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Vom Streamer zum Vtuber: ein Hype, der weit über Japan hinausgeht

  • Während Influencer wie Rezo oder Dagi Bee sich als Personen vermarkten, setzen Vtuber auf virtuelle Avatare.
  • Ihr Anteil nimmt auf Youtube, Twitch und Co. rasant zu.
  • Das wiederum basiert wohl auf der hohen Nachfrage: Die Vtube-Sparte erreicht weltweit Milliarden Videoaufrufe.
Jan Bojary
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Streamen ist eine populäre Form der Unterhaltung: Besonders geschickte oder charmante Menschen setzen sich vor eine Webcam und übertragen beispielsweise, wie sie gerade ein Spiel spielen. Auch Vtuber sind Streamer. Nur sieht das Publikum dabei nicht einen Menschen vor der Webcam, sondern eine Figur wie aus einem Comic oder Computerspiel. Der Computer schaut sich dafür die Bewegungen des Menschen vor der Webcam ab und überträgt sie auf eine Art digitale Marionette.

Plötzlich kann jeder alles sein, unabhängig von den Fesseln der Realität. Mit aller Deutlichkeit sahen das Fans der Vtuberin „Nora Cat“ bereits 2018, als wegen eines technischen Fehlers nicht die Marionette zu sehen war, sondern ihr Darsteller. Statt einer jungen Katzenfrau mit Piepsstimme saß plötzlich ein älterer Herr vor der Kamera. Zuerst regnete es Spott und Häme. Aber die Episode hat nur etwas verdeutlicht, was alle wissen: Virtuelle Youtuber und ihre Darsteller sind nicht unbedingt dieselbe Person. Und „Nora Cat“ hat heute mehr Zuschauer als damals.

Der Vtuber-Trend kommt aus Japan

In „Nora Cats“ Heimatmarkt Japan sind Vtuber längst ein Massenphänomen. Losgetreten wurde es bereits 2016 von „Kizuna AI“. Die erste Vtuberin ist eine Agenturschöpfung, dargestellt von einer professionellen Synchronsprecherin. Heute betreut eine eigens gegründete Firma den virtuellen Star. „Kizuna AI“ singt, plaudert und spielt online vor einem Millionenpublikum. Mit Livekonzerten, Gastauftritten in Fernsehshows und Werbespots bleibt sie ein fester Teil der japanischen Popkultur.

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„Kizuna AI“ ist inzwischen ein fester Teil der japanischen Popkultur. © Quelle: Kizuna

„Das ist nur der Anfang“, glaubt Eiji Araki. Der Manager ist bei der japanischen Internetfirma GREE auf Vtuber spezialisiert. Bisher gibt ihm das Wachstum recht. In Japan hat er beobachtet, wie Vtube-Kanäle schon 2017 die Grenze von einer Million Abonnenten knackten, zehn Millionen waren es 2018. Heute ist man in der Mitte der Gesellschaft angekommen, mit fünfstelligen Zuschauerzahlen auf virtuellen Livekonzerten und mit Agenturen wie Hololive, die allein über zehn Millionen Abonnenten knacken.

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Araki sieht nicht nur die Zahlen wachsen, er glaubt an einen Kulturwandel. Es werde bald ganz normal sein, dass Menschen einen Avatar, einen digitalen Körper haben, den sie bewohnen. Nach dieser Vorstellung sind Vtuber ein Vorbote einer Zukunft, in der Augmented-Reality-Brillen so allgegenwärtig sind wie heute Smartphones. Und in der es ganz alltäglich und normal wird, dass sich virtuelle Inhalte mit der Realität mischen.

Auch global gibt es Milliarden Videoaufrufe in der Vtube-Sparte

So weit ist es noch nicht. Aber das Phänomen erreicht inzwischen einen wirklich globalen Maßstab. Hololive expandierte im September 2020 mit neu geschaffenen Charakteren nach China, Indonesien und auf den englischsprachigen Markt. Mit Erfolg: Das atlantische Haimädchen „Gawr Gura“ streamt und spielt auf Englisch vor mehr als 2,6 Millionen Abonnenten. Global wurden laut offiziellen Youtube-Zahlen allein im Oktober 2020 über 1,5 Milliarden Videoaufrufe in der Vtube-Sparte gezählt. Das Publikum bleibt offen; 47 Prozent der Youtube-Nutzer würden sich laut einer Umfrage des Konzerns auch virtuelle Menschen anschauen.

„Gawr Gura“ erreicht mit ihren Videos mehr als 2,6 Millionen Abonnenten. © Quelle: Gawr Guna

Nicht nur Agenturen treiben das Wachstum in neue Märkte, sondern auch Ausnahmetalente wie „CodeMiko“. Geschaffen und verkörpert wird die Kunstfigur von einer Entwicklerin aus Los Angeles. Die Frau nennt sich selbst nur „Technician“ – als sei sie nur eine Technikerin, die eine ganz andere Person namens „Miko“ zum Leben erweckt. „Miko“ lebt in einem technisch beeindruckenden Wunderland. In ihrer dreidimensionalen Computerwelt kann sie sich verwandeln, explodieren, wieder auftauchen, wie es ihr gefällt. Erfolgreich ist sie mit einem Talk-Format, in dem sie vor allem mit anderen Streamern plaudert und ihren Sinn für absurden Humor zur Schau stellt. Anders als bei vielen anderen Vtubern ist die Illusion hier kein Tabu, sondern ein wichtiges Thema. „Miko“ und ihr „Technician“ im Motion-Capture-Anzug treten abwechselnd, gelegentlich sogar gemeinsam auf. Sie spielt gern mit den Irritationen, die sich aus dem Verhältnis der beiden Charaktere ergeben. Und sie dürfte noch viel populärer werden: Gerade hat der US-Fernsehsender G4 sie unter Vertrag genommen.

Vom Streamer zum Vtuber: Hat auch in Deutschland bald jeder einen Avatar?

Die Erfolgsgeschichte klingt beeindruckend, aber sie lässt sich nicht einfach wiederholen. Wer als Vtuber technisch mit Stars wie „Miko“ mithalten will, der braucht professionelle Hilfe. „Allein mein Anzug kostet 12.000 bis 13.000 Dollar“, hat die Künstlerin in einem Interview verraten. Ihr Weg zum Erfolg führte über Investitionen von 20.000 US-Dollar und ein Arbeitsmaß, das Schlafentzug und Gesundheitsprobleme mit sich brachte.

Trotzdem beobachten Experten wie etwa Andreas Degen, Veranstalter der Anime- und Japanmesse Dokomi, Tausende, die jetzt in Deutschland und der international ausgerichteten Szene selbst einsteigen und Vtuber werden wollen.

Manch einen stellt das Vorhaben noch vor technische Herausforderungen: Selbst, wer als Vtuber nur den Kopf erfassen und als zweidimensionale Animefigur auftreten will, braucht zumindest eine Figur. Grundsätzlich ist es möglich, Texturen und Animationen mit kostenlosen Werkzeugen zu erstellen. Aber auch das ist eher ein Job für Profis. Einfacher könnte es die Technologie von Hyprsense machen. Sie kann schon mit herkömmlichen Webcams die Mimik und Gestik eines Menschen deutlich genauer erkennen. Prompt wurde Hyprsense von dem Spielegiganten Epic Games gekauft – inklusive der Ankündigung, die Technologie bald im großen Maßstab anzubieten.

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