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Comiczeichnerin Anke Kuhl: „Kinder mögen existenzielle Themen“

  • Für ihren Kindercomic “Manno!” hat Anke Kuhl den Max-und-Moritz-Preis erhalten.
  • Viele ihrer Geschichten sind durch ihre eigene Kindheit inspiriert.
  • Ein Gespräch über Wilhelm Busch, digitale Medien und die besten Comics für junge Leser.
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Frau Kuhl, für Ihren Kindercomic “Manno!” haben Sie in diesem Jahr den Max-und-Moritz-Preis bekommen. Was bedeuten Ihnen Max und Moritz?

Als Kind hatte ich einen Band mit den Bildern und Versen von Wilhelm Busch, und den habe ich sehr geliebt. Hinten im Buch waren Gemälde von Busch abgedruckt, und ich war schon damals davon fasziniert, dass jemand nicht nur witzig zeichnen, sondern auch richtig malen kann. Außerdem fand ich die Reime schon immer sehr lustig. Busch hatte ein Gespür dafür, auch mal unkonventionell zu reimen, dabei ist das immer treffsicher und gewandt. Einige seiner Reime sind in unseren Familienjargon eingegangen.

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Auf jeden Fall. Ich finde, das hat immer noch Witz.

Noch einmal in die Kindheit eintauchen

“Manno!” ist ein autobiografischer Comic. Sie wirken in den Geschichten munter und fantasievoll. Waren Sie ein selbstbewusstes Kind?

Auf eine Art ja. Ich hatte das Glück, dass meine Eltern meine Schwester und mich in unserer Entwicklung und Kreativität gefördert haben. Dadurch hatte ich ein Selbstbewusstsein, was Sprache, Humor und Kreativität betrifft. Ich war ein lebensfrohes Kind und hatte früh Spaß an witzigen Geschichten. Aber es gab natürlich auch Unsicherheit und Angst – zum Beispiel vor den drei Boxern von Herrn Göbel, an denen ich auf meinem Schulweg immer vorbei musste.

Wie war das für Sie, für das Buch in Ihre Kindheit zurückzukehren?

In mir steckt noch viel Kind, und ich bin ein Mensch, der sich ziemlich detailreich an seine Kindheit erinnert. Am liebsten gemeinsam mit meiner älteren Schwester und mit meinen Freundinnen, die im Buch zu sehen sind. Dadurch wird das alles sehr wach gehalten. Es war sehr intensiv, zeichnerisch in diese Zeit einzutauchen und eben nicht nur mit Freunden darüber zu sprechen, sondern alles abzubilden – also die eigene Kindheit wie eine Regisseurin zu inszenieren. Dauernd könnte ich das nicht machen: Man durchlebt ja alles noch einmal, das Schöne, aber auch das Schmerzliche.

Zur Person: Anke Kuhl, geboren 1970, lebt in Frankfurt. Sie schreibt und illustriert Kinderbücher. Für das Buch “Alles Familie!”, das sie gemeinsam mit Alexandra Maxeiner gemacht hat, haben die beiden 2011 den Deutschen Jugendliteraturpreis erhalten. Für ihren Kindercomic “Manno!” (Klett-Kinderbuchverlag, 128 Seiten,18 Euro) wurde Kuhl mit dem Max-und-Moritz-Preis ausgezeichnet. © Quelle: Foto: Stephan Jockel

Unbeschwerte Kindheit durch Liebe und Verständnis

Ihr Buch hat auch etwas Historisches: Sie leben mit den Großeltern in einem Haus, schwärmen für Abba, machen Telefonstreiche. Ist das für heutige Kinder nicht eine ganz fremde Welt?

Menschen meiner Generation haben sich natürlich leicht in den Geschichten wiedererkannt und viel aus dieser Zeit entdeckt. Aber ich habe auch viele Reaktionen von Kindern bekommen: Die fühlen sich von den existenziellen Themen und Erfahrungen angesprochen – wie der Angst vor großen Hunden, Streit mit der Schwester oder dass wir beim Klauen erwischt wurden. Auf der emotionalen Ebene gibt es im Buch zahlreiche Themen, die zeitunabhängig sind. Das scheint für Kinder und Jugendliche zu funktionieren.

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War Ihre Kindheit in den Siebzigerjahren einfacher und – Stichwort soziale Medien – unschuldiger als eine Kindheit 2020?

Sie war auf jeden Fall übersichtlicher. Heute ist alles schneller und dichter, und Kinder erleben früh Termindruck, das ist zumindest in meinem Umfeld so. Die digitalen Medien nehmen Kindern heute schon ein gutes Stück an Wildheit und Freiheit weg, finde ich. Doch ob es früher einfacher war? Schwer zu sagen. Meine Schwester und ich hatten eine gute Kindheit: ein Haus mit Garten und Rückzugsmöglichkeiten, es war immer jemand im Haus für uns da, und trotzdem konnten wir für uns sein. Aber ich hatte auch Freundinnen, die unter sehr unglücklichen Bedingungen aufgewachsen sind. Ob eine Kindheit unbeschwert ist, hängt aus meiner Sicht vor allem davon ab, ob man verständnisvoll und mit Liebe begleitet wird.

Mehr Wertschätzung für literarische Comics

Mit Kollegen aus Frankfurt arbeiten Sie schon lange in einer Ateliergemeinschaft. Sind Sie grundsätzlich ein Familienmensch?

Auf jeden Fall. Ich lebe in einer ganz klassischen Familie mit Mann, zwei Kindern und Katze. Und meine Ateliergemeinschaft ist auch eine Art von Familie, mit allen Höhen und Tiefen. Stabile soziale Konstruktionen liegen mir offenbar sehr.

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Comics, Graphic Novels und Mangas sind in den vergangenen Jahren immer populärer geworden und als Kunstform anerkannt. Spüren Sie diese Wertschätzung auch?

Der Trend geht auf jeden Fall seit zehn, 15 Jahren in diese Richtung. Gerade durch die Graphic Novels, die einen größeren erzählerischen und thematischen Spielraum haben, fühlen sich deutlich mehr Menschen davon angesprochen. Es wird auch mehr Wert auf literarische Qualität von Comics gelegt. Aber es gibt immer noch Ressentiments gegen Comics und Erwachsene – etwa auch Lehrer –, die sagen, dass bei ihnen nur anständige Literatur gelesen wird.

Ein Auszug aus Anke Kuhls Comic “Barbiesalat”. © Quelle: Anke Kuhl
Ein Auszug aus Anke Kuhls Comic “Barbiesalat”. © Quelle: Anke Kuhl

Welche Comics für Kinder und Jugendliche schätzen Sie denn besonders?

Für Grundschulkinder ist die “Ariol”-Reihe von dem Texter Emmanuel Guibert und dem Zeichner Marc Boutavant toll. Die Geschichten über einen kleinen Esel sind sehr witzig und stecken voller herrlicher Ideen. Einer meiner Lieblingscomics für Jugendliche ist “Esthers Tagebücher”. Der Zeichner Riad Sattouf spricht regelmäßig mit der Tochter eines Freundes und zeichnet ihre echten Erlebnisse auf. Das ging los mit “Esthers Tagebücher: Mein Leben als Zehnjährige”. Mittlerweile ist Esther 13, und der vierte Band ist vor Kurzem auf Deutsch erschienen. Sattouf ist einfach großartig, kaum zu überbieten.

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