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Zurück zur Tradition: Wie Adventskalender verschenken wieder allen Freude macht

  • Adventskalender bereiten Eltern heute oft Kopfzerbrechen und Kindern mäßig Freude.
  • Dabei muss es nicht schwer sein, einen Adventskalender liebevoll selbst zu befüllen.
  • Eine Ernährungsexpertin und Familientherapeutin gibt Tipps, wie der Kalender wieder zur schönen Tradition werden kann.
Melina Runde
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Der Wecker klingelt. Die Augen sind weit aufgerissen. 1. Dezember zeigt das Datum an – O du fröhliche! Schnell zum Adventskalender sprinten, um das erste Türchen zu öffnen. Welche leckere Überraschung versteckt sich heute wohl dahinter? So oder so ähnlich erinnern sich vermutlich die meisten an die Adventszeit ihrer Kindheit. Die 24 verschiedenen Türchen, die die Weihnachtszeit einläuten. Der Gedanke dahinter war und ist, die Wartezeit auf Heiligabend zu versüßen.

Doch für viele Kinder sind weder Süßigkeiten noch kleine Geschenke heute etwas Besonderes. Nicht wenige Eltern sind ratlos, was sie noch ins Säckchen stecken sollen. Einer Umfrage des Marktforschungsinstituts YouGov von 2020 zufolge stimmen drei von vier Deutschen (74 Prozent) der Aussage zu, dass der Druck, einen Adventskalender zu verschenken, mit jedem Jahr mehr wächst. 53 Prozent sagen, dass ein Adventskalender unnötiger Konsum sei.

Zu viele Türchen

Jeder vierte Deutsche kauft YouGov zufolge einen fertigen Kalender. Die finden sich auch immer häufiger in Kinderzimmern: Man hänge am Brauchtum, aber oftmals fehle die Zeit zum Selbstbefüllen, sagt Edith Gätjen, Ökotrophologin und Familientherapeutin. Marken wie Lego, Playmobil oder Ferrero bieten Spielzeug- und Schokoladenkalender für Kinder an. Für Jugendliche und Erwachsene gibt es Türchen, hinter denen sich Socken oder Kosmetikartikel verbergen. „Das ist dann wirklich nur zum Konsumieren“, sagt Gätjen.

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Ihrer Ansicht nach gehe außerdem das Maß in einigen Familien verloren. Der Grund sei Überforderung. „Es wird einfach irgendetwas gekauft, um irgendwie mit sich selber ins Reine zu kommen.“ Darüber hinaus haben viele Kinder nicht nur einen, sondern gleich mehrere Adventskalender: „Da gibt es den von den Eltern, der Oma, der anderen Oma, der Patentante, den Kalender im Kindergarten oder in der Schule. Das ist für meine Begriffe ein absoluter Overkill“, kritisiert Gätjen.

Das Fest des Kommerzes

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Weihnachten ist das Fest der Liebe. Aber wie viel davon steckt in den eingekauften Massenanfertigungen? „Beim Adventskalender geht es darum, dem Kind zu zeigen: ‚Hey, wir warten hier auf etwas, das durchaus Bedeutung hat – nämlich Weihnachten‘“, sagt Gätjen. „Da finde ich es schön, wenn es etwas ist, das mit Liebe und Zeit gemacht wurde.“

Die Wurzeln des Tagezählens bis Weihnachten gehen auf die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück: Kinder legten in den Krippen der Kirchen täglich einen neuen Strohhalm dazu. Nach und nach löste sich der christliche Brauch von der Kirche ab. Der Adventskalender wurde kommerzialisiert.

Cracker statt Schokolade

Mit dem Selbstbasteln nähert man sich dem Grundgedanken des Adventskalenders wieder an. Gätjen empfiehlt den Adventskalender allerdings erst für Kinder zwischen drei und vier Jahren. „Erst dann verstehen sie überhaupt, was da passiert und dass es ein Warten auf Weihnachten ist.“ Natürlich könnten auch Süßigkeiten in die Säckchen oder Schachteln.

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10 Prozent des Gesamtenergiebedarfs der Kinder dürfen durch Süßes aufgenommen werden, rechnet Gätjen vor, die auch Dozentin an der Akademie für unabhängige Gesundheitsberatung im Bereich Säuglings- und Kinderernährung ist. Das wäre beispielsweise für Zweijährige ein kleines Tütchen Gummibärchen am Tag. „Unter der Voraussetzung, dass alle Grundnahrungsmittel ungesüßt sind – also Getränke, Milch und Milchprodukte sowie Getreideprodukte“, sagt sie. Heißt: Es gibt Wasser und ungesüßte Tees, Milch statt Kakao, Joghurt statt Vanillejoghurt und Vollkornbrot statt Schokobrötchen. Denn tatsächlich würden die meisten Kinder durch die Grundnahrungsmittel bereits mehr als genug Zucker aufnehmen, erklärt Gätjen. Als leckere und gesunde Alternativen zur Schokolade empfiehlt die Ernährungsexpertin Nüsse, Trockenfrüchte oder Cracker und Sesambrezeln.

Eine Mischung verschiedener Nüsse und Trockenfrüchte. Die könnte auch so manchem Kind als leckeres Türchen schmecken. © Quelle: picture alliance / Romain Fellens

Neben Naschwerk können auch Bastelmaterialien Kinder erfreuen – verbunden mit dem Versprechen, etwas zusammen mit Mama oder Papa zu malen oder zu bauen. Denn Zeit ist nach Ansicht von Gätjen das kostbarste Geschenk. Ein Gutschein für eine Vorlesestunde, einen abenteuerlichen Ausflug, einen Spaziergang durch den Wald oder einen gemeinsamen Schwimmbadbesuch am Wochenende ist für die ganze Familie ein Gewinn. „Da freut sich jedes Kind hunderttausendmal mehr drüber als über jede Schokolade“, ist Gätjen überzeugt.

Gutscheine und nette Botschaften

Und wie sieht es bei den größeren Kindern aus? Auch für Jugendliche kann der Adventskalender eine schöne Tradition sein, die die Familie zur Adventszeit zusammenrücken lässt. Statt über Süßigkeiten freuen diese sich ebenfalls über Gebrauchsgegenstände, wie Edith Gätjen aus eigener Erfahrung berichtet. Ihre Kinder bekamen damals zum Beispiel ein paar Radiergummis oder Klebeband. „Das ist immer gut, wenn man das als Vorrat hat.“

Auch heute noch bastelt sie ihren mittlerweile erwachsenen Kindern jedes Jahr einen Adventskalender. Der beinhaltet dann gern mal eine Flasche Olivenöl, eine schöne Gewürzmischung oder interessante Teesorten. Ein Gutschein kann ältere Kinder auch begeistern – ob für einen Kino- oder Pizzeriabesuch oder ein Buch. Und manchmal reicht schon eine kleine Botschaft hinterm Türchen. Ein Zettel, der Mut macht oder einen zum Lachen bringt oder auf dem einfach nur steht: Ich hab‘ dich lieb. Zum Fest der Liebe gerade richtig.

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