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Bindungstherapeutin: “Für viele Mütter ist Mom-Shaming schon fast normal”

  • Müttermobbing hat viele Facetten.
  • In den letzten Jahren haben vor allem die sozialen Netzwerke dafür gesorgt, dass die hohen Erwartungen an Mütter noch verstärkt werden.
  • Im Interview erzählt Therapeutin und Mutter Katharina Pommer, wie sich das “Mom-Shaming” in den letzten Jahren entwickelt hat.
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Katharina Pommer ist Mutter von fünf Kindern. Seit 17 Jahren arbeitet sie in ihrer bindungstherapeutischen Praxis mit Müttern, Paaren und Familien. In ihrem Buch “Stop Mom-Shaming” beschreibt sie die verschiedenen Facetten des Müttermobbings. Im Interview plädiert die Therapeutin für ein neues Miteinander.

Erwartungen an Mütter sind immer sehr hoch

“Stop Mom-Shaming” heißt Ihr Buch. Was genau kann man sich darunter vorstellen?

Es geht um Müttermobbing. Das ist gegeben, wann immer Mütter auf eine ungerechtfertigte und harsche Art und Weise dafür kritisiert werden, wie sie Kinder erziehen oder wie sie einfach als Mama mit ihren Kindern umgehen. Das ist ein großes Problem, was auch uns als Gesellschaft betrifft.

Warum glauben Sie, dass gerade Mütter so eine Angriffsfläche bieten?

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Die Erwartungen sind immens hoch. Sobald eine Frau schwanger ist, wird von ihr erwartet, dass sie auf magische Weise plötzlich weiß, was für das Kind das Beste ist. Andererseits ist die Gesellschaft sehr hart in der Kritik, wenn es zu einem Störfaktor kommt. Gehen Sie mit Ihren Kindern ins Restaurant, sagen die Leute am Nebentisch schnell: “Können Ihre Kinder nicht mal still sitzen?” Und es ist die Widersprüchlichkeit, ein bisschen wie gerade mit Corona: Überall sehen wir unterschiedliche Studienergebnisse, unterschiedliche Meinungen und Erwartungen daran, was richtiges Verhalten ist. Was bleibt, ist die Unsicherheit und das Gefühl, nichts richtig machen zu können. Ähnlich geht es uns Müttern.

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Katharina Pommer ist Mutter von fünf Kindern und berät seit 17 Jahren in ihrer bindungstherapeutischen Praxis Mütter, Paare und Familien. © Quelle: Michael Goldenbaum

Abstand vom Leistungsanspruch nehmen

In welchen Bereichen kommt Mom-Shaming vor?

Es gibt unterschiedliche Formen von Müttermobbing. Die gesellschaftliche ist nur eine Ebene, da findet auch viel auf Social Media statt. Es gibt auch strukturelles Müttermobbing wie die Gender-Pay-Gap, also die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern. Dass Frauen mit Eintritt der Mutterschaft auf die gesamte Lebenszeit bis zu 70 Prozent von ihrem Gehalt einbüßen, das ist Mom-Shaming. Es gibt das Phänomen aber auch im Miteinander. Nehmen Sie zwei Mütter auf dem Spielplatz: Die eine hat das Kind per Kaiserschnitt bekommen, Fläschchen gegeben und nach acht Wochen schon in die Kita gegeben. Und nun trifft sie auf eine Mama, die eine Hausgeburt hatte und das Kind mit dreieinhalb Jahren noch stillt. Und deren Kinder spielen jetzt in der Sandkiste. Da kann sich so ein Gespräch schnell hochschaukeln.

Eine weitere Form ist das innere Mom-Shaming. Das kennen fast alle und es fängt an dem Punkt an, an dem man sich fragt: “Was mache ich nur falsch?” Wenn das Baby schreit, wenn es sich nur schlecht beruhigen lässt, wenn die Mutter Haushalt, Wochenbett, große Kinder, Arbeit oder Fitness nicht unter einen Hut bekommt, dann fühlt sie sich unzulänglich — was auch daran liegt, dass sie sich immer mehr vergleicht. Viele Frauen haben Ängste, dass ihre Kinder ihnen später einmal Vorwürfe machen. Und was machen wir? Wir werfen unseren eigenen Müttern genauso viel vor die Füße. Ich finde es wichtig, auch das Mom-Shaming unseren Müttern gegenüber umzulenken und von dem Leistungsanspruch, den wir an uns und unsere Eltern haben, Abstand zu nehmen.

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Mütter vergleichen sich heutzutage viel mehr

Hat sich das Müttermobbing Ihrer Meinung nach in den letzten Jahren verschärft?

Das hat sich in den letzten Jahren durch Social Media sehr verstärkt. Es ist unfassbar, was in diesen Online-Müttergruppen los ist. Auch welchen Einfluss Influencerinnen haben, die einen vermeintlich in den Alltag mitnehmen, in dem man die zwei Nannys im Hintergrund aber natürlich nicht sieht. Das führt dazu, dass die Mütter sich vergleichen — und immer unzufriedener werden. Kein Wunder, dass auch die Rate der Depressionen gestiegen ist. Früher hat man sich mit der Nachbarin verglichen, vielleicht noch mit der Mutter oder ein paar Freundinnen. Aber jetzt ist es global, man hat die ganze Welt im Wohnzimmer stehen.

Waren es eigene Erfahrungen, die Sie veranlasst haben, dieses Buch zu schreiben?

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Sie haben auf jeden Fall einen großen Teil dazu beigetragen. Das fing schon früh an. Ich bin mit 18 schwanger geworden und mein Mathe-Lehrer hat damals zu mir gesagt: „Eine Mutter macht bei mir kein Abitur!“ Tatsächlich bin ich zweimal durchgefallen und hab es im dritten Anlauf geschafft. Das war für mich massives Mom-Shaming. Ich habe aber auch die unterschiedlichen Dimensionen des Mobbings kennengelernt. Beispiel Kreißsaal: Unter der Geburt meiner ersten Tochter wurde mir tatsächlich ein Holzstock mit einem Leinentuch in den Mund geschoben und die Hebamme sagte nur: “Ohne Ton! Ohne Ton!” Nach zwei Minuten kam der Chefarzt mit seinen Studenten und hat angefangen zu dokumentieren. Ich musste also ruhig sein, damit gelernt werden konnte. Das war für mich Mom-Shaming.

Mom-Shaming ist für viele zur Normalität geworden

Gerade bei diesen Mobbingbeispielen aus Ihrem privaten Umfeld bin ich beim Lesen ins Stocken geraten. Ich selbst habe so etwas noch nie erlebt — und immerhin habe ich auch drei Kinder. Leben wir in so unterschiedlichen Welten?

Es gibt unterschiedliche Welten, klar. Aber ich bin in meiner Praxis auch mit vielen intimen Geschichten von Frauen konfrontiert und habe mir daher gedacht, dass ich jetzt einfach mal an die Öffentlichkeit gehen muss. Viele sagen im ersten Moment: “Sowas habe ich nicht erlebt!” Aber wenn sie mal wirklich in sich gehen, dann nehmen sie bei sich selbst oder bei Freundinnen doch einiges mehr wahr. Viele realisieren Mom-Shaming auch nicht, weil es schon so normal geworden ist. Zum Beispiel die Frage nach Kindern in Bewerbungsgesprächen, das ist für mich auch Mom-Shaming. Auch ich musste erst viel drüber nachdenken und reflektieren, in welchen Situationen in meinem Leben es Müttermobbing gab — und am Ende kam ich auf eine ganze Menge.

Jetzt sprechen wir die ganze Zeit über Mom-Shaming. Gibt es kein Dad-Shaming?

Doch, klar. Aber ich bin einfach selbst eine Mama und habe mit vielen Frauen gearbeitet, daher ist das einfach meine Expertise. Eines der nächsten Bücher wird sich um Männer drehen, aber dann nehme ich mir einen Co-Autor dazu. Denn Dad-Shaming gibt es, und wie! Zum Beispiel zuhause, wenn die Frauen die Männer die ganze Zeit kritisieren. Es gibt auch so viele Vorurteile Männern gegenüber, etwa dass Mütter wichtiger für Kinder wären. Dabei können Väter genauso wertvoll als Bindungsperson für Kinder sein, wie Mütter.

Brücken bauen und in den Dialog treten

Sprechen wir von Müttermobbing, von der Müttermafia, betreiben wir dann nicht auch ein gewisses Framing? Sie bedienen damit ja das Bild der sich bekriegenden, zickigen Mütter — ein Klischee, mit dem Sie ja eigentlich brechen wollen.

Ich habe im Buch sehr darauf geachtet, dass ich die Müttermafia, also die Frauen, die über andere herziehen, nicht anprangere. Dass ich darauf eingehe, warum es überhaupt zu diesen Vorurteilen kommen konnte und dass die Müttermafia nicht in diesen Frame gehört, wie auch die Helikopter- und die Tiger-Mom. Mir ist es wichtig, dass wir Brücken bauen und miteinander in den Dialog treten. Gerade bei einer Mama von der sogenannten Müttermafia ist dieses Verhalten oft eher ein Hilferuf. Aus Unsicherheit, Überforderung heraus haut sie auf andere drauf. Das ist typisch, denn in der Not kennen wir Menschen vier Reaktionen: Ich ziehe mich zurück, ich greife an, Ich erstarre oder ich unterwerfe mich. Und da finden wir uns alle wieder.

Was sind gute Strategien, im konkreten Fall mit Mom-Shaming umzugehen?

Erstmal ist es gut, überhaupt zu realisieren: Da ist jetzt etwas passiert, das ist über meine Grenze gegangen. Das merkt man auch körperlich, etwa dass einem heiß wird oder das Herz fängt zu schlagen an, man wird rot oder weiß gar nicht mehr, was man sagen soll. Daran merkt man, dass das Gegenüber gerade etwas gemacht hat, das das eigene System überfordert. Ob das gerechtfertigt ist oder nicht, ist eine andere Frage. Wichtig ist erst einmal das zu realisieren. Dann ist es wichtig, zu lernen, sich mitzuteilen. Zu sagen: “Ich merke, es geht mir nicht gut damit. Wie hast du das gemeint?” Wenn der andere dann noch einmal attackiert, ist es wichtig für sich einzustehen und die eigene Grenze deutlich zu machen. Dazu braucht es auch viel Bewusstsein darüber, was einem gut tut — und was eben nicht. Und das wiederum braucht Übung.

Sich auf das Positive fokussieren

Sie sprechen auch über die innere kritische Stimme. Wie kann man ihr begegnen?

Dazu gibt es einen ganzen Prozess. Wenn wir uns selbst fragen: “Was hab ich jetzt schon wieder falsch gemacht?”, dann spuckt mir mein Gehirn ganz schnell die Beweise aus, sagt mir: “Hier hat dein Kind eine schlechte Note nach Hause gebracht, hier hat dich dein Kind beleidigt, hier hat dich die Schwiegermutter kritisiert.” Das geht innerhalb von Sekunden. Eine Strategie kann also sein, sich andere Fragen zu stellen. Etwa: “Was habe ich heute gut gemacht?” Das klingt so simpel, aber das Gehirn funktioniert auch so simpel und es spuckt genauso auch Dinge aus, die wir gut gemacht haben. Und das wirkt sich auf unser Selbstbewusstsein, auf unsere Haltung aus und damit auch auf unsere Gesundheit.

Katharina Pommers Buch „Stop MomShaming - Miteinander statt gegeneinander" erscheint am 18. September im Goldegg Verlag. © Quelle: Goldegg Verlag

Sie haben fünf Kinder. Sind Sie immer noch empfänglich für Mom-Shaming-Attacken oder haben Sie inzwischen ein sehr dickes Fell?

Ein dickes Fell vielleicht nicht, aber ich habe mir antrainiert, ganz schnell die Perspektive des anderen einzunehmen. Und meistens meinen die das ja gar nicht persönlich. Ich nehme einfach nicht mehr alles als Angriff wahr. Manchmal regt mich auch etwas auf, aber dann ist das eine bewusste Entscheidung.

Die Perspektive des anderen wahrnehmen

Sie wünschen sich, dass wir wieder mehr in den Dialog treten. Wie könnte dieser Dialog aussehen?

Total spannend würde ich es finden, wenn die Frauen, die von ihren Positionen her sich krass gegenüberstehen, in den Dialog treten würden und mal die Perspektive des anderen einnehmen könnten. Stellen Sie sich vor, Sie zeichnen eine Sechs auf den Boden. Sie sehen dann eine Sechs, jemand, der Ihnen gegenüber steht, sieht aber eine Neun. Und beide haben Recht. Und so ist es doch, es gibt nicht die eine richtige Antwort, sondern unterschiedliche Perspektiven. Nehmen wir unser Beispiel am Anfang aus der Sandkiste: Ich bin mir sicher, dass die Kinder beider Mütter die gleichen Chancen haben, gesunde und glückliche Erwachsene zu werden. Denn auf die Details kommt es im Grunde gar nicht an. Es kommt darauf an: Wie geht es mir als Mama und wie bauen wir eine Beziehung miteinander auf? Wie betrachten wir das Leben? Haben wir uns doch mal wieder ein bisschen mehr gern! Das Muttersein ist schon herausfordernd genug.

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