Widerstand, der Spaß macht: Watch Dogs Legion angespielt

  • Der dritte Teil der Open-World-Hacking-Serie erscheint am 29. Oktober.
  • Mutig, aber etwas platt stellt sich das Spiel gegen Faschismus und Überwachung.
  • Bei einem mehrstündigen Anspiel überzeugt vor allem die variantenreiche Action.
Jan Bojaryn
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Bei Scotland Yard einzubrechen ist keine leichte Aufgabe. Rundherum tasten Bewegungsmelder den Asphalt ab, Wachleute spähen in die Dunkelheit, Türen sind verriegelt. Wer sich hier herein hacken will, der braucht Spezialausrüstung, Drohnen, Tarnung. Oder, noch besser: einen Polizisten.

Ubisofts großes Spiel der Saison heißt “Watch Dogs Legion”. Es ist der dritte Teil einer Serie, die schon immer mit politischen Botschaften geflirtet hat. Die Antihelden dieser Geschichten sind Hacker im Kampf gegen Big Data und Überwachung. So war es zumindest bisher. Mit dieser Fortsetzung spitzt sich die Lage zu. London versinkt nach Terroranschlägen im Chaos. Eine Sicherheitsfirma präsentiert sich als Retter, unterwandert die Polizei und greift nach der Macht. Überwachungsdrohnen, Straßensperren und hochgerüstete Sicherheitsleute bestimmen plötzlich das Stadtbild. Damit ist Widerstand keine Beschäftigung mehr für elitäre Hacker, die es besser wissen. Für den Widerstand eignen sich jetzt alle. Von der Straße weg können Passanten rekrutiert werden. Krankenschwestern, Hausmeister, Influencer, Drogenhändler – alle bringen andere Ausrüstung und besondere Fähigkeiten mit. Wer etwa einen Polizisten rekrutiert, der kann bei Scotland Yard ohne technische Tricksereien herein- und wieder heraus spazieren.

Bunter Widerstand

In vielen Missionen geht es darum, in Gebäude einzudringen. Gelegentlich funktioniert das rein virtuell, mit gekaperten Überwachungskameras und Drohnen. Aber oft müssen die Hacker ihren echten Körper in die Höhle des Löwen bewegen. Dann müssen sie etwa Gadgets stehlen, Widersacher unschädlich machen oder Unschuldige befreien. Über weite Strecken spielt sich das Abenteuer so, wie andere Schleich-Actionspiele auch. Aber mit der Technologie bekommen die Spieler viele neue Möglichkeiten. Sie können eine kleine Robo-Spinne vorausschicken, sich fast unsichtbar machen, oder sich einfach durchboxen — abhängig von den individuellen Fähigkeiten.

“Watch Dogs Legion” erscheint in einer Zeit der politischen Krisen. Ungewöhnlich ist die Offenheit, mit der es selbst Position bezieht. Spielefirma Ubisoft, aber auch andere Branchenriesen meiden kontroverse Themen eher, oder reduzieren sie auf eine möglichst bedeutungsfreie Kulisse. Dieser Titel dagegen stellt sich plakativ auf eine politische Seite: Gegen Überwachung, gegen Rechtspopulismus, gegen Einschränkungen bürgerlicher Freiheiten im Namen der Sicherheit.

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"Watch Dogs Legion” ist der dritte Teil einer Serie. © Quelle: Ubisoft

Für kleinere Spiele unabhängiger Studios sind klare Botschaften nichts Ungewöhnliches. Für einen möglichen Blockbuster schon. Und Großproduktionen wie diese können das Schreckensszenario schöner ausmalen. Das Albtraum-London ist groß, detailreich und frei befahrbar. Nur ein kleines bisschen hat sich die Stadt verändert, um ein verstörendes Nebeneinander von glitzerndem Hightech und brutalem Elend zu zeigen. So könnte es dort wirklich bald aussehen, können Spieler denken — und schaudern.

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Unterhaltung sticht Politik

Wer beim Spielen allerdings näher an den Bildschirm rückt, der sieht die Risse in der Illusion. Elemente wiederholen sich. Ein Polizist, der einen Passanten verprügelt, ist beim ersten Anblick schockierend; beim vierten Mal nicht. Die Protestcamps und Polizeikontrollen verlieren mit der Zeit ihre Wirkung. Für das Spielerlebnis spielen sie oft keine Rolle.

Die vielen kleinen Geschichten des Spiels ergeben vor allem dann Sinn, wenn Spieler nicht zu genau hinhören und nachfragen. Ein Musterbeispiel ist die Rekrutierung neuer Mitstreiter. Spieler können jeden Passanten auf der Straße scannen, dann in ein Menü schauen, welchen Gefallen sie ihnen tun könnten, und eine kleine Nebenmission später steigen die plötzlichen Widerstandskämpfer ein, einen pfiffigen Spruch auf den Lippen. Natürlich hat das wenig mit echter Überzeugungsarbeit zu tun. Aber die Vereinfachung ist verzeihlich, weil sie das Spielerlebnis in den Vordergrund stellt. Es macht Spaß, viele Charaktere zu rekrutieren und zwischen den sehr unterschiedlichen Helden hin- und herzuwechseln.

Bis alles freigeschaltet ist, kann es Wochen dauern

Problematischer könnte der Umgang des Spiels mit der eigentlichen Story werden. Nach ein paar Stunden Spielzeit deutet sich an, dass es hier eher nicht um eine kritische Auseinandersetzung mit echten Problemen unserer Gesellschaft geht. Die Bösewichte sind absurd böse, ihre Pläne verworren. Die ersten Plot-Windungen lesen sich nicht wie aus den Nachrichten abgeschrieben. Sie würden eher in ein Forum für Verschwörungstheoretiker passen.

Für ein Urteil ist es noch zu früh. Die wenigen Stunden Anspielzeit zeigen ein launiges, ausladendes Open-World-Spiel. Hier alles sehen und freischalten zu wollen, kann Wochen dauern. Aber auch schon im Anspiel entwickelt das Abenteuer einen Sog. Dahinter stecken beeindruckende kreative und technologische Leistungen: Sich immer neue Helden zu holen, um sie frei ein- und auszuwechseln macht viel Spaß. Die bunte Truppe schafft ein großes Gefühl der Wahlfreiheit beim Spielen. Die Abwechslung ist nicht nur oberflächlich schön, sie ändert das Spielerlebnis. Wie weit dieser Spaß trägt, und zu welcher Moral sich die Geschichte am Ende durchringt, das muss sich noch zeigen.

“Watch Dogs Legion” von Ubisoft erscheint am 29. Oktober für PC, Playstation- und Xbox-Spielekonsolen. © Quelle: Ubisoft

“Watch Dogs Legion” erscheint am 29. Oktober für PC, Playstation- und Xbox-Spielekonsolen. Es kostet 60 bis 70 Euro.


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