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Corona-Krise: Warum Familien jetzt über ihre Aufgabenteilung sprechen sollten

  • Kitas und Schulen sind dicht, Kinderbetreuung durch die Großeltern fällt weg. Aktuell ist professionelles Familienmanagement gefragt.
  • Noch immer sind die Mütter es, die in Familien die Denk- und Gefühlsarbeit leisten.
  • Die Corona-Krise könnte den Druck weiter erhöhen. Oder sie ist eine Chance für Paare, ihre Rollenaufteilung neu zu verhandeln.
Leonie Schulte
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Seit einigen Jahren schwirrt er schon im Orbit, der Begriff Mental Load. Doch was sich dahinter verbirgt, schleppen wir schon sehr viel länger mit uns herum. Es geht um lang erlernte Rollen und Zuständigkeiten zu Hause und um die vielen kleinen und großen Dinge des Alltags. Darum, an Arzttermine, Schuhgrößen und den Geburtstag der Großtante zu denken – und Kita-Whatsapp-Gruppen, Bastelnachmittage und Elternabende auf dem Schirm zu haben. Kurzum: Es geht um all das, was im alltäglichen Leben mit Kindern vor allem von Müttern vermeintlich nebenbei erledigt wird. Unsichtbar. Aber nicht weniger belastend. Und in Zeiten von Corona verschärft sich vielerorts die Situation.

Zwar fallen Verabredungen, Ballettgruppen und Kindergeburtstage weg. Dafür kommen andere Aufgaben hinzu: der Einkauf für die Nachbarin, das Telefonat mit der Oma, die Schulaufgaben für die Kinder. Und ganz nebenbei müssen beide Eltern auch noch arbeiten, ist ja Homeoffice (wie das mit Kindern zu Hause geht, darüber machen sich Arbeitgeber leider weniger Gedanken). Ungestörte Zeit ist ein rares Gut im Krisenfall. Paare müssen sich also neu organisieren – die Frage ist nur, wie.

Streit ist vorprogrammiert

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Bei Tanja und Tim aus der Nähe von Dortmund war die Aufteilung bislang wie folgt: Sie arbeitet 30 Stunden als Personalerin und übernimmt das Management der fünfköpfigen Familie. Er arbeitet Vollzeit als Teamleiter und gehört zu Hause zur Fraktion “der Mann hilft”. Jetzt müssen beide ihre Jobs mit den Betreuungs- und Lernzeiten der Kinder koordinieren – ein Stressfaktor für die Beziehung. “Tim war es gewohnt, dass er die Termine legen kann, wie er will. Dass er sich jetzt auch nach mir und meinen Terminen richten muss, ist für ihn vor allem erst mal unbequem”, sagt Tanja. Wann die Kinder für die Schule lernen, was im Haushalt gemacht werden muss, all die Dinge schwirren bislang vor allem in ihrem Kopf – neben all den Fragen rund um ihren bezahlten Job.

Eine Situation, die Bloggerin (https://heuteistmusik.de/) und Autorin Laura Fröhlich nur zu gut kennt. Auch sie saß als dreifache Mutter in der Mental-Load-Falle, im Sommer erscheint ihr Buch darüber. “Vor drei Jahren hätten mein Mann und ich uns in dieser Betreuungskrise vermutlich so aufgeteilt: Er hätte sich ins Homeoffice verkrümelt und ich hätte versucht, die drei Kinder und meinen Job irgendwie zu regeln. Und dann hätten wir uns viel gestritten.”

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Das Problem: Mentale Last ist unsichtbar

Bei Laura war es eine kleine Krise, die eine große Wende brachte. “Wir waren im Urlaub und ich war so verzweifelt darüber, dass ich für alles verantwortlich war – Ausflüge, Einkaufslisten … Und dann hatten wir vergessen, unseren Sohn an seine Logopädieübungen zu erinnern. Eigentlich eine Lappalie. Aber da wurde mir bewusst: Wenn ich nicht daran denke, geht der Laden vor die Hunde”, erinnert sie sich. “Ich war mit den Nerven am Ende. Mein Mann meinte erst, ich solle zum Hausarzt gehen. Aber ich hab ihm gesagt: Ich brauche keinen Arzt, ich brauche dich mehr in der Verantwortung zu Hause!” Aus der Erkenntnis folgte ein Urlaubsabbruch und irgendwann auch ein gemeinsamer Plan, das Familienmanagement fairer zu verteilen.

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Das größte Problem der mentalen Last ist ihre Unsichtbarkeit. Die vielen Termine, die Gedanken um Freunde und Familienmitglieder, die Ideen für die Kindergeburtstage – all das entsteht im Kopf. Und dort wächst eben auch der Berg an Aufgaben. Viele Männer übernähmen durchaus einen Teil davon, TÜV-Termine, Steuererklärung oder Schuppen ausmisten zum Beispiel. Die zeitlich kritischen Aufgaben allerdings lägen meist im Verantwortungsbereich der Mütter, etwa Kinder abzuholen oder Essen zu kochen – und das erhöhe weiter den Druck, glaubt die Dreifachmama.

Den Ballast sichtbar machen und gerecht verteilen

Als ersten Schritt zur Veränderung empfiehlt Laura: Den ganzen Ballast sichtbar machen! Dazu hat sie all die inneren To-dos von ihrem Kopf auf Papier gebracht. Drei Tage, Dutzende kleine Klebezettel. Uff! Im zweiten Schritt geht es darum, die Aufgaben zu gewichten und gerecht zu verteilen. Geholfen hat Laura und ihrem Mann dabei die sogenannte Shopfloor-Methode. Dafür haben sie am Anfang ein Board in der Küche genutzt, auf dem Kategorien wie Haushalt, Einkäufe, Geburtstage und so weiter in der linken Spalte stehen. Daneben gibt es Spalten mit “To do”, “In Bearbeitung” und “Erledigt”, die jeder der beiden mit Klebezetteln versehen kann.

Inzwischen haben sie ihre Alltagsorganisation digitalisiert mit Apps wie Trello, Wunderlist und einem synchronisierten Google-Kalender. Jeden Sonntag checken sie gemeinsam alle Aufgaben und Termine für die Woche. Diese Tools helfen im Alltag, sind aber vor allem dazu da, die Familienorganisation langfristig gerechter zu verteilen.

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Die Krise als Chance

“Eine Krise kann also eine Superchance sein”, glaubt die Bloggerin. “Aber man muss auch den Willen haben, etwas zu verändern.” Dazu gehöre, dass in Zeiten von Corona tatsächlich beide Elternteile mit dem Arbeitgeber sprechen, wie diese Situation geregelt werden kann. Aber auch, dass Mütter zulassen, dass Väter vielleicht eher Netflix und Pommes aufs Tagesprogramm setzen. “Manchmal können wir Mütter von Vätern einiges lernen”, findet Laura. “Sie leiden nicht so sehr am Perfektionismus und lassen sich nicht von den nächsten zehn kreativen Bastelideen für einen entspannten Nachmittag mit Kindern unter Druck setzen.”

Alle Aufgaben aufzuschreiben und die Verteilung neu zu verhandeln, das koste natürlich Zeit und Mühe. Zeit, die man gerade jetzt hat oder erst recht nicht hat. Lohnen tue es sich trotzdem, findet Laura, die im Corona-Chaos gerade an den letzten Zeilen ihres Mental-Load-Buches arbeitet. “Es war für uns auch nicht immer nur einfach, die Rollen neu zu verteilen, schließlich mussten wir auch gewohnte Stereotype abschütteln. Aber jetzt verstehen wir uns wieder mehr als Team. Als Paar haben wir zu 100 Prozent davon profitiert.”

Mental-Load-Selbsttest:

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Bloggerin Johannan (feministmotherhood) hat einen Selbsttest zum Thema Mental Load entwickelt, der die alltäglichen Aufgaben sichtbar macht und dazu beitragen soll, alte Gewohnheiten aufzubrechen. https://equalcareday.de/mentalload-test.pdf

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