nur Recht zu bekommen.“

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Eltern könnten gemeinsam recherchieren, ob eine Impfung ihres Kindes sinnvoll ist – und sollten Informationen auch hinterfragen. Außerdem sei es hilfreich, sich mit altbekannten Techniken aus der Psychologie zu beschäftigen, etwa die Familien­konferenz von Thomas Gordon und gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg. „Diese können helfen und unterstützen, sich wieder besser zu verstehen und adäquat auszutauschen, auch auf emotionaler Ebene“, sagt Kaiser, die Mitglied im Deutschen Psycho­therapeuten-Netz­werk (DPNW) ist. Eltern könnten auch die Hilfe eines Mediators annehmen, der zwischen beiden vermittelt, wenn die Fronten zu verhärtet sind.

Schlechtes Gewissen beim Kind

Sartorius vom BVVP rät, sich bezüglich der Risiko-Nutzen-Abwägung von Fach­leuten beraten zu lassen. Erster Ansprech­partner sei der Kinder­arzt oder die Kinder­ärztin. Dieser oder diese kenne das Kind seit der Geburt und auch die sozialen Strukturen in der Familie. Die Eltern sollten ihre Ängste gegenseitig anerkennen und wert­schätzen – aber schluss­endlich die Empfehlung des Beraters oder der Beraterin mit fachlicher Expertise annehmen.

Außerdem könne der Kinder­mediziner oder die Kinder­medizinerin auch einmal mit dem Kind unter vier Augen sprechen, welche Sorgen es selbst eigentlich hat. „Manchmal ist dieser geschützte Rahmen nötig, in dem das Kind unabhängig von der Beziehung zu den Eltern und möglichen Loyalitäts­konflikten sprechen kann“, erklärt Sartorius.

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Auch für das Kind sei es nicht einfach, wenn die Eltern sich uneinig sind. Dabei spiele nicht nur die medizinische Frage­stellung – impfen oder nicht impfen – eine Rolle. „Im Endeffekt muss sich das Kind für Mama oder Papa entscheiden“, sagt die Expertin. Das erzeuge ein schlechtes Gewissen und verunsichere das Kind. Denn: Einem von beiden könne es ja offenbar nicht vertrauen.

Kindern Notwendigkeit von Behandlungen erklären

Zudem sei es für jüngere Kinder schwierig, die Tragweite der Entscheidung für oder gegen eine Impfung einzuschätzen. „Für eine wirklich unabhängige Meinungs­bildung benötigt ein Mensch meines Erachtens nach eine stabile Autonomie­entwicklung“, erklärt Kaiser vom DPNW. Kinder aber ständen in einem Abhängigkeits­verhältnis zu ihren Eltern.

Stehen medizinische Maßnahmen wie eine Impfung an, sollten Eltern ihren Kindern erklären, warum diese notwendig sind. „Eltern haben eine große Verantwortung, denn sie müssen für das Kind entscheiden. Das Kind muss aber lebens­lang mit den Folgen leben“, sagt Kaiser. Es sei wichtig, das Vertrauen des eigenen Kindes nicht für ideologische Zwecke zu missbrauchen. „Dies setzt allerdings ein hohes Maß an Selbst­reflexion voraus“, erklärt die Expertin.

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