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Teuerstes Pedelec im Programm des Herstellers

Gazelle Avignon C380 im Test: So fährt sich das Hollandrad 2.0

Tiefeinsteiger wie aus einem Guss: Trotz viel Ausstattung ist das Gazelle Avignon C380 HMB Limited eine optisch schlüssige Erscheinung. Der Akku sitzt im Unterrohr und kann am Rad wie auch extern geladen werden.

Tiefeinsteiger wie aus einem Guss: Trotz viel Ausstattung ist das Gazelle Avignon C380 HMB Limited eine optisch schlüssige Erscheinung. Der Akku sitzt im Unterrohr und kann am Rad wie auch extern geladen werden.

Berlin. Hollandräder sind eine aufrechte Sache: Auf kaum einem anderen Radtyp sitzt man so kerzengerade. Das hat Vorteile. Der Überblick über viele Verkehrssituationen ist gut. Das Radeln fühlt sich bequem, rücken- und schulterfreundlich an.

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Für besondere Kraftausbeute beim Pedalieren sind die meist schweren Hollandräder jedoch nicht gemacht. Eher sind es Cityräder mit landestypischem Einschlag, Klassiker aus der Fahrradgeschichte des Nachbarlandes. Bekannte Hersteller sind Gazelle aus Dieren, mit 300.000 verkauften Rädern im Jahr Marktführer in den Niederlanden, oder Batavus aus Heerenveen. Längst haben aber auch Firmen aus anderen Ländern den Stil des Wohlfühl-Citybikes kopiert.

Wir sind unterwegs auf einer Gazelle, dem Avignon C380 HMB Limited, einer Art Original 2.0. Denn dieses Hollandrad vereint klassische Ausstattung mit moderner E-Bike- und Schaltungstechnik.

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Der Einsatzzweck: Das „komfortabelste E-Bike“?

Das Avignon zählt als elektrifiziertes Hollandrad zur Kategorie der Alltagsräder. Die sollen möglichst universell einsetzbar und laut Produktmanager Jeroen Zeinsta benutzerfreundlich sein. Es fährt mit Federelementen und wartungsarmen Komponenten.

Gazelle selbst bezeichnet das Modell als sein bislang „komfortabelstes E-Bike“. Es richtet sich, so Zeinsta, an die breite Zielgruppe der Kundinnen und Kunden, die ein „sorgenfreies Fahrrad“ wünschen. Die Sicherheitsausstattung ist umfangreich: vom Tagfahrlicht über die pannensicheren Reifen bis zum niedrigen Durchstieg.

Zugleich soll es als Premiumfahrrad Design-affine Kundinnen und Kunden ansprechen. „Wir haben uns überlegt, wie wir in einer Kategorie, die als eher konservativ gilt, ein Design-Statement setzen können“, sagt Zeinsta. Jedoch: Das Avignon ist als Premiumbike das teuerste Pedelec im Programm des Herstellers.

Die Technik: Feine Austattung rechtfertigt Preis

Was das Modell in höhere Preisgefilde bugsiert, ist seine feine Ausstattung. Die Übersetzungsverhältnisse werden stufenlos über ein Nabengetriebe von Enviolo reguliert. Klassische Gangwechsel erfordert das nicht, stattdessen betätigt man einen Drehgriff am Lenker. Die Antriebstechnik mit viel teurer Akku-Power kommt von Bosch, die hydraulischen Scheibenbremsen steuert Magura bei.

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Gestaltung mag Geschmackssache sein, aber am Gazelle wirken Bauteile wie Gepäckträger, Beleuchtung oder Akku wie aus einem Guss. Für das integrierte Design des Avignon hat Gazelle einen IF-Designpreis erhalten. Das auch seitlich sichtbare LED-Frontlicht sitzt auf dem vorderen Schutzblech und funktioniert automatisch: Es „ist immer eingeschaltet und wechselt je nach Lichteinfall von der Nacht- zur Tageseinstellung.“ Zeinsta hebt es als Sicherheitsplus hervor. Die Leuchtweite lässt sich über eine kleine Schraube auf der Oberseite des Scheinwerfers einstellen.

Galant aufgesetzt: Das Frontlicht sitzt auf dem Schutzblech. Das Tagfahrlicht ist bei aktiviertem E-Bike-System immer an, sobald es dunkel wird, leuchtet es sensorgesteuert heller.

Galant aufgesetzt: Das Frontlicht sitzt auf dem Schutzblech. Das Tagfahrlicht ist bei aktiviertem E-Bike-System immer an, sobald es dunkel wird, leuchtet es sensorgesteuert heller.

Am Heck strahlt ein schmales LED-Band als Teil des Gepäckträgers. Der im Unterrohr integrierte entnehmbare und abschließbare Stromspeicher fasst 625 Wattstunden Wh), was Nachladen seltener erfordert als bei den im Cityrad-Segment gängigen 500 Wh. Mit bis zu 155 Kilometern gibt der Hersteller die Reichweite im Eco-Modus, eine der vier Unterstützungsstufen, an. Das erfordert im Alltag selbst von denjenigen recht seltene Gänge zur Steckdose, die viel radeln.

Ebenfalls ein Zugeständnis an die Bequemlichkeit ist der Antriebsriemen, der anstatt einer Kette die Kraft nach hinten leitet. Ist die Spannung korrekt eingestellt, hält er lange durch und verschleißt langsamer. Schmieren ist auch nicht nötig.

Als E-Motor kommt das Modell Performance Line vom Marktführer Bosch zum Zuge. Im Zusammenwirken mit der Beinarbeit der Radlerin oder des Radlers stemmt er bis zu 65 Newtonmeter (Nm) auf den Riemen und verdreifacht die Muskelkraft bei Bedarf.

Weitere Bauteile, Zubehör, Peripherie: Neuer winkelverstellbarer Vorbau

Hollandradtypisch sind an der Gazelle neben der Sitzhaltung einige Details. So besitzt das Avignon einen Kettenschutzkasten, der trotz des Riemens noch so genannt wird. Im Kasten, laut Gazelle zu 100 Prozent aus recyceltem Kunststoff, sorgt ein automatischer Riemenspanner für den richtigen Sitz der Antriebskomponente.

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Auch der Kleiderschutz ist ein Klassiker. Auch am Hollandrad 2.0 soll die Abdeckung am Hinterrad verhindern, dass sich Rockzipfel in den Speichen verfangen. Am Avignon ist er unauffällig transparent ausgeführt. Tradition an Hollandrädern hat auch das Ringschloss am Hinterrad, das am Avignon mit einem Kettenschloss aufgerüstet werden kann.

Der patentierte winkelverstellbare Vorbau ist dagegen neu. Über einen einfach zu bedienenden Klappmechanismus lässt sich der Lenker stufenlos in Längsrichtung verstellen – so sind bei Bedarf auch etwas sportlichere Sitzpositionen möglich.

Der Fahreindruck: Auch bei hoher Trittfrequenz hilft der Motor ordentlich mit

Aufrecht und bequem Radeln ist die Kernkompetenz des Avignon C380 HMB Limited. Allerdings findet das Ganze dank Pedelec-Antrieb eine Geschwindigkeitsliga höher statt. Auf ebener Fahrbahn sind 25 km/h, bis zu denen der Motor unterstützt, ohne große Anstrengung dauerhaft auch im Eco-Mode gut zu halten.

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Ein Alurahmen fährt sich eigentlich unnachgiebig steif, doch am Hollandrad nimmt ihm vor allem das gefederte Sattelrohr einiges an Strenge, was für eine gewisses Wippgefühl sorgt. Auch Stöße vom Vorderrad werden spürbar abgemildert. Zwischen Gabel und Steuerrohr sitzt ein Federelement, das bis zu 40 Millimeter nachgibt.

Die Tretunterstützung, Ergebnis eines fein abgestimmten Zusammenspiels von Tretkraft-, Rotations- und Geschwindigkeitssensoren, fühlt sich natürlich an. Auch bei hoher Trittfrequenz hilft der Motor kontinuierlich und harmonisch mit.

Die Übersetzungsverhältnisse über einen Drehregler statt über einen Ganghebel zu wechseln erfordert eine kurze Eingewöhnung, doch dann nimmt man die stufenlose Regulierung ebenfalls als Komfortgewinn wahr, da es zu große Gangsprünge – bei Nabenschaltungen an City-Rädern oft der Fall – schlicht nicht mehr gibt. Zudem lässt sich das Enviolo-Getriebe auch beim Treten betätigen, nur beim Hochregulieren muss man die Zugkraft durch kurzes Innehalten beim Pedalieren manchmal kurz unterbrechen.

Schalten war gestern: Das Nabengetriebe von Enviolo ändert die Übersetzung stufenlos. Regulieren lässt sich das komfortabel, aber zunächst eingewöhnungsbedürftig über einen Drehgriff rechts am Lenker.

Schalten war gestern: Das Nabengetriebe von Enviolo ändert die Übersetzung stufenlos. Regulieren lässt sich das komfortabel, aber zunächst eingewöhnungsbedürftig über einen Drehgriff rechts am Lenker.

Die Laufruhe hat das Avignon dank der 28-Zoll-Reifen ohnehin weg. Doch wie robust es konstruiert ist und wie stabil es sich fährt, zeigt sich vor allem im beladenen Zustand. Zwei schwer befüllte Fahrradtaschen am Gepäckträger bringen das Bike nicht aus der Ruhe. Es fährt sich dann zwar erwartbar hecklastig. Doch wo manch anderer Rahmen mit Tiefeinstieg sich spürbar verwinden und auf Schlingerkurs gehen würde, bleibt die Gazelle spurtreu und geradlinig.

Weil die Taschen schwerpunktgünstiger an um rund zehn Zentimeter nach unten versetzten Bügeln hängen, stört ihr Gewicht auch weniger die Fahreigenschaften. Der Hinterbauständer ist auch gut positioniert: Selbst bei schwerer Ladung sorgt er für stabilen Stand – andere Fahrräder kippen bei dieser Übung um.

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Anders als der Markenname vorgibt, ist das E-Bike dafür aber nicht gerade grazil, sondern eine ziemlich massive Erscheinung. Es sieht auch nicht wie ein typisches Hollandrad aus. Sind klassische Hollandräder mit dünnen Stahlrohren konstruiert, geht das Avignon vor allem im Tretlagerbereich arg in die Breite. Das merkt man – dem Alurahmen zum Trotz, auch am Gewicht: 28,6 Kilo wiegt das Flaggschiff-Citybike in Rahmenhöhe 53 – viel mehr als Konkurrenzmodelle. Gut, dass der Akku zum Laden entnommen werden kann.

Fazit und Preis: satt und sicher – aber teuer

Das Tiefeinsteiger-E-Bike kostet 4499 Euro. Gebaut wird es in den Rahmenhöhen 46, 49, 53, 57, 61 und 65 Zentimeter. Eine Version mit Oberrohr wird es nicht geben. Auf den Rahmen gibt Gazelle zehn Jahre Garantie, auf die Gabel fünf Jahre.

Schwer und robust wie es ist, fährt das Gazelle Avignon C380 HMB Limited ganz auf traditioneller Linie eines Hollandrades: satt und sicher. Die Transformation eines Klassikers zum E-Bike mit feinen Komponenten wirkt gelungen, sorgt aber für weitere Extrapfunde, die der Motor aber locker packt. Der größere Haken: Man muss es sich leisten können.

RND/dpa

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