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  • Verschwörungstheorien und Social Media: Videos verbreiten sich auch nach Entfernung

Nährboden für Verschwörung: Videoverbreitung zeigt Schwachstellen sozialer Medien

  • Selbst wenn Social-Media-Plattformen kritische Inhalte verbannen, kursiert die Verschwörungstheorie weiter.
  • Das zeigt unter anderem das Beispiel eines von einer Impfgegnerin verbreiteten Videos.
  • Krude Vorstellungen ohne wissenschaftliche Grundlage finden in der Corona-Krise immer mehr Anhänger.
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Chicago. Binnen weniger Tage hatten die Internet-Giganten aus dem Silicon Valley das Video von ihren Plattformen verbannt. Trotzdem war es da schon zu spät: Millionen Nutzer hatten sich angehört, was eine verrufene Aktivistin vom Coronavirus hält. In dem 26 Minuten langen Film "Plandemic" verbreitet die Impfgegnerin Judy Mikovits eine Reihe von Theorien – die meisten fragwürdig, viele nachweislich falsch und einige potenziell gefährlich.

Das Video wurde massenhaft geteilt, in Facebook-Gruppen von Impfgegnern, aber auch von vielen Amerikanern, die eigentlich bloß die Ausgangsbeschränkungen und andere Schutzmaßnahmen der Behörden kritisch sehen. Der Vorgang führt vor Augen, wie leicht es heute ist, die Sozialen Medien als "Megafon" zu nutzen, um mit dubiosen Inhalten ein breites Publikum zu erreichen – und wie schwierig es für die Betreiber der großen Plattformen ist, eben dies zu verhindern.

Fehlende Belege im Video

Ohne Belege zu liefern, behauptet Mikovits unter anderem, das Virus sei in einem Labor erzeugt worden und werde den Menschen mittels Grippeschutzimpfungen injiziert. Ihrer Darstellung zufolge könnte außerdem das Tragen einer Gesichtsmaske eine Infektion mit dem Coronavirus auslösen. So haarsträubend die Theorien sein mögen – bei Internet-Nutzern, die hinsichtlich der Pandemie den offiziellen Quellen skeptisch gegenüber stehen, kamen sie offenbar gut an.

Die derzeitige Ausnahmesituation scheint für Verschwörungstheorien ein idealer Nährboden zu sein. Die verhängten Schutzmaßnahmen haben das Leben vieler Menschen auf den Kopf gestellt. Gleichzeitig gibt es im Hinblick auf das neue Virus auch von Seiten der Wissenschaft bisher auf einige entscheidende Fragen keine Antwort. In dieser Gemengelage werden Botschaften wie die von Mikovits über Kanäle wie YouTube, Facebook oder Instagram millionenfach weitergeleitet.

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Entfernen von Social-Media-Plattformen bringt nur wenig

Das Original-Video wurde zwar von den meisten etablierten Plattformen inzwischen entfernt. Doch die Verbreitung hat längst ein Eigenleben entwickelt. "Sobald es einmal verfügbar ist, hat es eine unbegrenzte Lebensdauer", sagt Ari Lightman, Experte für Digitale Medien an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh. Und Verschwörungstheoretiker sehen sich durch die vermeintliche Zensur gar bestätigt. Dies sei "die moderne Form der Bücherverbrennung in Reinkultur", kommentierte ein Nutzer in einer geschlossenen Facebook-Gruppe namens Reopen California.

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Mikovits selbst ist quasi über Nacht zu einer Berühmtheit geworden. Zwei von ihr verfasste Bücher wurden auf Amazon plötzlich zu Bestsellern. Konservative amerikanische Radio-Moderatoren und Dutzende Podcasts mit großer Reichweite präsentierten ihren Zuhörern Audio-Mitschnitte aus "Plandemic". Auf entsprechende Randgruppen ausgerichtete Streaming-Dienste luden Mikovits zu Interviews. Eine Anfrage der Nachrichtenagentur AP ließ die Aktivistin dagegen unbeantwortet.

Mikovits verbreitet seit Jahren Verschwörungstheorien

Vor knapp zehn Jahren war Mikovits schon einmal in die Schlagzeilen geraten. Damals hatte sie eine Theorie verbreitet, laut der ein aus Mäusen bekanntes Virus namens XMRV das chronische Erschöpfungssyndrom auslöst. Andere Forscher konnten ihre Untersuchungen allerdings nicht bestätigen. Später wurde Mikovits von dem medizinischen Institut, bei dem sie gearbeitet hatte, entlassen.

Wohl auch gerade wegen ihres Rufs als diskreditierte Wissenschaftlerin stößt Mikovits nun bei Verschwörungstheoretikern auf großen Anklang. Und dass ihr Video aus den großen Sozialen Netzwerken verbannt wurde, lässt weitere dubiose Theorien sprießen – insbesondere die, dass die Unternehmen aus dem Silicon Valley die Wahrheit über den Ursprung und die Ausbreitung des Coronavirus unterdrücken würden.

Facebook hat Konsequenzen gezogen

Facebook unterbindet laut eigenen Angaben das Teilen der vollständigen Version des Videos, weil die darin enthaltene Behauptung, dass das Tragen von Schutzmasken krank machen könne, einen "unmittelbaren Schaden" verursachen könne. Die Plattformen YouTube und Vimeo erklärten, das Video verstoße gegen die eigenen Richtlinien bezüglich schädlicher Falschinformation. Twitter gab am Montag bekannt, es habe prominent platzierte Hinweise auf "Plandemic" verhindert.

Der bei Anhängern von US-Präsident Donald Trump beliebte Internet-Unternehmer Michael Coudrey sagt, er sei zwar kein Impfgegner und glaube auch nicht an Verschwörungstheorien, aber die Verbannung des Videos aus den Social-Media-Plattformen halte er für falsch. "Die Meinung einer Ärztin zu zensieren, schafft einen sehr gefährlichen und unnötigen Präzedenzfall", betont er.

Der Facebook-Nutzer Benjamin Romberger wurde auf das Video aufmerksam, nachdem drei Freunde es in der vergangenen Woche geteilt hatten. “Ich habe sofort gestöhnt und gedacht: “Oh nein, nicht noch so ein Video voller falscher Informationen, wo ich Zeit und Energie investieren muss, um anderen die Grundlagen von Wissenschaft, Biologie und Medizin zu erklären””, sagt er. Der Kalifornier schickte seinen Freunden einige Klarstellungen und zugleich einen entsprechenden Hinweis an Facebook.

Ausschnitte des Videos waren jüngst auf einigen der großen Plattformen nach wie vor mit wenigen Klicks zu finden. Über weniger bekannte Portale mit weniger scharfen Richtlinien war auch die Komplett-Version weiterhin verfügbar. “Stellen Sie sich eine Flut von mehr und mehr solchen Dingen vor”, mahnt Tristan Harris, ehemaliger Google-Ethiker und Mitbegründer der Organisation Center for Humane Technology. “Es reicht als Lösung nicht aus, zu sagen: “Mensch, wir müssen besser darin werden, so etwas zu entfernen, nachdem es eine Million Leute gesehen haben.””

RND/ AP

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