Versteckte Likes: Nur ein Teil des Problems

  • Instagram und andere Netzwerke testen Versionen, in denen die Likes versteckt sind.
  • Ob sie tatsächlich abgeschafft werden, ist unklar.
  • Doch die Likes sind nur ein Teil des Problems, findet Anna Schughart.
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Likes gehören fest zur Infrastruktur der sozialen Netzwerke. „Daumen hoch“ oder Herzen sind schon lange die wichtigste Währung auf Instagram, Twitter und Co. Wer viele Likes sammelt, der erhöht seine Sichtbarkeit, der fällt in der Masse von Fotos, Posts und Tweets auf. Doch die Zahl der Likes ist im Netz auch ein Maßstab für Wert geworden: Je mehr Likes ein Post oder ein Foto bekommen, desto wichtiger, desto wertvoller scheint die Veröffentlichung zu sein.

Besonders junge Menschen, so die Befürchtung, setzt das unter Druck: Wenige Herzen vermitteln ihnen möglicherweise das Gefühl, auch wenig wert zu sein oder gar ein langweiliges Leben zu führen. Auf diese Weise können Likes (oder ihr Fehlen) ein Anreiz sein, das eigene Verhalten anzupassen: Was funktioniert, wird wiederholt. Wer oder was online keine Likes generiert, ist dagegen auch offline nichts wert. Dass dabei gerade auf Instagram vor allem diejenigen mit Herzen belohnt werden, die ihr Leben besonders ästhetisch in Szene setzen können, erhöht den Druck.

Die Diskussion über den Sinn von Likes ist dabei nicht neu. Schon vor einem Jahr kritisierte zum Beispiel Kanye West, dass Followerzahlen und Like-Counts eine „negative Wirkung auf unser Selbstwertgefühl“ hätten. Zahlreiche Social-Media-CEOs stimmten dem Rapper damals zu. Passiert ist seitdem aber noch nicht allzu viel. Zu dem radikalen Schritt, die Likes einfach abzuschalten, konnte sich bisher noch keine der großen Plattformen durchringen.

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Vergleich wird schwieriger

Stattdessen gibt es seit einigen Monaten verschiedene Testprogramme. Instagram zum Beispiel untersucht in mehreren Ländern – darunter seit Kurzem auch in den USA –, welchen Effekt unsichtbare Likes haben. Wie viele Menschen einen Post gelikt haben, ist dann nicht mehr öffentlich sichtbar, sondern nur für den Nutzer selbst. Der direkte Vergleich mit anderen Nutzern wäre dann erschwert. Unmöglich zu sagen, ob der eigene Italien-Urlaub auf Instagram besser ankommt als der Dänemark-Ausflug der Arbeitskollegin.

Dass ausgerechnet auf Instagram die Likes ihr Ende finden könnten, wäre keine Überraschung. Die Fotoplattform setzt auf ihr Image als nette Alternative zu Twitter und Co. Instagram will der „sicherste Ort im Internet sein“. Auf einer Konferenz des Magazins „Wired“ sagte Instagram-Chef Adam Mosseri nun, man wolle besonders jungen Nutzern den Druck nehmen. „Digital Wellbeing“, also digitales Wohlbefinden, lautet das Stichwort.

Jagd auf Follower statt auf Likes

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Tatsächlich ist es gut vorstellbar, dass es einer 16-Jährigen guttut, wenn nicht alle ihre Freunde sehen, wie viele Menschen ihr Urlaubsfoto gelikt haben. Dass sie sich dann eher traut, ihr wahres Leben auf der Plattform zu teilen. Doch die Likes sind nur ein Teil des Problems. Beliebtheit lässt sich schließlich auch über andere Parameter messen: Statt auf die Jagd nach Likes zu gehen, könnten sich Nutzer stattdessen darum bemühen, möglichst viele Follower zu sammeln. Und auch der Impuls, das eigene Leben mit dem von anderen zu vergleichen, verschwindet nicht unbedingt, nur weil keine Herzchen mehr gezählt werden: Fotos von perfekten Hochzeiten, teuren Outfits und atemberaubenden Strandurlauben finden sich ja weiterhin zuhauf auf Instagram.

Der Abschied vom Like wird nicht reichen, um das zu ändern. Trotzdem könnte sein Ende ein wichtiges Symbol sein. Es wäre nämlich das Zugeständnis der Plattformen, dass die Anreize, die sie ihren Nutzern setzen, nicht richtig sind. Dass die Jagd nach mehr Likes problematisch sein kann. Und auch für die Nutzer könnte ein Ende der Likes ein wichtiges Signal sein und der Anlass, sich selbst zu fragen: Was und wen möchte ich mit einem Post erreichen?

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