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Circular Economy: Die nachhaltige Zukunft könnte Kunststoff heißen

Futuristisches Vollplastik-Konzeptfahrzeug aus Japan: Das AKXY2 (Ausgesprochen Ex-iee).

Futuristisches Vollplastik-Konzeptfahrzeug aus Japan: Das AKXY2 (Ausgesprochen Ex-iee).

Recycelter Kunststoff erobert nach und nach auch die Automobilindustrie. Durch die sogenannte Kreislaufökonomie soll perspektivisch aus dem bisherigen Umweltschädling ein Naturnützling werden.

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Metall oder Kunststoff? Für Autoliebhaber ist der Werkstoff bisher eine Frage des Stils, denn das Auge erblickt ihn sofort, die Finger spüren ihn bei der ersten Berührung, die Nase riecht ihn. Ob ein Schalter, Türgriff oder der Rahmen von Armaturen aus Metall oder Plastik sein sollte, die Kundenentscheidung würde wohl zugunsten des edleren Materials ausfallen.

Langlebig, fast frei designbar, leicht und kostengünstig

Für Automobilhersteller stehen andere Eigenschaften im Vordergrund. Für sie ist Plastik der Wunderstoff. Er ist langlebig, in Eigenschaften und Form fast frei designbar, leicht und vor allem kostengünstig. Seinen Siegeszug bestreitet Kunststoff seit 70 Jahren, trotz der vielen Nebenwirkungen. Mehr als 400 Millionen Tonnen Plastik werden pro Jahr produziert – von den daraus hergestellten Produkten werden etwa 40 Prozent schon innerhalb eines Monats zu Abfall. Plastiktüten haben immer noch eine durchschnittliche Nutzungsdauer von weniger als 30 Minuten, danach werden sie weggeworfen und schädigen Land und Leute, Flora und Fauna.

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Um aus einem ökologischen Nachteil einen Vorteil zu machen, gerät eine andere Eigenschaft von Polymer in den Fokus, die Wiederverwertbarkeit. Plastikmüll wird zum Wertstoff.

Auf der weltgrößten Industrieschau der Branche, der Fachmesse K in Düsseldorf, ist Circular Economy der rote Faden, der sich durch die Themen des internationalen Publikums zieht. „Es ist deutlich zu spüren, dass die Notwendigkeit, sich der sozialen Verantwortung zu stellen und Kunststoffe vom Beginn der Prozesskette an nachhaltig zu denken, bei allen Unternehmen angekommen ist. Die Vielzahl der auf der K 2022 gezeigten Lösungen, Maschinen und Produkte für die Transformation zur Kreislaufwirtschaft, war unglaublich“, sagt Ulrich Reifenhäuser, Vorsitzender des Ausstellerbeirats der Investitionsgütermesse.

Noch einen Schritt weiter gehen die Entwickler des japanischen Chemieriesen Kasei mit ihrem concept car. Eine Kuppel aus Polycarbonat ersetzt Dach, A-, B- und C-Säule und alle Scheiben des auf der Messe präsentierten Fahrzeugs. Im Vergleich zu herkömmlichen Mineralglasfenstern spart das etwa 20 Prozent Gewicht bei gleicher Funktion. Hergestellt wird das Polycarbonat aus CO₂. Lediglich eine härtende Schicht muss aufgebracht werden, damit der Scheibenwischer die Scheibe nicht verkratzt.

Sitze bestehen komplett aus PET

Im Fahrzeug selbst sieht es ebenfalls futuristisch aus – dabei sind verwendete Materialien oft alte Bekannte. Die Sitze zum Beispiel bestehen komplett aus PET – also praktisch aus Getränkeflaschen. Sie könnten so, wie sie sind, nach ihrem Autoleben in die Recyclinganlage. Außerdem sind sie sehr leicht – was sich positiv auf den Energiehunger eines Elektrofahrzeugs auswirkt. Bei gleicher Reichweite könnten Batterien kleiner, Feinstaub aus Bremsbelags- und Reifenabrieb geringer und Ressourcen geschont werden.

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Kunststoff kann inzwischen als tragendes Element in Fahrzeugen eingebaut werden – in Rollern, Fahrrädern, Autos oder Flugzeugen. Stabil genug ist er, oft trotzdem leichter als Baugleiches aus Leichtmetall. Und manchmal sogar langlebiger – wenn das Drumherum hält. Sollte das Plastikteil dann auch noch eindeutig sortierbar sein, dann ist ein müllfreier und energieeffizienter Kreislauf möglich. Technisch umsetzbar ist das – was fehlt, ist eine gemeinsame, gesellschaftliche und globale Anstrengung in Richtung circular economy. Auf der Kunststoffmesse selbst gibt es eigentlich nur eine Meinung dazu: „Umsetzen!“

Plastik könnte plötzlich klimapositiv werden

Kunststoff ist aber noch vielseitiger. Er lässt sich chemisch zu Treibstoff zurückverwandeln, was zurzeit allerdings noch zu aufwendig und deutlich teurer als ölbasierte Produkte ist. Und er wird sich in Zukunft aus aus der Luft abgeschiedenem CO₂ – der Basis für Kunststoffe – herstellen lassen. Plastik wäre dann plötzlich klimapositiv.

Bis 2025 prognostizieren Umwelt- und Fachverbände eine Steigerung der Kunststoffproduktion um 50 Prozent. Ganzheitlich müsse das Müllproblem angegangen werden, fordern praktisch alle Fachleute. Produkte müssen von Anfang an so gestaltet und produziert werden, dass ein Recycling generell möglich ist. Das gilt für die Lebensmittelverpackung genauso wie für den Autositz.

Die Firma Altair Engineering GmbH aus Köln beispielsweise produziert für einen italienischen Sportwagenhersteller eine Sitzschale aus Kunststoff, die nicht nur leicht, funktionell und natürlich schnittig ist, sondern eben auch recycelbar.

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Fürs Recycling muss der Kunststoff sortenrein sein

„Wir haben Material ersetzt durch einen Kunststoff, und im Prinzip […] die gleichen physikalischen Eigenschaften wie das Originalteil. Und wir verwenden die gleiche Form, um es herzustellen, nur dass wir hier ein voll recycelbares Material verwenden“, sagt Christoph Donker von Altair. Voraussetzung ist allerdings, dass es sich um einen sortenreinen Kunststoff von gleichbleibend hoher Qualität handelt. Dann ist der Sitz unendlich oft auch in andere Produkte gleicher Güte recycelbar.

Die Qualität des Rezyklats hängt maßgeblich vom Rohstoff ab. Also vom Müll, aus dem das Granulat wieder entstehen soll. „Shit in? Shit out!“ – so deutlich formuliert es Adelheit Hauschopp-Francke, Geschäftsführerin der RCS Plastics GmbH in Werne. Bei Deutschlands berühmtesten Recyclinggefäß, dem Gelben Sack, liegt die Fehlwurfquote bei 30 Prozent. So könne der gesamte Inhalt des Gelben Sacks eigentlich nur verbrannt werden, glaubt Hauschopp-Francke, wenn es ökonomisch sinnvoll bleiben soll. Die Unternehmerin produziert für Lebensmittelverpackung zugelassenes Granulat – konkret PET. Den Wertstoff dafür, alte Getränkeflaschen, bezieht sie aus dem Pfandsystem in Deutschland und anderen Ländern Europas. Automatisch vorsortiert und sortenrein.

Aus Pkw-Plastikabfall wird ein E-Bike-Rahmen

Aber nicht nur für Massenartikel wie PET-Flaschen gibt es Kreislauflösungen. Das Unternehmen Advanced aus Frankfurt am Main stellt für sein E-Bike „Reco“ einen Kunststoffrahmen aus Abfällen der Automobilindustrie her. Auf den Kunststoffrahmen gibt es 30 Jahre Garantie und dazu das Versprechen, dass er 1:1 zurück in den Kunststoffkreislauf geführt werden kann.

Ob im Auto, auf dem Rad, dem Roller oder bei Lebensmittelverpackungen, an einer nachhaltigen Produktion mit Kunststoff führt kein Weg mehr vorbei. Vielleicht fühlt er sich eines Tages auch an wie edles Metall.

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