Im Test: Der Mustang Mach-E hat nur noch wenig mit seinem Vorgänger gemein

  • Der Mustang Mach-E hat so ziemlich alles an Bord, was heute von einem solchen Auto gefordert wird.
  • Die Höchstgeschwindigkeit ist bei allen Versionen auf 180 km/h begrenzt.
  • Was fehlt, ist die Aura, die den alten Mustang umgeben hat.
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Wie konnte das passieren, mag sich manch ein empathischer Autofahrender fragen, dass aus einem uramerikanischen Sportwagen quasi über Nacht ein Crossover wird? Dass der Ford Mustang zur Familienkutsche mutiert? Die Antwort ist einfach: Auch aus Legenden wird irgendwann mal altes Eisen. Die Zeiten stehen auf Veränderung, warum also nicht mal ein modernes E-Auto mit alten Insignien etikettieren?

Im vorliegenden Fall mit dem Mustang auf der Frontschürze und den typischen dreigeteilten Heckleuchten. So wird aus dem berühmten Ponycar sozusagen der elektrische Reiter – eben der Mustang Mach-E. In der Grundausstattung (269 PS) kostet das Fahrzeug 46.900 Euro und liegt damit nur ein wenig höher als der vergleichbare Verbrenner. Wir durften uns ein paar Tage lang mit der allradgetriebenen 346-PS-Version vergnügen, die mit mindestens 62.900 Euro in der Liste steht.

Elektrischer Mustang ist „für eine neue Generation von Autofahrern“

Wer sich an die Zeiten erinnern kann, als die Gletscher noch nicht schmolzen, eine Schönwetterperiode kein Anlass zur Sorge und Kohle ein anderes Wort für Geld war, der wird mit einer gewissen Wehmut an Autos vom Schlage eines Mustangs zurückdenken. Denn schon im Autoquartett waren 400 PS ein nahezu unschlagbares Argument. Jene Zeiten, in denen Steve McQueen in einem Mustang durch San Francisco gerast und dabei sechzehnmal hoch-, aber wundersamerweise nur einmal runtergeschaltet hat, sind unwiderruflich vorbei – schon deshalb, weil immer mehr Autohersteller keine Handschaltgetriebe mehr verbauen. Aber genug der Sentimentalitäten. Heute ist Gegenwart und die ist eben anders. Oder wie es Ford ausdrückt: Ein rein elektrischer Mustang ist „für eine neue Generation von Autofahrern“.

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Diese neue Generation erwartet etwas anderes als eine nach Benzin stinkende Dreckschleuder, die tatsächlich irgendwie die niederen Instinkte eines Autofahrenden kitzelt: drauftreten und losdüsen. Tatsächlich war der Mustang nie ein solches Auto, er stand mehr für ein Lebensgefühl – die Sehnsucht nach Freiheit, losgelöst von den Niederungen des Alltags. Ob ein hochglanzpoliertes Elektroauto mit einem 15,5 Zoll großen Display im Tesla-Format eine solche Sehnsucht erfüllen kann?

Das Raumangebot ist üppig - was nicht für einen Sportwagen spricht

Tatsächlich hat der elektrische Mustang so ziemlich alles an Bord, was heute von einem solchen Auto gefordert wird: Kabellose Updates over the air, ein intelligentes Navigationssystem, das permanent den aktuellen Aktionsradius berechnet, den kostenlosen Zugang zum Ionity-Ladenetzwerk und für fünf Jahre einen freien Zugang zum FordPass-Charging Network, über das per Navigation mehr als 165.000 Ladepunkte in 21 europäischen Ländern angesteuert werden können. Dazu die aktuelle Bandbreite an Fahrerassistenzsystemen, einen „One Pedal“-Modus und die Möglichkeit, 80 verschiedene Fahrzeugfunktionen individuell anzupassen. Das alles klingt gut und spiegelt wider, was in einem modernen Auto möglich ist. Dass die Tür keinen Türgriff mehr hat, sondern auf Knopfdruck elektronisch aufspringt – na gut.

Im Mustang Mach-E finden fünf Erwachsene samt Gepäck Platz, das Raumangebot ist üppig. Was nicht gerade für einen Sportwagen spricht. Doch inzwischen sind ja auch Limousinen, beziehungsweise wie in diesem Fall ein Crossover-SUV überproportional leistungsfähig. Mit den verschiedenen Batteriegrößen sind Reichweiten von 440 bis 610 Kilometern möglich, zumindest theoretisch. Die Höchstgeschwindigkeit ist bei allen Versionen auf 180 km/h begrenzt.

Mustang Mach-E © Quelle: Ford
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Ein Sturmwind im Flüstermodus

Wer hinterm Steuer Platz nimmt, den stets startklaren Spurhalteassistenten ausschaltet und damit das deutlich spürbare Schlingern zwischen den Fahrbahnmarkierungen eliminiert, kann sich auf etwas gefasst machen: 346 elektrische PS sind mit Pferdestärken der herkömmlichen Art nur schwer vergleichbar: Das Ding düst los wie vom anderen Stern – ein Sturmwind im Flüstermodus, was noch immer gewöhnungsbedürftig ist. Die 580 Newtonmeter Drehmoment garantieren eine turbinenmäßige Beschleunigung, den Standardspurt aus dem Stand auf Tempo 100 erledigt der Mustang in 5,8 Sekunden, gefühlt geht es schneller. Dank des tiefen Schwerpunktes fallen die mindestens 2273 Kilogramm kaum negativ ins Gewicht. Um das Auto richtig mit Schmackes um die Ecken zu jagen, fehlte uns auf öffentlichen Straßen allerdings etwas der Mut, zumal die Lenkung nicht den allerdirektesten Eindruck hinterließ.

Trotzdem: Der Spaßfaktor ist da. Ebenso die dahinschmelzende Reichweite, wie das eben bei Elektroautos der Fall ist. Die drei Fahrmodi heißen „zahm“, „aktiv“ und „temperamentvoll“. Doch der Wagen taugt eh mehr zum Cruisen und hat damit zumindest eine gewisse Ähnlichkeit mit seinem berühmten Vorgänger. Was fehlt, ist die Aura, die den alten Mustang umgeben hat. Die Zeiten, in denen man in einem blubbernden Achtzylinder in den Sonnenuntergang gerollt ist, sind wohl endgültig vorbei.

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