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„Adventskalender sind eine Übung in Disziplin“: Woher der Brauch kommt – und wie er sich entwickelt

Adventskalender gibt es erst seit etwa 1850.

Jeden Tag ein kleines Geschenk – und das 24 Tage hintereinander. Adventskalender sind längst auch bei Erwachsenen beliebt. Dabei waren sie zunächst eine Domäne der Kinder – und der Beginn einer konsumnahen Tradition, die sich vom religiösen Ursprung des Festes zusehends entfernte. Im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland erläutert die Volkskundlerin Esther Gajek, was es mit der Historie des Adventskalenders auf sich hat.

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Frau Gajek, was haben Kreidestriche, Strohhalme oder Kerzen mit Adventskalendern zu tun?

Jede Menge. So verkürzten früher manche Familien die Wartezeit bis zum Weihnachtsfest. Jeden Tag wurde eine Kreidemarkierung an der Wand weggewischt, ein Strohhalm in eine kleine Krippe gelegt, ein buntes Bild aufgehängt oder eine Kerze ein Stück weit abgebrannt. Es ging immer darum, Zeit sichtbar, begreifbar, zu machen.

Woher kommt diese Abzähltradition?

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Adventskalender gibt es erst seit etwa 1850. Sie stammen eher aus dem protestantischen Umfeld und tauchten zu einer Zeit auf, als neben der religiösen Bedeutung des Weihnachtsfestes in den bürgerlichen Häusern immer mehr die Bescherung mit Geschenken in den Mittelpunkt des Heiligen Abends rückte. Damals setzte auch eine Art „Entdeckung der Kinder“ ein, sie wurden nun weniger wie kleine Erwachsene behandelt. Familie wurde von einer nüchternen Zweckgemeinschaft zu einem Wert. Die Spielzeugindustrie wuchs stark an. Adventskalender sind von Anfang an auch Symbole für die Profanierung des Weihnachtsfestes, also die Bewegung weg von der christlichen Bedeutung. Es geht um Mini-Bescherungen, die den Weg zur großen Bescherung strukturieren und verkürzen.

Die religiöse Bedeutung ist also verschwunden?

Über die Jahrzehnte hin immer mehr, ja. Das vorbereitete Hinführen auf einen Höhepunkt bezieht sich mehr auf das Steigern der Spannung zu den Geschenken hin. Das sieht man auch, an den Motive der Kalender, vor allem im 20. Jahrhundert: harmonische Winterlandschaften, idyllisiertes Familienleben, heimelige Dörfer mit schneeballspielenden Kindern, Plätzchenbacken. Da ist schon viel Sehnsucht nach einer heileren Welt. Wenn man auch auf die Bilder hinter den Türchen schaut, so sind dort selten religiöse Motive vorhanden. Es herrschen Bilder von Spielzeugzügen, Puppen oder Schneemännern vor.

Wie kam dann die Schokolade in den Adventskalender?

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts produzierte der Münchner Verleger Gerhard Lang Adventskalender aus Papier im größeren Maßstab. Das war eine ziemliche Revolution, denn dies war der Schritt von einer individuellen Tradition in vielen Familien zu einer weitergehenden Verbreitung. Die Zahl der Türchen wurde auf 24 standardisiert und von der jährlich sich verändernden Zahl der Tage vom ersten Advent bis zum Weihnachtsfest entkoppelt. Um 1925 erschien dann der erste Kalender mit Schokolade, seit den 1950ern setzen sich die Schokokalender vermehrt durch. Sie sind die logische Weiterentwicklung. Statt dem Bild eines Teddybärs gab es nun eben einen Teddybären aus Schokolade hinter dem Türchen. Das hat den Kindern natürlich sehr gut gefallen, aber die Exemplare mit Papierbildchen wurden weiterhin gekauft.

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Die Kulturwissenschaftlerin Esther Gajek, 59, forscht und unterrichtet am Lehrstuhl für Vergleichende Kulturwissenschaft der Universität Regensburg. Ihr antiquarisch erhältliches Buch „Adventskalender – von den Anfängen bis zur Gegenwart“ (Süddeutscher Verlag) gilt als Standardwerk zum Thema. Gajek konzipierte zahlreiche Ausstellungen zur Geschichte des Adventskalenders und des Weihnachtsfestes sowie zu weiteren kulturgeschichtlichen Themen.

Die Kulturwissenschaftlerin Esther Gajek, 59, forscht und unterrichtet am Lehrstuhl für Vergleichende Kulturwissenschaft der Universität Regensburg. Ihr antiquarisch erhältliches Buch „Adventskalender – von den Anfängen bis zur Gegenwart“ (Süddeutscher Verlag) gilt als Standardwerk zum Thema. Gajek konzipierte zahlreiche Ausstellungen zur Geschichte des Adventskalenders und des Weihnachtsfestes sowie zu weiteren kulturgeschichtlichen Themen.

Sexspielzeug, Parfüms, Bier, Tierfutter: als Volkskundlerin muss es Ihnen im Herzen weh tun, zu sehen, mit welchen Adventskalender Menschen sich heute auf die Weihnachtszeit einstimmen.

Ich persönlich schätze die kunstvoll illustrierten und handwerklich schönen Kalender der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts sehr. Aber als Kulturwissenschaftlerin und natürlich als Sammlerin, interessiert mich alles: Wer gerne einen Adventskalender mit Müsli, Nagellack, Schnaps oder Parfum von Dior oder Armani hat, dem sei das gegönnt. Adventskalender sind auch immer Spiegel ihrer Zeit.

Inwiefern?

Nur ein Beispiel: während des Dritten Reichs wurde versucht, die Adventszeit umzudeuten. Christlich-religiöse Elemente wurden entfernt und mit Inhalten der neuen Ideologie besetzt. Der Adventskranz wurde zum Sonnenwendkranz, das Christkind zum Lichtkind. Ab 1940 durften herkömmliche Adventskalender wegen der Papierkontingentierung nicht mehr gedruckt werden. Hefte wie „Vorweihnachten“ – ein Ersatz für das Wort Advent – erschienen, mit einer Doppelseite für jeden der 24 Tage: Da gab es dann Malbilder für Panzer, Darstellungen von hakenkreuzähnlichen „Sonnenrädern“ auf dem Weihnachtsbaum, Holzschnitte von Soldaten und Weihnachtslieder mit völkischen Texten.

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Was fasziniert Sie so an Adventskalendern?

Bereits als Kind wollte ich benutzte Kalender nie wegwerfen und hob sie auf. So wurde ich zur Sammlerin. Irgendwann hatte ich mehr als 1000 Stück. Später konnte ich aus dem Nachlass Gerhard Langs einen Bestand alter Kalender kaufen. Dann widmete ich mich der Geschichte und begann dazu zu forschen. Die Sammlung umfasst etwa 3000 Adventskalender – darunter ganz besondere oder seltene Stücke, die ich nicht bei mir zu Hause, sondern im Safe aufbewahre.

Das Abzählen der Tage bis Weihnachten lehrt auch Geduld.

Für die Kinder war das im frühen Bürgertum auf jeden Fall eine Zusatzfunktion der Kalender. Eine Übung in Disziplin. Des Sich-Beherrschen-Müssens. „Sei nicht zu neugierig und vergreife dich an den Schiebern, die für die nächstfolgenden Tage bestimmt sind. Eins ums andere!“, hieß es in der Gebrauchsanweisung eines frühen gedruckten Kalenders. Klar, früher war das für die Kinder eine Art Abzählen bis zum schönsten Tag des Jahres mit einem Cliffhanger und dann der besonderen Überraschung, was hinter dem letzten Türchen warten könnte. Geduld war da eine wichtige Tugend.

Haben Adventskalender eine Zukunft?

Da bin ich mir sicher. Vorfreude ist die schönste Freude und dieses Gefühl ist zeitlos. Wie wir an der Geschichte sehen, sind die Adventskalender ohnehin schon vielen Veränderungen unterworfen gewesen und haben sich von ihrer ursprünglichen Bestimmung entfernt. Es gibt keinen Grund zu glauben, dass diese Entwicklung zu einem Ende kommt.

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