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Warum das plötzliche Gewissen von Apple, Facebook, Tesla und Co. unglaubwürdig ist

  • Größenwahn im Silicon Valley: Google, Facebook, Amazon und Co. geht es nicht mehr nur um Milliarden. Sie wollen Weltfrieden, ewiges Leben und Glück für alle Menschen.
  • Plötzlich haben die Turbokapitalisten ihr Gewissen entdeckt. Apple stiftet 100 Millionen US-Dollar gegen Rassismus, Facebook, Youtube und Twitter sperrten Trump.
  • Woher kommt der Gotteskomplex der Techmilliardäre? Und wer soll ihnen glauben?
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Das Dokument las sich wie das Manifest eines Weltenlenkers, aber es war nur der Brief eines Vaters an seine neu geborene Tochter. „Liebe Max“, schrieb Facebook-Gründer Mark Zuckerberg vor ein paar Jahren, „wie alle Eltern wollen auch wir, dass du in einer besseren Welt aufwächst.“ Es ging dann um die ganz großen Fragen der Menschheit („Können wir Armut und Hunger besiegen? Können wir die Nationen der Welt versöhnen?“).

Und die Lösung für all diese Themen – ewige Jugend, Weltfrieden, Gesundheit, Menschlichkeit, bessere Bildung, glückliche Kinder – konnte für Zuckerberg nur eines sein: das Internet. „Wenn wir uns vernetzen“, schrieb er an seine kleine Tochter, „können wir Hunderte von Millionen Menschen aus der Armut befreien und Millionen Leben retten.“ Und man wusste nicht recht, auf welches Baby er eigentlich stolzer war: Max oder Facebook.

Die Welt retten – darunter machen es die einstmals coolen Kids nicht

Zuckerberg ist nicht der einzige Silicon-Valley-Milliardär, der nach abgeschlossener Vermögensbildung die großen Sinnfragen entdeckt hat. Der mehr hinterlassen möchte als einen riesigen Haufen Geld und ein mieses Image. Der mit quasi religiöser Inbrunst die Neuerfindung seiner selbst als Philanthrop, Wohltäter und Menschheitspionier vorantreibt. Das Ziel ist nicht nur, die peinlichen Skandale um Datenmissbrauch und monopolistische Macht vergessen zu machen oder irgendwelche argwöhnischen EU-Behörden zu befriedigen. Das Ziel heißt: Die Welt retten – darunter machen es die einstmals coolen Kids aus dem Silicon Valley nicht mehr. Und so peppen sie ihr irdisches Treiben mit einem theologisch-visionären Überbau auf.

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Seit dem Tod des kultisch verehrten Apple-Vordenkers Steve Jobs rangelte ein halbes Dutzend Möchtegerngurus in der kalifornischen Technikszene um seine spirituelle Nachfolge. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie wollen mehr sein als reiche Firmenlenker. Sie wollen Visionäre sein. Propheten. Weltveränderer.

Amazon träumt von der „Kolonisierung des Sonnensystems“

Amazon-Chef Jeff Bezos träumt von der „Kolonisierung des Sonnensystems“ und baut „denkende“ Roboter. Travis Kalanick, Gründer des Fahrdienstes Uber, will „das Leben der Menschheit verbessern“. Apple-Chef Tim Cook hat vor zwei Wochen mit branchenüblichem Getöse angekündigt, dass der Konzern 100 Millionen Dollar für eine Welt ohne Rassismus spenden wolle. „Wir alle sind für den Aufbau einer gerechteren Welt verantwortlich“, wurde er zitiert. Daran wäre wenig auszusetzen, wenn der Techgigant gleichzeitig darauf verzichten würde, seine schillernden Maschinchen millionenfach vom unterbezahlten chinesischen Prekariat zusammenlöten zu lassen.

Zu den Sternen: Facebook-Chef Mark Zuckerberg im Februar 2020 in Brüssel. © Quelle: Francisco Seco/AP/dpa

Google-Mitgründer Larry Page sucht mit einem Heer von Kardiologen, Biochemikern und Zellbiologen nach dem Algorithmus für das ewige Leben. Bill Gates reist längst nur noch in humanitären Angelegenheiten um die Erde. Und Zuckerberg will 99 Prozent seines 44,6-Milliarden-Dollar-Vermögens in eine Stiftung übertragen und das Netz per Laser und Drohnenflotte in den letzten Winkel der Erde bringen. Alles zum Wohl des Planeten, versteht sich. Friede, Freude, Eierkuchen dank „Big Data“.

Friede, Freude, Eierkuchen dank „Big Data“

Führend in der inoffiziellen Weltmeisterschaft der Innovatoren und Allzweckvisionäre ist Tesla-Gründer Elon Musk, der nicht nur das Ölzeitalter beenden, Menschen in Druckluftröhren mit 1200 Kilometern pro Stunde auf Reisen schicken und den Massentourismus zum Mars ankurbeln möchte. Er wird nicht nur in der brandenburgischen Provinz mit einer Unterwürfigkeit hofiert, die nur in Selbstgerechtigkeit und Größenwahn münden kann. „Wir haben die Pflicht, das Licht des Bewusstseins zu bewahren und sicherzustellen, dass es auch in der Zukunft noch leuchtet“, predigt Bruder Musk.

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Geld ist nicht das Problem. Geld ist reichlich da. Sinn ist das Problem. Google baut Suchmaschinen? Nicht doch. Google „demokratisiert das Weltwissen“. Tesla baut Elektroautos? Ach was. Tesla „revolutioniert Mobilität“. Airbnb vermittelt Übernachtungen? Airbnb „baut Vorurteile zwischen Fremden ab“. Uber vermittelt Fahrdienste? Uber „löst die Mobilitätsprobleme der Welt“.

Früher reisten unausgelastete CEOs in Heißluftballons über die Erde

Mehr noch: „Uber hat mir Gott gesandt“, zitiert die Firma eine Kundin. Es war nicht Gott. Es war dann doch bloß Travis Kalanick. Aber wo ist da noch der Unterschied? Kalanick verfügt über eine Technik, die sie bei Uber „God View“ nennen: Sie zeigt auf einen Klick sämtliche Uber-Autos weltweit in Echtzeit – inklusive der Namen der Insassen.

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Revolution. Innovation. Philosophie. Das glutvolle Vokabular steht für mehr als amerikanisch-überdrehtes Marketing. Die Techelite glaubt fest daran, dass es zur Lösung aller Weltprobleme nichts braucht als Geld und WLAN. Früher reisten unausgelastete CEOs in Heißluftballons über die Erde (Richard Branson) oder jagten Segelrekorde auf den Weltmeeren (Steve Fossett). Heute betreiben sie die Umprogrammierung der Welt – zu ihren Nutzungsbedingungen.

100 Millionen Dollar gegen Rassismus: Apple-CEO Tim Cook im Steve Jobs Theater in Cupertino.

Google bastelt an Nanopartikeln, die sich in menschliche Zellen einnisten und im Bedarfsfall das Blut „upgraden“. Im Tesla-Hauptquartier stehen Aristoteles-Zitate an den Wänden. Musk selbst, schrieb ein Biograf, sei der „da Vinci des 21. Jahrhunderts“. Sie spielen Gott. „Wer sagt denn, dass wir nicht doppelt so groß sein und doppelt so lange leben können?“, fragt der frühere Stanford-Professor Sebastian Thrun, bei Google lange zuständig für künstliche Intelligenz. „Wer sagt denn, dass wir keinen IQ von 10.000 haben können?“

Twitters Trump-Sperre war nur eine kostenlose Last-Minute-Kehrtwende zur Eigenrettung

Das Problem: Die Welt ist nicht restlos überzeugt davon, dass Nerds mit übergroßem Ego, Milliarden von Dollar, eigenen Geschäftsinteressen und wenig Respekt für demokratische Spielregeln das richtige Personal für die Neugestaltung des Planeten sind. Da nützt es auch wenig, dass Youtube, Twitter und Facebook auf den letzten Metern der Präsidentschaft von Donald Trump plötzlich eine Art soziales Gewissen entdeckt haben wollen und dem ohnehin schon politisch erledigten Herrn die emotionalen Überdruckventile schlossen. Wen sollte das überzeugen? Das war nicht mehr als eine kostenlose Last-Minute-Kehrtwende zur Eigenrettung – nach Jahren, in denen sie alle vom allgemeinen digitalen Hyperventilieren der Trump-Bubble profitiert haben.

Nicht nur Angela Merkel zweifelte an der Lauterkeit der Absichten. Gewiss verstieß Trump gegen die selbsterklärten Regeln der Plattformen. Gewiss war die Sperrung überfällig und eine Genugtuung für Trumps Gegner. Gleichzeitig darf man fragen, ob wirklich die kommerziellen Schleusenwärter des globalen Netzes entscheiden dürfen sollen, welcher politische Führer was genau zur Kenntnis gibt. Und ob die demokratischen Spielregeln nicht auch Rechte für jene vorsehen, die die Grenzen des Erträglichen dehnen.

Zwischen hippieesker Maßlosigkeit und eiserner Technikgläubigkeit

Denn Demokratie ist ansonsten nicht so das Ding für die Plattformen, die jetzt ihr Fähnchen nach dem Winde drehen. Nationale Gesetze – das ist für die selbst ernannten Weltenlernker nur lästige Kleinstaaterei. Politik ist bloß ein Bremsklotz auf dem Weg in die glückverheißende Technokratie. Debatten über Datenschutz, die Ausbeutung von Angestellten oder die Kooperation mit Geheimdiensten? Alles bloß Störgeräusche auf dem Weg ins digitale Arkadien.

Die Techsuperstars des Silicon Valley vereint der Größenwahn: Sie wollen mehr sein als reiche Firmenchefs. Sie wollen Visionäre sein. Propheten. Weltveränderer. Demokratie, Gesetze und Politik sind ihnen bei dieser Mission im Weg.

Die Hybris kommt nicht von ungefähr. Geprägt vom kalifornischen Can-do-Spirit mit seinem fast zwanghaft optimistischen Mix aus hippieesker Maßlosigkeit und eiserner Technikgläubigkeit sehen sich Bezos, Kalanick, Page oder Zuckerberg nicht bloß als Treibriemen der digitalen Revolution, sondern gleich als Vorboten einer besseren Welt. Sie fühlen sich als Pioniere eines der fundamentalsten Umbrüche in der Menschheitsgeschichte, vergleichbar nur mit der industriellen Revolution. Und sie wissen genau, wie viel cooler unerschütterliche Zuversicht wirkt gegenüber dem griesgrämigen Genörgel ihrer Kritiker.

Selbst ernannte Superhelden neigen dazu, sich für unfehlbar zu halten

Irgendwann, wenn die Geldspeicher voll sind, entwickeln sie diesen bizarren Erleuchtungsdialekt, in dem Briefe an ein Neugeborenes plötzlich klingen wie der Entwurf einer neuen Erde. New Age trifft New Business. Technologie als Theologie. Als käme das Glück aus dem 3-D-Drucker. Die „Superkraft der Technologie“, twitterte Silicon-Valley-Geldgeber Marc Andreessen, „upgradet uns als Schöpfer, Baumeister, Erfinder, Designer, Künstler, Produzenten.“

Selbst ernannte Superhelden allerdings neigen dazu, sich für unfehlbar, unaufhaltbar und über allen Regeln stehend zu halten. Debatten über Sinn und Ziele des Fortschrittskults erreichen sie kaum. Erst recht nicht die Frage, wer sich im digitalen Utopia der jugendlich-sonnengebräunten Machertypen eigentlich um die Interessen der sozial Schwächeren, der Alten und Armen kümmern soll. Politik und Gesellschaft sind zu schwach für echte Gegenwehr – und die Medien zu süchtig nach charismatischen Heldentypen.

Für Peter Thiel, Großinvestor im Silicon Valley, ist der Tod nur eine „heilbare Krankheit“. Jungunternehmern empfiehlt er, eine „kultische Aura“ zu entwickeln, um Mitarbeiter und Kundschaft bei der Stange zu halten. Start-ups als Sekte. Die Kirche der unerschütterlichen Zuversicht.

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Warum Apple und Facebook einander nicht leiden können
6:07 min
Apple und Facebook liegen im Clinch – und der Streit eskaliert gerade so sehr, dass nichts nach Einigung aussieht. Das könnte Folgen für die Nutzer haben.  © RND

Wie humanitär können Firmen sein, die nicht mal Steuern zahlen?

Aber wie humanitär können Firmen sein, die nicht mal Steuern zahlen? Wie glaubwürdig können Milliardäre sein, die eine Kultur von Selbstlosigkeit und Teilen propagieren? Das größte Problem, sagte der ehemalige Facebook-Manager Antonio Garcia Martínez der „Zeit“, sei, „dass so viele Menschen in der Techszene kein Gespür dafür haben, was richtig und was falsch ist“.

Längst zeigt sich, dass die dopaminbefeuerte Häppchenkultur, die nur auf den nächsten Kick und die nächste Pseudobelohnung lauert, einen Bewusstseinszustand produziert, der Tiefe und Rationalität verhindert. Sie belohnt Aufgeregtheit mit Aufmerksamkeit und fördert Parallelwelten, Zuspitzung, Provokation und Aggressivität. Google, Apple, Twitter, Facebook und Co. haben die Welt zwar technisch bereichert, dabei aber das soziale Gefüge bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. „Früher hieß es: Meine Meinung zählt so viel wie deine Meinung“, sagt der britische Entertainer Ricky Gervais – „heute gilt: Meine Meinung zählt so viel wie deine Fakten. Das ist Blödsinn. Aber es geht nur noch um Popularität und Bestätigung.“ Es kann nicht gesund sein, wenn es – im Sinne des englischen Philosophen Thomas Hobbes vor drei Jahrhunderten – die Möglichkeiten der Technik sind, die den Radius des Denkens bestimmen.

Die „soziale Bestätigungsmaschine“

Er fühle eine „tiefe Schuld“, sagte auch Chamath Palihapitiya, von 2007 bis 2011 verantwortlicher Manager für das Facebook-Nutzerwachstum, in einem Vortrag an der Stanford Business School. Er habe geholfen, Werkzeuge zu erschaffen, die „das soziale Gewebe unserer Gesellschaft zerstören“. „Sie bemerken es nicht, aber Sie werden bei Facebook regelrecht programmiert“, sagte er. Es erschrecke ihn inzwischen, wie viel „intellektuelle Unabhängigkeit“ Facebook-User verlören. „Das war nicht unsere Absicht. Aber ich glaube, in den Tiefen unserer Bewusstseins ahnten wir, dass etwas Schlimmes passieren könnte.“ Die seelischen Folgen der um sich selbst kreisenden Feedbackschleifenkultur seien kein amerikanisches und kein russisches Problem: „Es ist ein globales Pro­blem.“ Seinen eigenen Kindern verbiete er diese „Scheiße“.

Auch Ex-Facebook-Präsident Sean Parker graust es inzwischen vor den Folgen des Netzwerks für das Sozialgefüge, vor diesem toxischen Kreislauf aus Popularität und populären Meinungen. Die „soziale Bestätigungsmaschine“ sei gemacht, um die „menschliche Verletzlichkeit psychologisch auszubeuten“, kritisierte Parker – und zwar durch ein System von künstlicher Bestätigung durch Herzchen, Likes und erhobene Daumen. „Gott weiß, was das in den Gehirnen unserer Kinder anrichtet.“

Die Fähigkeit, sich in die Denkweisen anderer hineinzufühlen, nimmt ab

Die Antwort kennen Wissenschaftler bereits: Es wirkt verheerend. Autor Manfred Spitzer zitiert in seinem Buch „Einsamkeit – die unerkannte Krankheit“ aus einer Metastudie mit Daten von mehr als 13 .000 Studenten. Ergebnis: Empathie – also die Fähigkeit, sich in die Denkweisen anderer hineinzufühlen – nimmt ab. Echte Gemeinschaft verliert an Wert. Die Gabe, die Perspektive anderer einzunehmen, verkümmert. Einsamkeit nimmt zu. Facebook beschleunigt diesen Prozess. 100 digitale Freunde ersetzen keinen echten. Es geht also um mehr als manipulative Kraft durch politische Propaganda. Es geht um den Zustand der menschlichen Seele selbst.

Das Fernziel von Facebook etwa sei es, sagt sein früherer Kollege Martínez, Staaten und Gesellschaften radikal durch eine neue digitale Heimat zu ersetzen. Bald würden Menschen Facebook haben, die nicht mal ein Klo hätten, sagt er. Das oberste Gebot in Zuckerbergs „Kirche“ sei der „Hack“. Das Wort ist in riesigen Buchstaben in den zentralen Hof des Facebook-Campus eingelassen. Die vier Buchstaben stünden dafür, sich „ein System zu erschließen und es nach den eigenen Vorstellungen zu ändern“. Dieses „System“ aber ist längst kein Netzwerk mehr und keine einzelne Branche. Es ist die ganze Welt.

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