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IT-Experte Mario Herger zur Elektro­mobilität: „Der Weg durchs Tal der Tränen hat gerade erst begonnen“

  • Deutschland gilt als autofokussiertes Land – auch die E-Mobilität wird immer größer.
  • Der IT-Experte Mario Herger ist sich aber sicher, dass die deutschen Autohersteller noch einen weiten Weg zur Elektromobilität haben.
  • Denn viele traditionelle Hersteller gehen gerade durch die „Produktionshölle“.
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Mario Herger lebt seit 2001 im Silicon Valley, forscht nach Technologie­trends, schreibt Bücher darüber und beobachtet auch die deutsche Auto­mobil­industrie. Nun äußert sich der IT-Experte über den langen Weg der traditionellen deutschen Auto­hersteller zur Elektro­mobiliät.

Herr Herger, wir leben in einem autofokussierten Land. Aber ist der Individual­verkehr, wie wir ihn kennen, nicht ein Auslauf­modell? Verliert das Auto als Besitztum und Status­symbol seine Bedeutung?

Ja und ja. Wer hat heute noch ein Pferd als Mittel zum Individual­verkehr oder als Statussymbol?

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Stehen wir vor einem grund­legenden Paradigmen­wechsel?

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So wie es nach wie vor Pferde­besitzer gibt, wird es auch immer Auto­besitzer geben. Nur wird man die Wagen nicht mehr zur täglichen Fahrt ins Büro benutzen, sondern für die Freizeit. Und dann auch nicht auf öffentlichen Straßen, sondern auf Renn­strecken oder abgesperrten Straßen­abschnitten für die manuell gesteuerte Oldie-Rallye.

Technisch hat die Auto­mobil­industrie einen Haken an die Elektro­mobilität gemacht. Der nächste große Wurf heißt autonomes Fahren.

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Nun ja, die Industrie glaubt, sie habe einen Haken hinter Elektro­mobilität gesetzt. Die Sache ist aber noch nicht durch­gestanden. Die traditionellen Hersteller gehen nun selbst durch die vor wenigen Jahren noch bei Tesla belächelte „Produktions­hölle“, sie erleben selbst all die Produktions­schwierig­keiten, die bei Elektro­autos auftreten, weil sie doch anders sind als die vertrauten Verbrenner. Und dann sind die Elektro­autos von Soft­ware­problemen mehrfacher Art geprägt. Volkswagens ID.3 und ID.4 blieben mit Soft­ware­crashs auf den Straßen liegen, der Ford Mach-E bei langen Bergab­fahrten. Dazu beklagen die Kunden die schlechte Integration der Lade­stationen in das System, und generell die Lade­infra­struktur. Bedienung, Lade­geschwindig­keit, Funktions­tüchtig­keit, oder Abrechnung treiben die Kunden zum Wahnsinn. Der Weg durchs Tal der Tränen bei der Elektro­mobilität hat für diese Hersteller und deren Kunden gerade begonnen.

Sind wir überhaupt schon bereit für selbst­fahrende Autos?

Das autonome Fahren stellt da eine völlig andere Komplexität dar. Während man mittlerweile widerwillig aber doch Elektro­mobilität anerkennt, ist der Sinn des autonomen Fahrens für die Hersteller vollständig diametral zu ihrem Selbst­verständnis. Das sieht man auch in den Ankündigungen. Volkswagen erhält von Argo die Technologie, Sixt wird Mobileye verwenden. All diese Technologien stammen nicht aus Deutschland. Die Kunden sind sicher bereit, sobald sie das erste Mal autonome Autos erleben. Diese werden aber nicht von unseren Herstellern kommen, dieses Feld wurde den amerikanischen und chinesischen Unter­nehmen gänzlich überlassen.

In den USA sind die ersten selbst­fahrenden Flotten unterwegs, im Silicon Valley wird angeblich bereits an Flugtaxis gearbeitet.

Es wird nicht nur im Silicon Valley an fliegenden Autos gearbeitet. Es gibt mehr als 200 Unternehmen weltweit, die an solchen Gefährten arbeiten. Die Technologie ist heute laut dem Elektro­flug-Welt­rekord­halter Morell Westermann dort, wo Elektroautos vor zehn Jahren standen. Zuerst belächelt, aber die Technologie entwickelt sich rasch weiter und profitiert von den Entwicklungen bei Elektro­autos.

Ist das auch für uns eine realistische Vision?

Größtes Hindernis wird die wesentlich konservativere Struktur der zuständigen Behörden sein. Der Vorteil von solchen Trans­port­mitteln ist der geringere Aufwand an Infra­struktur. Es müssen keine teuren Bahn­trassen verlegt oder Straßen dafür gebaut werden, sondern kleine, in der Fläche nicht größer als zwei Parkplätze umfassende Lande­plätze.

Amazon hat eigens ein Unternehmen für sein autonomes Robotaxi Zoox erworben. © Quelle: Gerd Piper

Die deutschen Auto­hersteller verringern gerade ihre Techno­logie­defizite und sind wieder im Geschäft. Allerdings drängen jetzt chinesische Marken auf den Markt. Werden sie weltweit die Technologie­führer­schaft über­nehmen?

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Sie verringern ihre Technologie­defizite, es gelingt aber fast nicht, den Technologie­abstand zu den führenden Unternehmen zu verringern. Die Behäbigkeit ist eine enorme Bremse. Den Massen­markt werden mit großer Wahrscheinlich­keit chinesische Unter­nehmen beherrschen. Der für Elektro­busse wird von ihnen nicht nur dominiert, er ist monopolisiert.

Tempo 30 in den Städten, mehr Platz für Radfahrer und Fuß­gänger, weniger für Autos: Klappt die Verkehrs­wende nur, wenn man die roten Linien enger fasst?

Covid hat uns gezeigt, dass viele Menschen es als angenehm empfanden, nicht ins Büro fahren zu müssen. Sie merkten: Alternativen sind möglich und erlauben einen viel besseren Lebensstil. Es wurden weniger Autos benutzt und verkehrs­beruhigende Maß­nahmen statt zuvor als auto­feindlich jetzt als menschen­freundlich eingestuft. Den üblicher­weise für Autos reservierten Straßen­raum konnten die Bürger für sich selbst auf dem Fahrrad oder zu Fuß nutzen.

Ist das mehr als ein kurzfristiges Statement?

Die Nutzung der Corona-Krise zum Umbau von Straßen, man denke da an Paris, wo die Pracht­straße Champs-Élysées von Autos befreit wird, ist ein Trend, den man in aller Welt sieht. Er geht einher mit der Ausweitung von Fuß­gänger­zonen, Tempo­beschrän­kungen, immer umfassender und günstiger werdenden Klimatickets sowie der Erkenntnis bei Geschäfts­leuten, dass Autos nichts einkaufen. Die Stadt Zürich hat analysiert, wie viel ein Auto, ein Fahrrad­abstellplatz und ein Gastgarten derselben Fläche an Umsatz bringt. Stellt man ein Auto darauf ab, dann liegen die Umsätze um knapp 40 Prozent unter den beiden anderen Verwendungs­zwecken.

Individuelle Mobilität ist eine Art Grundrecht. Veränderungen bedeuten in der Regel auch Veränderungen der Lebens­umstände. Worauf müssen sich die Menschen einstellen?

Wir müssen das Recht auf Mobilität hier anders definieren. Es bedeutet nicht, dass damit Autos gemeint sind. Um das Recht auf Gleich­berechtigung, auf Ausbildung, auf Gesund­heits­versorgung zu garantieren, muss man das Recht auf Mobilität vorweisen. Kann jemand einen Job nicht annehmen oder seinen Arzt nicht erreichen, weil die Mobilität fehlt, dann versagen wir als Gesellschaft. Garantieren wir den Menschen das Recht für kostengünstige Mobilität in allen Formen, dann haben sie auch den Zugang zu diesen anderen Grundrechten.

Das Automobil ist seit Jahrzehnten ein bestimmendes Element auf dieser Welt. Genauso wie einst die Kutsche könnte es von anderen Technologien ersetzt werden. Gibt es Visionen für ganz neue Verkehrs­systeme?

Mit elektrischen und autonomen Vehikel­technologien werden völlige neue Formen entstehen. Wir sehen bereits jetzt die ersten Vorboten. Der Cruise Origin, Canoo, Navya Autonomcab und Zoox stellten Fahrzeuge vor, die zwei gegenüber angeordneten Sitzreihen haben und in beide Richtungen losfahren können. Man denke an Aptero oder Solo, die drei- und vierrädrige Einzelsitzer sind und kein Lenkrad mehr haben werden. Oder den Robomart, bei dem nicht wir in den Supermarkt gehen, sondern dieser zu uns vor die Haustür kommt. Und wenn ich dann erst von den Lieferrobotern zu reden beginne, bei denen eine Art Kühlbox auf Rädern als Kleinstvehikel auf dem Bürgersteig unterwegs sein wird, dann ahnt man bereits, dass wir dank dieser Technologien Mobilität ganz anders denken werden können.

Innenraum eines Robo-Shuttles von Zoox, das zu beiden Seiten losfahren kann. Innen haben vier Leute Platz. © Quelle: Gerd Piper

Ist das nicht vielleicht doch zu futurisch gedacht?

Als Steve Jobs 2007 das iPhone vorstellte, konnte man damit E-Mails schreiben, die Zeitung lesen, Bilder aufnehmen und telefonieren. Er zeigte aber keine Dating-App, bestellte sich kein Uber damit und spielte keine Videospiele auf dem iPhone. Genauso sind wir heute noch nicht fähig, die neuen Mobilitäts­möglichkeiten vorzudenken. 2030 werden wir erstaunt sein, was es nun alles geben wird, und es wird uns doch natürlich erscheinen, während wir uns eher peinlich berührt daran erinnern werden, dass wir stinkende Motoren in Autos hatten und Menschen tonnen­schwere Maschinen fahrlässig um andere Menschen herumsteuern ließen.

Mario Herger berät Unternehmen wie Mercedes, Porsche, MAN oder Webasto. Bekannt wurde der gebürtige Österreicher durch sein Buch „Der letzte Führer­schein­neuling ist bereits geboren“. Lange Jahre war Herger bei SAP unter anderem als Entwicklungsleiter und Innovations­stratege beschäftigt.

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