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Trauma-Experte im Interview: Eine gestohlene Kindheit bleibt lebenslang ein Makel

  • Im "Ankerland", einem Trauma-Therapiezentrum in Hamburg, soll Kindern und Jugendlichen geholfen werden
  • Die jungen Patienten haben Gewalt, Vernachlässigung oder Missbrauch erlebt und sind schwer traumatisiert.
  • Solche Erlebnisse können lebenslange Folgen für die Heranwachsenden haben, berichtet Andreas Krüger, Leiter der Einrichtung.
Birk Grüling
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Hamburg. Das Ankerland Trauma-Therapiezentrum in Hamburg hilft Kindern und Jugendlichen, die durch Gewalt, Vernachlässigung oder Missbrauch schwer traumatisiert sind. Welche Folgen diese schlimmen Erlebnisse für die Heranwachsenden haben und wie ihnen bei der Bewältigung geholfen wird, berichtet Ankerland-Leiter Andreas Krüger.

Ort, an dem die Seele wieder heilen kann

Herr Krüger, was macht das Ankerland-Zentrum als Therapieeinrichtung für schwertraumatisierte Kinder besonders?

Andreas Krüger: Unser Angebot richtet sich vor allem an schwertraumatisierte Kinder und Jugendliche, die mit den Nachwirkungen dieser oft viele Jahre zurückliegenden Erlebnisse zu kämpfen haben. Unserem Ansatz liegt die noch recht junge Erkenntnis zu Grunde, dass nicht nur Soldaten im Krieg eine Art schwere Stresskrankheit, eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickeln können, sondern auch Kinder und Jugendliche. Wir wollen ein Ort sein, an dem ihre Seele wieder heilen kann. Dafür braucht es Zeit, Fachkunde, Geduld und Einfühlungsvermögen. Viele der Kinder und Jugendlichen kommen über mehrere Jahre zu uns.

Was haben die Kinder und Jugendliche erlebt, die zu ihnen kommen?

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Andreas Krüger: Vielen von ihnen haben in ihrem kurzen Leben schon viele, sehr belastende Erfahrungen gemacht. Wir haben Kinder, die schon als Säugling von ihren drogenabhängigen Eltern über Stunden allein und unversorgt gelassen wurden und vermutlich existentielle Ängste erlitten haben. Die meisten wurden vernachlässigt, geschlagen, misshandelt und sexuell missbraucht. Auch junge, unbegleitete Flüchtlinge kommen zu uns. Auch sie sind durch die Erlebnisse in den Kriegsgebieten, durch Terror und auf der Flucht schwer traumatisiert worden. Die meisten Kinder, die wir betreuen, leben nicht mehr bei ihren Eltern, sondern in Heimen, Adoptiv- oder Pflegefamilien.

Traumatisierte Kinder fallen oft durch Entwicklungsstörungen auf

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Welche Folgen haben solche schrecklichen Erlebnisse für die Kinder?

Andreas Krüger: Die Kinder leiden unter unterschiedlichen Trauma-Folgestörungen. Dadurch fallen sie regelmäßig auf, beispielsweise durch destruktives Verhalten, Ausraster, durch fehlende Konzentration in der Schule. Sie zeigen verschiedene Entwicklungsstörungen, klagen über zum Teil starken, unerklärlichen Schmerzen. Die Patienten leiden außerdem regelmäßig unter sogenannten Flashbacks, das sind horrorfilmartigen Nachhall-Erinnerungen. Schlafprobleme, durch Unruhezustände und schwere Albträume bedingt, kommen hinzu. Oft erinnert sich bei frühen Traumatisierungen offenbar nur der Körper.

Bildhafte Erinnerungen an diese Zeit sind entwicklungsbedingt nicht mehr möglich. Das macht es für Bezugspersonen oder Pädagogen, aber auch für die Kinder selbst schwer, die Folgen ihrer möglichen Traumatisierung als solche zu erkennen. Viele Kinder und Jugendliche fallen immer wieder durch ihr Verhalten auf und wechseln häufig die Schule, Pflegefamilie oder Wohngruppe – ohne, dass der wahre Grund für die vielen Schwierigkeiten erkannt wird.

Wie kommen die Kinder ins Ankerland?

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Andreas Krüger: Manche Kinder kommen durch den Rat von Kollegen, die in ihrer therapeutischen Praxis eine sehr schwere Trauma-Folgestörung feststellen und bei uns die größeren Ressourcen und eine ausgewiesene Kompetenz sehen. Die Polizei fragt ebenso in besonders schweren Fällen nach, wie auch Pädagogen und Sozialarbeiterinnen aus den Jugendämtern, Kitas, Schulen und den Kinderheimen. Auch mit Opferschutz- und Hilfeorganisation wie dem Weißen Ring und dem Krisen-Interventionsteam des DRK und der Notfallseelsorge arbeiten wir eng zusammen.

Es kann lange dauern, bis die Kinder sich für die Therapie öffnen

Wie sieht die Therapie konkret aus?

Andreas Krüger: Die Basis unserer Arbeit ist eine gesprächsorientierte Traumatherapie, ergänzt um weitere Angebote. Wenn aber ein Kind immer wieder unter “Flashbacks” seines Traums leidet, wird es sich nicht im Gespräch öffnen und so heilsames Mitgefühl erhalten können. Die Angst vor den schmerzhaften Erinnerungen ist in solchen Fällen oft größer als das Bedürfnis, sein Leid mitzuteilen. Deshalb sind auch andere Wege der Kommunikation – zum Beispiel in der Kunst- oder Musiktherapie.

Wir bieten hier einen geschützten und intimen Raum, um Gefühle und Erlebnisse auch auf andere, nonverbale Weise auszudrücken. Unser Angebot wird durch Körpertherapie ergänzt. Viele der Kinder leiden zum Beispiel unter einem gestörten Verhältnis zu ihrem Körper. Dazu kommen oft noch Haltungsprobleme oder körperliche Entwicklungsverzögerungen, komplexe gestörte Körperfunktionen und Schmerzen. Der geschützte Raum der körperorientierten Therapie bietet den Kindern heilsame Wege an, einen akzeptierenden, liebevollen Zugang zu ihrem Körper zu entwickeln.

Auch andere Wege der Kommunikation sind Teil der Therapie – zum Beispiel Kunst- oder Musiktherapie. © Quelle: privat
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Wie schnell nehmen die Kinder ihr Hilfsangebot an?

Andreas Krüger: Das kann durchaus dauern. Wir haben Kinder bei uns in Behandlung, die schon im Mutterleib Gewalt und Drogenkonsum ausgesetzt waren, schon durch mehrere Pflegestellen betreut wurden und nie eine Chance auf eine “normale” Kindheit mit kontinuierlich fürsorglichen, schutzbietenden Bezugspersonen hatten. Durch enttäuschende Erfahrungen haben sie oft auch das Vertrauen ins Hilfesystem und Pädagogen verloren. Schwere Bindungsstörungen, neben den bereits beschriebenen Trauma-Folgestörungen, belasten alle Beziehungen: zu sich selbst und den Anderen.

Hier kann es sehr lange dauern, bis wir überhaupt eine tragfähige Vertrauensbasis aufbauen. Deshalb müssen wir im ersten Schritt immer akzeptieren, dass auch unser Angebot, so sinnvoll und dringend nötig es auch sein mag, von den Kindern in Teilen erstmal abgelehnt wird. Unsere Behandlung ist deshalb in der Regel eher ein Marathonlauf und ganz selten ein Sprint.

Viele schaffen den Schritt in ein glückliches Leben

Gibt es bei diesen schweren Formen von Traumata überhaupt eine Chance auf Heilung?

Andreas Krüger: Ich vergleiche den seelischen Gesundheitszustand unserer Kinder oft mit körperlichen Verletzungszeichen nach einem sehr schweren Verkehrsunfall. Auch hier ist der Heilungsprozess mit vielen Operationen und Reha sehr langwierig. Möglicherweise werden gewisse Folgeschäden bleiben. Ähnlich ist es auch bei unseren Patienten. Wir haben Kinder, mit denen wir seit mehreren Jahren zusammenarbeiten. Irgendwann kommen sie nicht mehr wöchentlich, aber trotzdem besteht regelmäßiger Kontakt. Heilung ist oft möglich, seelische Narben werden aber bleiben.

Eine gestohlene (frühe) Kindheit bleibt lebenslang ein Makel. Oft sind es gerade die Trauma-Folgestörungen, die das gute Leben maßgeblich verhindern. Da können wir wirksam etwas verändern. Es ist wirklich beeindruckend zu sehen, wie stark viele von unseren Patienten sind und es nach Jahren wirklich schaffen, trotz allem erlittenem Leid ein zufriedenes und oft auch glückliches Leben in unserer Gesellschaft zu führen.

Wie hoch ist die Nachfrage nach einer so langfristigen und ganzheitlichen Therapie wie im Ankerland? Ihre Kapazitäten sind ja begrenzt.

Andreas Krüger: Ich habe aufgehört, eine Warteliste zu führen. Sonst könnte ich nachts nicht mehr einschlafen. Wir versuchen so viele Kinder wie möglich aufzunehmen – im Moment sind das etwa 50 pro Jahr. Allein in Hamburg gehen wir aber davon aus, dass etwa 5.000 bis 10.000 Kinder jährlich nach belastenden Erfahrungen eine Posttraumatische Belaststörung entwickeln. Darunter fallen auch Fälle, in denen Kinder einen schweren Unfall beobachten. Diese Kinder können oft in wenigen Wochen oder Monaten erfolgreich behandelt werden. Sie können durch eine Therapie und ein stabiles häusliches Umfeld gut aufgefangen werden. Die meisten von ihnen sind jedoch von schweren Formen von Vernachlässigung und Gewalterfahrungen betroffen.

So finanziert sich das Ankerland: Eine Unterstützung durch die Krankenkassen gibt es bisher nicht. Das Ankerland Trauma-Therapiezentrum finanziert sich über den Ankerland e. V. somit komplett über Spenden- und Stiftungsmittel sowie andere Zuwendungen. Für die Kinder und die Bezugspersonen ist das Angebot kostenlos. Weitere Informationen über www.ankerland.de.

Infokasten Dr. Andreas Krüger ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie und Paar- und Familientherapeut und ärztlicher Leiter des Ankerland Trauma-Therapiezentrums.

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