• Startseite
  • Digital
  • Was ist Palantir? Das verbirgt sich hinter dem umstrittenen Software-Unternehmen aus Silicon Valley

Big-Data-Unternehmen geht an die Börse: Was macht Palantir?

  • Das US-Unternehmen Palantir geht in den USA an die Börse und expandiert auch in Deutschland.
  • Palantir hilft Behörden und Einrichtungen, große Datenmengen auszuwerten – unter anderem, um Kriminalität zu bekämpfen.
  • Doch die Verwicklungen mit Geheimdiensten und mangelnde Transparenz beunruhigen Kritiker.
|
Anzeige
Anzeige

Cross-Country-Ski, Schwimmen, Tai-Chi und Qigong: Wie US-Unternehmer Alex Karp am liebsten seine Freizeit gestaltet, ist bekannt. Deutlich weniger Informationen kursieren darüber, womit sich Karp bei der Arbeit beschäftigt. Kaum ein Tech-Unternehmen ist so geheimnisumwoben wie das von Karp mitbegründete Palantir. “Die Kernaufgabe unseres Unternehmens ist es, den Westen, besonders Amerika, zur stärksten Macht der Welt zu machen, um Frieden und Wohlstand zu sichern”, erklärte der CEO in einem Interview anlässlich des Weltwirtschaftsforums in Davos. Um das Ziel zu erreichen, arbeitet das Unternehmen mit zahlreichen Sicherheitsbehörden in den USA und Europa zusammen. Zum Softwareangebot aus dem Palantir-Portfolio zählen Tools, mit denen sich Big Data bezwingen lässt. Präventiv sollen so vor allem Straftaten verhindert werden.

Unternehmenswert auf 15,76 Milliarden Dollar heruntergestuft

Am 30. September geht Palantir in den USA an die Börse. Der New York Stock Exchange (Nyse) hat den Preis für die Aktie auf 7,25 Dollar und den Wert des Unternehmen damit auf 15,76 Milliarden Dollar festgelegt. Bei der letzten Finanzierungsrunde 2015 war Palantir noch mit 20 Milliarden Dollar bewertet worden. Der im Vorfeld veröffentlichte Börsenprospekt enthüllte, dass das Unternehmen das vergangene Jahr mit hohen Verlusten abschloss. 2019 beendete die Firma ihr Geschäftsjahr mit roten Zahlen in Höhe von 590 Millionen Dollar, 2018 betrug das Minus ebenfalls fast 600 Millionen Dollar bei einem Umsatz von 740 Millionen Dollar.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Palantir wurde 2004 von Alex Karp, Paypal-Erfinder Peter Thiel, Joe Lonsdale, Stephen Cohen und Nathan Gettings gegründet. Finanzierungshilfe gewährte dabei die Investmentgesellschaft der CIA In-Q-Tel. Palantir konnte in den vergangenen Jahren ein stetiges Wachstum verzeichnen. Das Unternehmen beschäftigt mehr als 2500 Mitarbeiter, ist an 25 internationalen Standorten vertreten und betreibt seinen Hauptfirmensitz nach einem Umzug aus dem Silicon Valley mittlerweile in Denver. Benannt wurde es nach einem allwissenden Elbenstein aus J. R. R. Tolkiens “Herr der Ringe”. Geheimdienste, Polizeibehörden und private Unternehmen stehen mittlerweile in Geschäftsbeziehung zu Palantir. Die CIA, die NSA und das FBI finden sich auf der Kundenliste.

Zudem arbeitet Palantir mit rund 100 Unternehmenskunden zusammen. Einer der Großkunden ist etwa die Bank JP Morgen Chase. Auch Deutschland ist für das Unternehmen “ein Schlüsselmarkt”, wie Laura Rudas, Vizepräsidentin für Strategien bei Palantir, gegenüber dem “Handelsblatt” betonte. Hier arbeitet zum Beispiel die Polizei Hessen mit einer eigens zugeschnittenen Palantir-Software.

Palantir verschenkt Software zur Pandemiebekämpfung

Während der Corona-Krise hat Palantir seine Software Foundry Regierungen und Gesundheitsämtern umsonst zur Verfügung gestellt. Dabei handelt es sich um ein Datamining-Programm, das mittels Algorithmen und Statistik große Datenmengen verarbeitet, um so frühzeitig Trends und künftige Entwicklungen zu analysieren.

Anzeige

Die USA, Großbritannien und Griechenland haben das Angebot angenommen. Die US-Behörde Centers für Disease Control und Prevention wird von den Datenanalysten seither dabei unterstützt, Informationen über Betten, Patienten, Beatmungsgeräte und medizinische Versorgung aufzubereiten. Auch in Deutschland stand der Einsatz von Foundry im Raum. Das hessische Innenministerium, das bereits mit Palantir in Geschäftsbeziehungen steht, hatte im April gegenüber der “Süddeutschen Zeitung” erklärt, die Software nutzen zu wollen, “um allgemein zugängliche Informationen wie die Verteilung von Infektionen mit dem Coronavirus, Bettenkapazitäten oder die Versorgung mit Schutzausstattung in einem umfassenden Lagebild darzustellen”.

Doch die Behörde machte einen Rückzieher, begründete ihre Entscheidung damit, dass es angesichts des aktuellen Infektionsgeschehens in Hessen nicht mehr erforderlich sei. Die Opposition hingegen sieht andere Gründe, die gegen eine Kooperation mit Palantir stehen. “Besser wäre es gewesen, wenn auch der Innenminister eingesehen hätte, dass man mit einem Unternehmen aus dem Dunstkreis des amerikanischen Geheimdienstes CIA grundsätzlich nicht zusammenarbeiten kann”, ließ der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion im Hessischen Landtag, Günter Rudolph, mitteilen.

Anzeige

Hessen nutzt Palantir Gotham

Tatsächlich hatte Palantir im Hessischen Landtag bereits vor einigen Jahren für Diskussionsstoff gesorgt. Die Software Gotham kommt mittlerweile zunehmend in europäischen Behörden zum Einsatz. Im Jahr 2017 griff auch das hessische Innenministerium zu und kaufte das Programm aus dem Silicon Valley für einen unbekannten Preis. Seither verwendet die Polizei die angepasste Version Hessendata etwa für Ermittlungen im Zuge von staatsgefährdenden Gewalttaten.

“Palantir Gotham integriert und transformiert Daten unabhängig von ihrem Typ oder Umfang in ein einziges zusammenhängendes Datenelement. Während die Daten in die Plattform fließen, werden sie angereichert und definierten Objekten – Personen, Orte, Dinge und Ereignisse – zugeordnet und in eine verbindende Beziehungen gesetzt”, heißt es auf der Website von Palantir. Mithilfe der Software lassen sich große Datenbestände katalogisieren und Zusammenhänge erstellen. Was früher aufwendig per Hand zusammengetragen werden musste, wird nun automatisiert analysiert. So sollen in Hessen potenzielle Gefährder und ihre Verbindungen frühzeitig identifiziert werden. Ein islamistisch motivierter Anschlag und mehrere schwerwiegende Straftaten seien mithilfe von Hessendata bereits vereitelt worden, heißt es aus dem Innenministerium.

Anzeige
Palantir bewirbt seine Software Gotham. © Quelle: Palantir

Doch der Einsatz sorgt bei der Opposition von SPD, FDP und Linke schon länger für erhebliche Kritik. Schließlich sollte ein Untersuchungsausschuss klären, warum sich Innenminister Peter Beuth (CDU) für die US-Software entschied. Stimmen wurden laut, dass die Auftragsvergabe an das US-Unternehmen rechtswidrig verlaufen sei. Auch wurde infrage gestellt, inwieweit die nötige Sicherheit für die sensiblen Ermittlungsdaten gewährleistet ist. Die Beschaffung von Gotham sei rechtskonform verlaufen, heißt es im Abschlussbericht. Konkurrenzprodukte von IBM, SAP und SAS hätten die Anforderungen nicht erfüllt. Mitarbeiter von Palantir hätten zudem keinen Zugriff auf Server des Landes. “Eine negative Beeinträchtigung hessischer Sicherheits- und Geheimhaltungsinteressen durch die Beschaffung der Analysesoftware der Firma Palatir hat sich nicht ergeben”, heißt es in dem Bericht.

Verbindungen zu Cambridge Analytica und Trump

In dem hessischen Untersuchungsausschuss wurden indes auch Bedenken bezüglich Verbindungen zwischen Palantir und Cambridge Analytica geäußert. Die Affäre rund um das Datenanalyseunternehmen hatte im Jahr 2018 für weltweite Schlagzeilen gesorgt, als bekannt wurde, dass die Daten von rund 50 Millionen Facebook-Nutzern abgegriffen und illegal für den US-Wahlkampf von Donald Trump verwendet wurden. Unter anderem hatte der kanadische Whistleblower Christopher Wylie bei einer Anhörung im britischen Parlament ausgesagt, dass Palantir-Mitarbeiter Cambridge Analytica dabei geholfen hätten, die von Facebook erbeuteten Daten zu verarbeiten. Das Unternehmen bestätigte die Aussage gegenüber der “New York Times”, betonte aber, dass es sich dabei um einen Einzelfall handelte, von dem die Firmenspitze keine Kenntnis hatte.

Anders sieht es bei direkten Verbindungen in die Politik aus. Mitbegründer und Investor Peter Thiel zählte 2016 zu Donald Trumps Übergangsteam für die Präsidentschaftswahlen, er spendete für den Wahlkampf mehr als eine Million Dollar. Mehrere ehemalige Mitarbeiter Thiels sind außerdem mittlerweile in verschiedenen Positionen für die US-Regierung und andere Behörden tätig, heißt es in einem Report der Bürgerrechtsorganisation Mijente.

Peter Thiel ist einer der erfolgreichsten und einflussreichsten Investoren im Silicon Valley.
Anzeige

Auch in Nordrhein-Westfalen teilte das Landeskriminalamt zu Beginn des Jahres mit, das Palantir-Programm künftig nutzen zu wollen. Der vollständige Roll-out soll 2021 erfolgen. “Wir haben uns zum Ziel gesetzt, polizeiliche Daten zukünftig noch besser und effektiver auszuwerten. Dadurch sollen Tatzusammenhänge schneller erkannt, Täter zügiger ermittelt und bevorstehende Straftaten erfolgreich verhindert werden”, sagte LKA-Chef Frank Hoever bei der Vorstellung. Das Projekt DAR (System zur datenbankübergreifenden Analyse und Recherche) soll laut Ausschreibung 14 Millionen Euro kosten. Die Kosten könnten allerdings noch steigen. Wie eine Recherche von “Wired” ergab, wird die Palantir-Software oft zu einem günstigeren Startpreis angeboten. Schulungen, Wartungen, Anpassungen und Erweiterungen könnten dann aber hohe Kosten verursachen. Ein Geschäftsmodell, das bei IT-Unternehmen gang und gäbe ist.

Bürgerrechtsorganisationen in Sorge

Es ist nicht der einzige Kritikpunkt an dem bisher eher unbekannten Unternehmen. Der Umfang, in dem Palantir bereits jetzt weltweit Daten einsammelt, ausliest und analysiert, alarmiert mehrere Nichtregierungsorganisationen. Es gibt erhebliche Bedenken, was Datenschutz, Gerechtigkeit und Bürgerrechte angeht. Jacinta González ist Kampagnenleiterin bei der Organisation Mijente, die sich für die Rechte von Immigranten einsetzt. Große Bedenken äußert sie an dem Einsatz von Palantir-Software durch das United States Immigration und Customs Enforcement (ICE). “Palantir ist maßgeblich an den Abschiebungen hier in den Vereinigten Staaten beteiligt”, sagt González gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). “Wir haben aufgezeigt, dass die Software beispielsweise eingesetzt wurde, um Einwanderungsbeamten dabei zu helfen, Familienmitglieder und andere Verwandte von Kindern, die allein die Grenze überquert haben, aufzuspüren.”

Auch die eigenen Mitarbeiter stehen dem ICE-Bündnis skeptisch gegenüber. Wie die “Washington Post” berichtet, haben mehrere Angestellte ihre Bedenken bezüglich der Zusammenarbeit in Briefen und Petitionen an die Firmenleitung zum Ausdruck gebracht. Der Vorwurf: Die Software unterstütze das ICE dabei, Trumps rigorose Einwanderungspolitik durchzusetzen, und komme bei der Festnahme und Abschiebung von Immigranten zum Einsatz. Von den Einwänden ließ sich die Spitze allerdings nicht beeinflussen. Karp erneuerte den Vertrag mit der Behörde und verteidigte die Kooperation auf einer Mitarbeiterversammlung. Palantir selbst hat sich auf Anfrage nicht zu den Hintergründen der Zusammenarbeit mit dem ICE geäußert.

Mehr Transparenz durch Börsengang

Die Bürgerrechtsorganisation American Civil Liberties Union (ACLU) warnt ebenfalls vor den Palantir-Produkten. “Abhängig davon, wie sie (Anm. der Red.: die Software) benutzt wird, könnte ihre Einbindung alles sein, von einem guten, effizienten Einsatz staatlicher Ressourcen bis hin zu einem totalitären Albtraum, der die Aktivitäten unschuldiger Amerikaner in großem Maßstab überwacht, die Aufzeichnungen sammelt und sie Analysten der Regierung zur Verfügung stellt”, schreibt ACLU-Analyst Jay Stanley in einem Blogbeitrag.

Vor allem die jüngsten Verträge, die im Zuge der Corona-Krise entstanden sind, beunruhigen die Organisationen. “Wir haben bereits gesehen, dass der Datenschutz in ihren Verträgen im Vereinigten Königreich wirklich ungenügend war (…). Wir glauben nicht, dass die US-Verträge besser sind. Angesichts früherer Fälle, in denen Gesundheitsdaten an Einwanderungsbeamte weitergegeben und zur Abschiebung verwendet wurden, sind wir äußerst besorgt, dass Palantir diesen Datenaustausch erleichtert und dazu beitragen könnte, dass Patientendaten am Ende dazu führen, dass jemand abgeschoben wird”, sagt Jacinta González von Mijente.

Von dem angestrebten Börsengang erhoffen sich Datenschützer und Bürgerrechtsorganisationen in Zukunft mehr Transparenz. Sollte es zum IPO kommen, müsste das Unternehmen zumindest seine Zahlen offenlegen. Über Aufträge mit Regierungen und Sicherheitsbehörden sowie die Funktionsweisen seiner Software dürfte Palantir aber weiterhin Stillschweigen wahren.

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen