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Chancenwerk: Gleiche Bildungschancen für alle – voneinander lernen im Lockdown

  • Gemeinsam mit seiner Schwester Şerife hat Murat Vural vor über 16 Jahren Chancenwerk e. V. gegründet.
  • Die gemeinnützige Organisation aus Castrop-Rauxel (NRW) unterstützt bundesweit Kinder und Jugendliche beim Lernen.
  • Chancenwerk vernetzt Studierende und benachteiligte Schülerinnen und Schüler, um durch individuelle Förderung die Bildungschancen der Kinder und Jugendlichen zu verbessern.
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Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) erklärt der Sozialunternehmer Murat Vural, warum er mit seinem Projekt Chancenwerk e. V. manche Kinder gern schubsen möchte – und dass es manchmal eine wertvollere Währung als Geld geben kann.

Viele Kinder und Jugendliche verlieren gerade den Anschluss in der Schule. Eine Erfahrung, die Sie als Gastarbeiterkind kennen. Inzwischen aber sind Sie Ingenieur und Unternehmer. Was hat Ihnen damals in der Schulzeit geholfen?

Murat Vural: Ich glaube, das erste war das Talent für Mathematik und für Zahlen. Damit konnte ich den Lehrern beweisen, dass ich auch ohne Deutschkenntnisse doch zu etwas tauge. Es kostet aber sehr viel Zeit und Kampfgeist, bis Leute ihre Vorurteile abbauen. Und ich glaube nicht, dass die meisten Schülerinnen und Schüler, ob mit Migrationshintergrund oder ohne, das immer schaffen können. Mich haben aber auch die Unterstützung meiner älteren Geschwister und die bedingungslose Liebe meiner Eltern gerettet. Sie haben sicher dazu geführt, dass ich heute einigermaßen glücklich und ein bisschen erfolgreich geworden bin.

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Der Gründung Ihrer Organisation ging ein Satz voraus: „Bruder, wir müssen was tun!“ Was hat es damit auf sich?

Ja, den hat meine Schwester zu mir gesagt. Das war 2004. In unserer Familie hat uns immer wieder die Frage beschäftigt, warum ausgerechnet wir es geschafft haben und andere nicht. Zu diesem Zeitpunkt habe ich gerade mein Promotionsstudium gemacht und meine Schwester hat an ihrer Diplomarbeit über Mädchen mit Migrationshintergrund und ihre Probleme in Deutschland geschrieben.

Dann hat sie eben diesen Satz zu mir gesagt: Bruder, wir müssen was tun! Bis dahin war ich gar nicht sensibilisiert für diese Probleme. Ich hatte immer gedacht, dass das, was ich in der Schule erlebt habe, eben nur meine Geschichte war. Also dachten wir: Ich bin gut in Mathe und Physik, dann helfe ich ehrenamtlich. So haben wir angefangen.

Inzwischen haben Sie ein großes Team und unterstützen deutschlandweit Kinder und Jugendliche. Was macht Chancenwerk anders?

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Bei uns geht es auch darum, dass die Kinder nicht allein sind, dass sie Selbstwirksamkeit spüren. Die erste Zeit habe ich mit einer Handvoll Studierender weiterhin ehrenamtlich geholfen. Dann haben wir gemerkt, dass diese Kinder von sich aus ihr Wissen an jüngere Schülerinnen und Schüler weitergegeben haben. Das hat uns total überrascht, war aber auch super interessant. Daraus haben wir die Lernkaskade entwickelt. Das Prinzip geht so: Die Schüler aus den höheren Jahrgängen bekommen in Kleingruppen von Studierenden Hilfe.

Als Gegenleistung müssen sie den jüngeren Kindern, etwa aus der fünften Klasse, helfen. Sie unterstützen dann unter Anleitung eines Studierenden selbst eine Kleingruppe mit jüngeren Schülerinnen und Schülern. Noch immer beeinflusst ja der sozio-ökonomische Status der Eltern die Karriere der Kinder. Hier aber wird nicht mehr mit Geld getauscht, sondern mit Wissen und Zeit. Die Jugendlichen haben also etwas in der Hand, womit sie ihre eigene Rettung bezahlen können.

Es kostet also nichts?

Die Schulen zahlen nichts und auch nicht die Eltern der Jugendlichen, weil die Jugendlichen ja selbst helfen. Nur die Eltern der Kinder zahlen im Monat für 16 Unterrichtsstunden 20 Euro. Viele sind aber auch Kinder, die mit dem Bildungs- und Teilhabepaket gefördert werden, hier übernimmt also der Staat die Kosten. Manche Eltern zahlen nicht immer regelmäßig, aber bei den allermeisten ist die Zahlungsmotivation extrem hoch.

Setzt sich mit seinem Chancenwerk für gleiche Bildungschancen von Kindern ein: Murat Vural. © Quelle: Murat Vural

Wie genau unterstützen Sie die Kinder und Jugendlichen?

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Nach 15 Jahren haben wir festgestellt: Die Lernkaskade ist eine richtige Methode. Doch durch diese klassische Lernförderung rettet man immer nur den Moment. Wir fingen also an uns zu fragen: Wo stehen die Kinder und Jugendlichen eigentlich? Es ging dabei nicht mehr nur um Hausaufgaben oder die nächste Prüfung, sondern um zentrale Basiskompetenzen. Beherrschen sie die Grundrechenarten? Was haben sie aus der Vergangenheit nicht verstanden? Aus diesen Überlegungen haben wir das Cosinusprogramm entwickelt.

Was heißt das genau?

Wir testen jeden einzelnen Schüler auf seine Basiskompetenzen. Dafür nutzen wir zum Beispiel den Bielefelder Mathe-Check. Der wird auch vom Schulministerium in NRW empfohlen. Damit können wir Kompetenzlevel von 0 bis 3 ermitteln. Mit den Ergebnissen können wir die Kinder ganz gezielt fördern, also Lernpläne mit Materialien erstellen. Das läuft unabhängig von Schulform, Lehrer oder Bundesland. Es geht ja um die Kompetenzen, zum Beispiel: Kann das Kind Bruchrechnen?

Warum nehmen Sie die Basiskompetenzen in den Blick, statt Lernpläne der Kinder?

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Ich möchte ja nicht den Job der Lehrerinnen und Lehrer machen. Mir geht es um die Kinder, die auf der Strecke bleiben. Ich habe immer dieses Bild im Kopf: Der Lehrer ist vorne und hinter ihm laufen die Kinder. Auf dem Weg bleiben immer wieder ein paar Kinder auf der Strecke. Ich laufe zu ihnen hin und schubse sie ein bisschen, damit sie den Anschluss zur Gruppe finden. Der Lehrer ist ja schon genug damit beschäftigt, die ganze Gruppe zu bewegen. Der kann nicht einfach stehen bleiben. Aber ich bin überzeugt: Kinder sind nicht doof, weil sie nichts verstehen, sondern sie haben in der Vergangenheit etwas nicht kapiert und haben keine Zeit, das nachzuarbeiten.

Das Cosinusprogramm gibt es aber nur für Mathe?

Für Deutsch und Englisch arbeiten wir auch gerade daran, aber wir haben nicht unbegrenzte Ressourcen. Im Herbst haben wir angefangen, die gesamte Organisation auf die digitale Ebene zu bewegen. Aktuell arbeiten jeweils zehn Lehramtsstudierende an Tests und Materialien für alle drei Fächer.

Das fehlende Wissen zu ermitteln und gezielt zu fördern, ist es das, was wir gerade in der Corona-Krise brauchen?

Auf jeden Fall! Und es ist so simpel! Wir haben den Mathetest ja eigentlich nur wiederbelebt. Das gibt es ja alles schon. Anders als bei den von Ministerien angeordneten Lernstandserhebungen bekommen die Lehrer und Lehrerinnen damit ja konkrete Informationen darüber, wo die Kinder gerade stehen. Aber es ist ein Ressourcenproblem. Die Tests dauern 90 Minuten. Aber sie müssen ausgewertet werden. Das können Lehrkräfte kaum leisten. Von uns bekommt jedes Kind einen umfangreichen Rückmeldebogen mit den Ergebnissen. Und wir hoffen, dass wir mit der digitalen Plattform noch viel mehr Kinder erreichen können.

Jetzt in der Corona-Zeit haben wir auch gemerkt, wie wichtig die Elternarbeit ist. Eltern denken oft, sie könnten ihrem Kind nicht helfen. Aber es gibt so viele Dinge, die sie machen können. Einen ruhigen Raum zum Lernen zu schaffen, obwohl das Kind kein Zimmer hat, das ist schon unglaublich viel. Oder einen Verwandten zu finden, der mal hilft. Uns ist es wichtig, dass wir auch die Eltern begleiten und empowern.

Aber wäre Ihr System nicht in der aktuellen Situation übertragbar auf alle Schülerinnen und Schüler? Also die Kompetenzen zu testen, statt sie blind ins nächste Schuljahr zu versetzen?

Der Test, die Diagnose, das ist überhaupt nicht das Problem. Die Auswertung aber kostet Zeit. Es ist also eine Ressourcenfrage. Und man darf die Macht der Lernkaskade nicht unterschätzen. Wenn ich weiß, dass das Kind kein Bruchrechnen kann, braucht es auch ein Instrument, nämlich die Lernkaskade, die es weiterbringt. Auch wir sind immer noch am Anfang. Das Problem zu benennen, ist also nicht das Problem. Das adressierte Problem zu lösen, das ist das Problem. Das dauert seine Zeit. Daran habe ich schon vor Corona gearbeitet und, ich werde es auch danach noch tun.

Trotzdem bieten Sie ja eine Lösung für etwas, das jetzt in der Corona-Krise noch drängender geworden ist. Klopfen die Kultusministerien schon bei Ihnen an?

Noch nicht viele. Aber das Bundesland Bremen hat uns jetzt dafür beauftragt, dass wir in 26 Bremer Schulen die Abiturvorbereitung digital übernehmen. Ich habe 50 Studierende aus ganz Deutschland, die diese 350 Jugendlichen unterstützen. Jetzt wird es auch noch auf die Zehntklässler erweitert. Wir sind aber auch mit vielen anderen Organisationen wie Arbeiterkind e. V. vernetzt und hoffen, durch die Vernetzung und die Digitalisierung noch viel mehr Jugendliche schneller zu erreichen.

Richten Sie sich ausschließlich an Kinder aus benachteiligten Familien?

Es wird nicht selektiert. Ich bin selbst genug selektiert worden. Auch ein Chefarztkind kann benachteiligt sein. Vielleicht nicht bezüglich des Geldes, aber bezüglich anderer Sachen. Aber die meisten Schulen, die mit uns zusammenarbeiten, sind eben jene, bei denen der Migrationsanteil hoch ist, die viele sozial benachteiligte Kinder haben. Die, die es brauchen, schreien eben auch am meisten. In den Schulen suchen meistens dann die Lehrkräfte die Kinder aus, die Unterstützung brauchen.

Was würden Sie den Jugendlichen mit auf den Weg geben, die in diesem Schuljahr keine Perspektive mehr sehen?

Durch die Arbeit in den Lernkomitees, also die Zusammenkunft mit Studierenden und anderen Schülern, konnten wir diesem Gefühl der Einsamkeit in der Corona-Krise ganz gut entgegenwirken. In den Videokonferenzen spüren die Kinder: Ich bin nicht alleine, ich bin nicht der einzige, der nichts versteht. Und indem sie helfen, spüren Jugendliche ihre Selbstwirksamkeit, sie erhöhen die Affinität für Bildung. Deswegen kann ich nur sagen: Allein ist es schwer. Vernetzt euch!

Chancenwerk e. V. wird zu etwa drei Vierteln von Spenden finanziert. 13 Prozent der Finanzierung wird von Elternbeiträgen und 14 Prozent von Mitteln der öffentlichen Hand (Bildungs- und Teilhabepakete) getragen. Die Organisation umfasst 58 festangestellte Mitarbeitende und über 500 Studierende, die sich zum Teil ehrenamtlich engagieren. Gelernt wird in kleinen Gruppen mit einer Lernkoordination – vor Corona analog in den Schulen, während der Corona-Krise digital. Kehren die Schülerinnen und Schüler in Präsenz an die Schulen zurück, will Chancenwerk e. V. die Förderung in hybrider Weise fortführen.

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