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Appell einer Grundschullehrerin: Lasst die Schulen auf - „Kinder brauchen Kinder“

  • Es ist eine viel diskutierte Frage: Schulen schließen oder, so lange es geht, offen lassen?
  • Grundschullehrerin Britta Weisberg sagt ganz klar: auflassen.
  • Denn für Kinder ist die Grundschule ein Ort, der mehr für sie tut, als Bildung vermitteln.
Alice Mecke
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Hannover. Britta-Maria Weisberg (37) ist Klassenlehrerin an einer Grundschule im niedersächsischen Springe. Seit etwas mehr als acht Monaten unterrichtet sie nun im Corona-Modus - der veränderte Schulalltag sei dabei nicht das größte Problem. Eher ist es die soziale Kluft, die mehr und mehr auseinanderbricht. Ihr dringlicher Appel lautet daher: Lasst die Schulen offen! Dabei stehen für die Pädagogin vor allem die Bedürfnisse der Kinder im Vordergrund, nicht der verpasste Mathematikunterricht, wie sie im RND-Interview betont.

Frau Weisberger, wie ist die aktuelle Situation an der Schule?

Unser Alltag ist tatsächlich im Großen und Ganzen sehr kindgerecht geblieben. Eine Änderung ist, dass die Kinder einen Mundschutz tragen müssen, wenn sie in den Fluren und den Pausenhöfen sind. Wir haben bei uns an der Schule als erstes morgens die sogenannte „Wasch-Schleuse“ eingeführt. Das heißt, dass sich die Kinder morgens erstmal in unserer großen Turnhalle die Hände waschen. Wenn sie dann im Klassenzimmer angekommen sind, können sie den Mundschutz absetzen. Zurzeit läuft bei uns auch alles nach Regelbetrieb. Die Kinder dürfen sich auch ohne Abstand im Klassenraum bewegen.

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In den Pausen sind die Kinder in ihren Kohorten. Das heißt: Die Jahrgänge eins, zwei, drei und vier sind getrennt, aber wie haben zum Glück einen sehr großen Außenbereich, wo sich die Kinder nicht begegnen, dadurch können sie sich sehr uneingeschränkt bewegen.

Unsere Schwerpunkte liegen auf den Fächern Mathe, Deutsch und Sachunterricht. Wir Lehrer können uns selber zuteilen, welche Fächer wir unterrichten wollen, beziehungsweise können. Kunst, Sport oder Religion sind das zum Beispiel. Wir haben nicht wie sonst einen festen Stundenplan, sondern schauen, was wir im Moment machen können.

Die größten Einschränkungen liegen für die Kinder eher darin, dass es zurzeit keine außerschulischen Lernorte mehr gibt.

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Welche Veränderungen gibt es in Ihrem Arbeitsalltag?

Wir haben zum Beispiel keine richtigen Pausenzeiten mehr. Wir hatten sonst eingeteilte Pausenaufsichten, jetzt muss es mehrere geben. Mein Brot esse ich jetzt zwischen Tür und Angel, weil ich nun aufpassen muss, dass die Kinder in der Frühstückspause nicht essend herumlaufen und ich ihnen deshalb vorlese. Es ist natürlich eine Umstellung, aber für mich persönlich ist das absolut zu schaffen.

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Struktur und Sicherheit: Die riesige Freude auf die Schule

Wie ist es den Kindern in den letzten acht Monaten ergangen? Kann man Veränderungen sehen oder sind die so individuell, wie die Kinder selbst?

Ich glaube, da kann man die Kinder tatsächlich nicht über einen Kamm scheren, das fällt uns zumindest auf. Doch bei Kindern aus sozial schwachen Bereichen, denen es an Unterstützung, an Arbeitsplätzen, Fürsorge und vor allem an einem Tagesrythmus fehlt, beobachten wir, dass sie noch ruheloser sind als sonst. Wahrscheinlich auch aus dem Grund, freuen sich diese Kinder sehr, in der Schule zu sein. Ich glaube, ich habe generell noch nie so eine Begeisterung für Schule bei Kindern beobachten können wie jetzt. Die haben einen richtigen Hunger danach, was man als durchaus positiv sehen kann.

Es gibt auch Kinder, die erzählen: „Mein Vater hat durch Corona seinen Job verloren, wir haben kein Geld mehr.“ Oder: „Meine Mutter ist den ganzen Tag traurig.“ Kinder sind in diesem Alter ja ein offenes Buch. Andere wiederum finden es toll, dass Papa den ganzen Tag zu Hause ist, weil er im Home Office arbeitet.

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Insgesamt kann ich sagen, dass sich alle Kinder sehr auf und über die Schule freuen, sie sind wahnsinnig gerne da und genießen die Zeit bei uns total.

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Und genau diese Freude sollte man den Kindern natürlich nicht nehmen.

Schule, vor allem die Grundschule, ist so viel mehr, als ein Arbeitsblatt hinzulegen. Sonst bräuchte man uns ja auch gar nicht. Einen Sitzkreis bilden, den Buchstaben „S“ mit dem Finger in den Sand malen, Blätter sammeln - das ist Grundschule.

Es heißt immer, die Medienpakete fehlen. Aber der Alltag in Grundschulen sieht anders aus: Hier spielen die Kinder im Sand, sie kneten, sie basteln, sie toben, all das können viele zu Hause nicht. Der Unterricht besteht nicht daraus, stumpf irgendwelche Aufgaben zu erfüllen. Es ist viel mit Hand, Herz, Bewegungen und auch Berührungen, die gerade total auf der Strecke bleiben.

Wenn Oma und Opa die Kinder abholen, geht der Schutzaspekt verloren

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Und bei Schulschließungen ist auch wieder die Frage nach der Betreuung groß.

Ja, und eigentlich sollen die Schulschließungen ja erfolgen, um Personen zu schützen. Als wir einmal kurzfristig schließen mussten, tummelten sich dann allerdings die Rentner, also Oma und Opa, vor dem Schulhof, um ihre Enkel in Empfang zu nehmen. Weil natürlich kein arbeitendes Elternteil so schnell umorganisieren konnte. Da geht für mich der Aspekt des Schutzes älterer Personen total verloren. Deshalb sagen wir bei uns, lasst die Kinder in den Schulen, bevor sie in die Notbetreuung geschickt werden müssen.

Und auch die Eltern klagen über Belastungsgrenzen, was sich wiederum auf die Kinder auswirkt?

Die Überforderung der Eltern bekommen wir natürlich auch zu spüren. Viele sagen, wie verzweifelt sie sind und das sie nicht mehr können. Dadurch hören wir oft, dass Eltern noch nie so viel Respekt vor uns Lehrern hatten wie jetzt. Auch deswegen plädieren wir dafür, die Schulen aufzulassen. Auch die Eltern sind „Opfer“, die dann auch nur das weitergeben, was sie selbst nicht aushalten. Wenn es Kindern an häuslicher Sicherheit fehlt, können sie das auch nicht immer in der Schule ablegen. Wir sind keine Psychologen, wir können an Beratungsstellen verweisen, aber auch die sind gerade komplett überfüllt.

Für mich ist es emotional belastend, dass einem die Hände gebunden sind, verzweifelten Kindern – und auch Eltern - zu helfen. Denn zurzeit gibt es zum Beispiel keine Sportangebote, man kann nicht sagen: „Nachher kannst du wieder zum Fußball, da wird es dir gut gehen.“ Wenn dann auch noch die Schule bis 15 Uhr zu ist, passiert emotional einfach viel bei Kindern.

Grundschulkinder werden kaum Bildungslücken aufweisen

Was sagen sie zu den groß befürchteten Bildungslücken? Kann man die in ein paar Jahren feststellen?

Ich denke kaum, dass bei den Kindern wirklich Lücken in der Bildung entstehen, wenn sie mal ein paar Monate nicht zehn plus zehn rechnen. Wir leben in Deutschland, es gibt genug Bildung in den ganzen Jahren danach. Die Schere ist eher das, was uns traurig macht. Also die einen Eltern, die mit ihren Kindern weiterüben und die anderen Eltern, die sich nicht so sehr kümmern können. Dadurch verpassen die Kinder den Anschluss und viel schlimmer: Sie merken, dass sie keine Unterstützung zu Hause haben – „wir sind die Verlierer“ ist dann das Gefühl. Das ist das, was uns so traurig macht – auch während Corona sind die sozial Schwächeren die Verlierer.

Für uns wäre es manchmal sogar leichter zu sagen: So, ihr habt jetzt zwei Wochen frei, die Eltern müssen nicht noch neben all den anderen Aufgaben die Kinder beschulen. Hinzu kommt, dass ich nicht weiß, wie Eltern meine Fächer Kunst, Sport und Sachunterricht zu Hause lehren sollen.

Und: Kinder brauchen Kinder. Es gibt ja auch Einzelkinder, die vereinsamen nahezu. Unter Kindern herrscht so viel Kommunikation, die dann auf der Strecke bleibt, die für den Lernprozess aber unglaublich wichtig ist.

Wie wird sich die Corona-Pandemie auf das weitere Leben der Kinder auswirken?

Das muss man differenziert betrachten. Es gibt Eltern, die ihren Kindern das Thema gut und verständlich erklären. Dann gibt es welche, die Corona überhaupt nicht wahrnehmen. Ich denke, sie werden weder positiv noch negativ davon beeinflusst. Das sieht man zum Beispiel auch daran, dass sie den Mund-Nasen-Schutz anziehen wie Schuhe.

Dann gibt es aber auch die Kinder die merken, „mein Leben hat sich seit Corona verändert und das hat mir Angst gemacht.“ Und ich glaube, dass diese Kinder noch lange daran zu knabbern haben und dass sie eine gewisse Grundsicherheit verloren haben. So eine Situation geht an keinem Kind spurlos vorbei.

Aber, und das finde ich sehr beeindrucken, Kinder können sehr gut trennen. Es gibt die Welt in der Schule und es gibt zu Hause. Da hat man als Lehrer einen hohen Stellenwert und es hat eine große Bedeutung, was wir sagen. Durch diese Beziehungsebene kann man die Kinder schon gut erreichen, wenn man sagt: „Ihr müsst euch keine Sorge machen.“ Auch aus dem Grund, sollten Grundschulen meiner Meinung nach offen bleiben – es geht um einen „sicheren Ort“, Spaß und Ablenkung für die Kinder.

“Staat, Sex, Amen”
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