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Bestatterin im Interview: “Es ist nicht egal, ob und wie wir Abschied nehmen können”

  • Beerdigungen in Zeiten von Corona unterliegen strengen Regeln.
  • Die Bestatterin Katja Seydel, 35, erzählt im Interview über Maskenpflicht und die besondere Behandlung von Covid-19-Toten.
  • Je aktiver die Angehörigen die Zeremonie mitgestalten, desto würdevoller wird die Beerdigung.
Silia Wiebe
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Berlin. Sie sind Bestatterin bei “lebensnah-Bestattungen” in Berlin und waren zuvor zehn Jahre Werbetexterin, ehe Sie Ihren Job vor drei Jahren kündigten und Bestatterin wurden. Wie kam es dazu?

Die Arbeit in einer Werbeagentur am Computer hat mich nicht mehr erfüllt. Ich hatte das Bedürfnis, etwas Sinnvolleres tun zu wollen, etwas, das näher am Menschen ist. Ich verordnete mir eine sechsmonatige Auszeit, um den Kopf frei zu kriegen. Mein neuer Beruf hat mich dann wie von selbst gefunden. Ich lernte einen Bestatter kennen, er bot mir ein Praktikum an. Es gefiel mir so gut, dass ich geblieben bin.

Erinnern Sie sich an Ihre erste Leiche?

Oh, ja, das war sehr eindrücklich. Der Mann hatte sich vor die Gleise geworfen und war entsprechend entstellt. Ein starkes Bild. Mein Chef und ich fanden es richtig, dass ich gleich mit dieser schwierigen Aufgabe beginne, auch um herauszufinden, wo meine Grenzen sind. Wir wuschen den Körper gemeinsam und machten den Verstorbenen so zurecht, dass seine Familie am offenen Sarg Abschied nehmen konnte.

Die Bestatterin Katja Seydel, 35, von lebensnah-Bestattungen in Berlin. © Quelle: Katja Seydel
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Hatten Sie keine Berührungsängste, waren Sie nicht überfordert?

Nein, ein Gestorbener hat für mich nichts Abschreckendes. Die Phantasie ist schlimmer als die Realität. Deshalb ermutigen wir Angehörige auch, ihre Verstorbenen noch einmal anzuschauen, auch nach einem schweren Unfall. Wir begleiten sie auch gerne dabei, gehen mit ihnen zusammen in unsere eigens dafür gemietete Kapelle im Berliner Domfriedhof. Die Schritte zwischen der Todesnachricht und der Beerdigung sind für den Trauerprozess wichtig.

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Seit Ausbruch des Coronavirus ist das Abschiednehmen für Angehörige schwerer als ohnehin schon, viele Schritte sind gar nicht mehr möglich.

Ja, besonders hart war es in den ersten Wochen. Selbst die Schwerkranken und im Sterben liegenden Patienten in den Kliniken, die nicht mit Covid-19 infiziert waren, durften keinen Besuch mehr empfangen. Da starb beispielsweise eine betagte Mutter ganz allein. Für ihre erwachsenen Kinder war es wichtig, die Mutter zumindest noch einmal zu sehen, um den Tod zu begreifen, vor allem dann, wenn sie weit entfernt voneinander wohnten und sich schon lange nicht mehr besucht hatten.

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Den Gestorbenen nochmal zu sehen, sofern er nicht unter Corona-Verdacht stand, war glücklicherweise immer erlaubt. Welche Rituale wurden wegen Corona verboten?

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Zu Anfang durften in Berlin nur fünf Personen bei einer Beerdigung dabei sein, bald darauf immerhin zehn. Allerdings zählten die Behörden die Bestatterin, den Friedhofsmitarbeiter, die Pfarrerin oder Trauerrednerin und die Sargträger mit. Sie können sich ausrechnen, wie viele Plätze da noch für Angehörige blieben. Der verwitwete Partner saß also am Küchentisch und musste entscheiden, welches seiner Kinder dabei sein darf.

Warum wurden die Beerdigungen nicht einfach verschoben?

Viele Angehörige haben tatsächliche die Urnenbestattung verschoben, weil sie sich einen großen Chor und eine Abschiedsfeier mit der Großfamilie wünschen. Bei Erdbestattungen ist das schwieriger. Jeder Tag im Kühlhaus kostet Geld und es ist natürlich auch eine Frage der Ethik, wie lange man warten möchte.

Kapelle auf dem Friedhof des Berliner Doms in Berlin Mitte kurz vor einer Abschiedsfeier. © Quelle: Katja Seydel

Auch für den Trauerprozess ist es sicher schöner, wenn eine Beerdigung zeitnah stattfinden kann.

Deshalb haben wir auf Wunsch auch Live-Übertragungen organisiert, also Kameras installiert, die den Trauerredner oder ein Familienmitglied, das einen Abschiedsbrief vorliest, und die Beisetzung aufnehmen. So konnten die in aller Welt verstreuten Freunde oder auch Verwandte, die nicht aus ihren Bundesländern ausreisen durften, virtuell dabei sein. Andere Angehörige teilten die Trauergäste in kleine Gruppen auf und wünschten sich von uns drei identische Trauerfeiern nacheinander in unserer kleinen Kapelle.

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Als Bestatter trugen Sie schon vor dem Ausbruch von Corona bei der Leichenwaschung Handschuhe, teilweise auch Mundschutz, um sich vor Infektionen zu schützen. Was ist anders bei der Bestattung eines Covid-19-Toten?

Stirbt jemand mit Corona – ich sage bewusst mit und nicht durch, weil es wochenlang gar keine Obduktionen gab – wird die Leiche in einen sogenannten Bodybag, eine kompostierbare Schutzfolie, gelegt und so ins Krematorium gebracht oder in die Erde gelassen. Der Tote trägt noch sein Krankenhaushemd und kann nicht wie sonst üblich von uns in ein Gewand seiner Wahl gekleidet werden. Normalerweise ist alles möglich vom Brautkleid bis zum Lieblingsjogginganzug.

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Welche Masken gibt es, wen schützen sie und was sollte man beim Tragen von selbstgenähten Masken beachten?  © Silia Wiebe/RND

Wie kamen Sie im Berufsalltag mit den ganzen Corona-Bestimmungen zurecht?

Ehrlich gesagt, wir Bestatter fühlten uns ziemlich allein gelassen in diesem Chaos von täglich wechselnden Regeln. Manche Kapellen wurden geschlossen wegen ihrer Größe, andere nicht. Das gemeinsame Singen auf dem Friedhof wurde verboten genauso wie das Waschen und Ankleiden der Leiche mit den engsten Familienangehörigen. Anfangs war auf allen Friedhöfen Maskenpflicht angesagt, jetzt ist es unterschiedlich. An der Not und dem enormen Einsatz unseres Berufsstands, der ja auch systemrelevant ist, wurde öffentlich ziemlich wenig Anteil genommen. Das betrifft genauso die selbstständigen Trauerredner, die über Wochen so gut wie kein Einkommen mehr hatten und die Friedhofsverwaltungen, die teilweise ihre Friedhöfe schließen mussten, weil diese als Ersatzparks missbraucht wurden.

Wie kam es denn dazu?

Die Spielplätze waren ja geschlossen und viele Parkbänke abgeklebt, so trafen sich die Leute in ihrer Freizeit auf den schönen Friedhöfen. Feiernde Jugendliche mit Bierflaschen und Großfamilien auf Picknickdecken machten es den Trauernden schon schwer, in Ruhe Abschied zu nehmen.

Was hat sich wieder normalisiert und was raten Sie Angehörigen von Verstorbenen, die sich eine schöne Beerdigung wünschen?

Je nach Friedhof und Auslegung der Regeln hat sich die Anzahl der Trauergäste wieder erhöht und es ist wieder möglich, die Einäscherung im Krematorium zu begleiten, was lange verboten war. Eine schöne Beerdigung ist so individuell wie das Leben der Verstorbenen selbst. Sie lebt davon, dass die Angehörigen uns so nah wie möglich bei unserer Arbeit begleiten können und so viel wie möglich selbst gestalten. Was von Familien und Freunden kommt, charakterisiert das Leben des Menschen einfach am persönlichsten. Ob und wie wir von jemandem Abschied nehmen, kann den Trauerprozess erschweren oder unterstützen.

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