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Elektroroller

Seats Mó ist ein gut gedachtes Stadtmobil – aber nicht durchweg gut gemacht

Der Seat Mò verpatzt den guten Gesamteindruck durch ein paar ärgerliche Nachlässigkeiten.

„Du kriegst die Tür nicht zu“, heißt es im Volksmund, wenn etwas nicht funktioniert, von dem man mit ziemlicher Sicherheit angenommen hatte, dass es funktionieren würde. Beim Seat Mó, dem ersten Elektrozweirad des spanischen Autoherstellers, – er basiert auf einem Modell der E-Roller-Marke Silence – ist diese unangenehme Überraschung die Sitzbank des Rollers. Die ist und bleibt meist zu, das heißt, sie geht erst gar nicht auf – obwohl der Stauraum darunter ja gerade der Clou eines Rollers ist. Das Problem: die Arretierung der Sitzbank, die sich laut Handbuch bei eingeschalteter Zündung und ausgeklapptem Seitenständer durch das gleichzeitige Ziehen beider Bremshebel lösen müsste, tut das in höchstens einem von vielleicht zehn oder mehr Fällen.

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Zwar zeigt das Display jedes Mal ein „Seat open“-, also ein „Sitzbank geöffnet“-Signal, außer einem „Plopp“-Geräusch an der Sitzbank selbst tut sich aber (fast immer) nichts. Das ist ärgerlich. Besonders dann, wenn man nach einem Einkauf zurückkommt und die gekauften Dinge in dem erfreulich großen Stauraum unter der Bank, der unter anderem zwei Integralhelme fasst, unterbringen möchte. Noch ärgerlicher: da man vorher den einen positiven Fall unter zehn vergeblichen Fällen genutzt hatte, um den Helm sicher unterzubringen, steht man nun also ohne Helm da. Was bedeutet, dass man nun sehen muss, wie man nach Hause kommt, um einen Ersatzhelm zu holen.

Das Design ist Geschmackssache

Kein wirklich guter Start also für den Mó, der im Übrigen, wie viele aktuelle Roller, egal ob mit Elektro- oder Verbrenner-Motor, eher futuristisch designt ist. Wer die sanften Rundungen einer Vespa (die es mittlerweile auch mit E-Antrieb gibt) schätzt, den dürften die Ecken, Sicken, Spitzen, Kanten und damit das ein wenig, sagen wir, unorganisierte wirkende Design zunächst vielleicht etwas irritieren. Das aber mag Geschmackssache sein.

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Die technischen Daten des Mó lesen sich dagegen wie auf den Punkt gebracht. Mit artgerechten neun kW passt er haargenau in die sogenannte 125er-Klasse, darf also nach der B196-Regelung auch mit dem PKW-Führschein bewegt werden, ein paar Unterrichtsstunden und ein Mindestalter von 25 Jahren vorausgesetzt. Das macht ihn – zumindest auf dem Papier –, zum idealen Pendlerfahrzeug, das im Vergleich zum Auto auf dem Weg zur Arbeit, zum Einkauf oder ins Freibad nicht nur Geld spart, sondern obendrein auch noch motomobile Fahrfreude vermitteln könnte.

RND-Tester Andreas Kötter entdeckte im Praxisbetrieb beim Seat Mò so einige Mängel, die den Gesamteindruck trübten.

RND-Tester Andreas Kötter entdeckte im Praxisbetrieb beim Seat Mò so einige Mängel, die den Gesamteindruck trübten.

Seat gibt immerhin eine theoretische Reichweite von 137 Kilometern, dann allerdings im Ecomodus bei höchstens 65 km/h. Die beiden weiteren Modi, der City- und vor allem der Sportmodus, strapazieren den Akku deutlich mehr. Eine etwa 30 Kilometer lange, sportlich angehauchte Rundfahrt durchs Bergische Land jedenfalls reduzierte die zum Start ausgewiesenen 92 Prozent Akkukapazität auf am Ziel gerade einmal 58.

Okay, vier Kilometer auf einer Schnellstraße mit 100 km/h (die erreicht der Mó so gerade eben) waren dabei, und wer das Bergische kennt, weiß, dass es dort Berge gibt, die zwar längst nicht so hoch sind, wie bei der Tour de France, die es in Sachen Steigung aber doch in sich haben. Wer also besonders flink unterwegs sein will, sollte statt mit den von Seat beworben 137 besser mit rund 60 Kilometern rechnen. Tatsächlich dürfte die endgültige Wahrheit wohl irgendwo auf halber Strecke zwischen den beiden Eckpunkten, den schnellen 60 und den theoretischen 137 Kilometern liegen, also bei etwa knapp 100 Kilometern.

Nicht für die Autobahn gemacht

Den Mó auf Strecke an der Leistungsgrenze zu fahren, etwa auf der Autobahn, ist ohnehin keine gute Idee, lässt das doch nicht nur gnadenlos die Restkilometer schmelzen, sondern macht ihn auch buchstäblich zum heißen Stuhl. So berichtet ein Kollege der Zeitschrift „Motorrad“, er habe zunächst an eine versehentlich eingeschaltete Sitzheizung geglaubt, so heiß sei der unter der Sitzbank liegende Akku offensichtlich geworden. Und tatsächlich kann man via einer Anzeige im Display zuschauen, wie die Temperatur der Batterie im Sportmodus zunehmend steigt, von 43 auf 44 auf 45 Grad und so weiter. Seat empfiehlt, bei übermäßigem Temperaturanstieg, den Sportmodus ganz zu vermeiden oder, zur Abkühlung des Akkus, sogar anzuhalten. Damit ist klar: der Mó gehört in die Stadt, während die Autobahn gewiss nicht seine Domäne ist. Bei 90 km/h zwischen Lkws eingekeilt zu werden, dürfte aber wohl ohnehin keine Freude sein.

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In der Stadt dagegen ist der Mó kaum zu schlagen, zumindest nicht beim Ampelstart. Von null auf 50 km/h in gerade einmal 3,9 Sekunden, das lässt die meisten Autos alt aussehen. Aber auch sonst hat Seat mit dem Mó eine ganze Menge richtig gemacht. Das fängt bei (wichtigen) Details wie den Rückspiegeln an – längst nicht jedes Zweirad kommt ab Werk mit Spiegeln, in denen man mehr als nur die eigenen Ellenbogen sieht und die mehr als nur ein Zerrbild des rückwärtigen Verkehrs zeigen –, und endet bei der grundsätzlichen Leichtigkeit, mit der sich der Mó bewegen lässt.

Was wohl auch an den, im Vergleich zu manch anderem Roller, größeren Rädern liegt, die für ein gutes Sicherheitsgefühl und einen gewissen Fahrkomfort sorgen. Der allerdings könnte noch deutlich größer sein, würde nicht vor allem die vordere Dämpfung so arbeiten, als wäre sie überhaupt nicht vorhanden. Noch die kleinsten Ausbesserungen der Asphaltdecke schlagen heftig bis in die Arme des Fahrers durch, allerdings ohne dass sich der Roller dann instabil zeigen würde. Was wohl auch an der schon erwähnten Positionierung des Akkus liegt, der stolze 41 Kilogramm wiegt – und seine ganz eigenen Schauwerte hat.

Akku als Treppenwitz

Seat hat ihn als mobilen Akku konzipiert, der zum Laden mit nach Hause oder ins Büro genommen werden kann. Das ist einerseits clever, andererseits aber nicht ganz zu Ende gedacht. Clever, weil der Akku kinderleicht zu entnehmen ist und dann dank integriertem Teleskopgriff und integrierter Rollen funktioniert wie ein Gepäck-Trolley. Nicht zu Ende gedacht aber, weil genau diejenigen, denen diese Mobilität gut zu Gesicht stehen würde, davon aber nicht profitieren können. Gemeint sind Menschen, die nicht parterre leben und auch keinen Aufzug zur Verfügung haben. Menschen also, die vielleicht im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses wohnen.

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Da endet die so schön gedachte Mobilität des schweren Akkus dann bereits an der ersten Treppenstufe, fast möchte man sagen, als Treppenwitz. Okay, Akkus sind, Stand heute, grundsätzlich keine Leichtgewichte, und das ist bei Seat nicht anders als bei allen anderen E-Fahrzeugen. Schon eher etwas mehr erwarten könnte man aber bei der Ladezeit. Mindestens sehr lange sechs Stunden dauert eine Vollladung an der haushaltsüblichen Steckdose. Eine Kaffeepause und dann mit frischen 70 Prozent Restreichweite weiter, das ist eine Illusion – was den Seat-Roller zum typischen Nachtlader macht.

Problemfall Staufach: Öffnet es oder öffnet es nicht? Bei unserem Test wurde das Staufach zum echten Hindernis.

Problemfall Staufach: Öffnet es oder öffnet es nicht? Bei unserem Test wurde das Staufach zum echten Hindernis.

Es werde Licht: das Schloss geht doch noch auf

Apropos Gewicht. Dass der Mó angesichts des Akkus kein Leichtgewicht sein kann, liegt auf der Hand. 152 kg wiegt er, das sind deutliche 25 kg mehr als zum Beispiel eine 125er Vespa auf die Waage bringt. Das maximale Gesamtgewicht liegt bei 320 kg, ergo bleiben 168 kg für Fahrer oder Fahrerin sowie einen Beifahrer bzw. eine Beifahrerin. Und dann wäre da ja auch noch der Einkauf – wenn er sich denn unter der Sitzbank verstauen ließe. Damit schließt sich der Kreis. Denn es hat sich nach vielen vergeblichen Versuchen schließlich herausgestellt, woran das Öffnen der Sitzbank zuvor scheiterte: Obwohl Seat ausdrücklich den ausgeklappten Seitenständer nennt, darf der Mó beim Öffnen wohl nicht auf demselben und damit in leichter Schräglage stehen.

Es scheint so, als würde sich selbst in dieser geringen Schräglage das Schloss etwas verziehen, sodass es nicht öffnen kann. Ein Eindruck, der sich noch verstärkt, wenn man sich den Klappmechanismus der Sitzbank anschaut, der schon jetzt deutlich Spiel hat und nicht wirkt, als würde er tagtäglichen Gebrauch lange mitmachen. Angesichts eines Preises von mindestens 6700 Euro ist das natürlich ärgerlich für Käuferin oder Käufer und ziemlich blamabel für Seat.

Dass der Roller zudem kein ABS hat, ist, nicht nur angesichts des Preises, ebenfalls nur schwer vermittelbar (zur Ehrenrettung sei gesagt, dass die Kombi-Bremse fest, für Neulinge aber vielleicht fast zu fest zubeißt). Schade, ist der Mó ansonsten doch nicht nur ordentlich verarbeitet und gut ausgestattet – sogar einen Rückwärtsgang zum Rangieren gibt es –, sondern hätte, wie erwähnt, durchaus das Zeug, in der Stadt bei manchen Fahrten das Auto zu ersetzen.

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