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  • Twitch: Streamingseniorinnen WowGrandma78 und Marmeladenoma haben Zehntausende Follower

Streaming kennt kein Alter: Wie zwei Seniorinnen mit Gaming und Märchen zum Internethit wurden

  • Die beiden Seniorinnen WowGrandma78 und Marmeladenoma begeistern auf der Plattform Twitch Zehntausende Zuschauer.
  • WowGrandma78 spielt seit 16 Jahren World of Warcraft. Die täglichen Streams und der Kontakt zu ihren Fans sind ihr gerade in Corona-Zeiten sehr wichtig, erzählt sie dem RND.
  • Marmeladenoma liest hingegen Märchen vor – und sieht sich selbst als „Ersatzoma“ für ihre Fans.
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Wer auf der Livestreaming-Plattform Twitch unterwegs ist, sieht vor allem junge Leute, die auf dem PC oder der Konsole Games spielen. Sie zocken Shooter wie Fortnite oder den Weltenbaukasten Minecraft – und Millionen Menschen schauen zu. In den Livestreams geht es aber längst nicht mehr nur um Gaming: Manche Streamer singen, tanzen oder sind passend zur beliebten Streamingkategorie „Just Chatting” nur da, um mit ihren Zuschauern etwa über Youtube-Videos und oder Trends zu reden.

Auf einer Plattform, auf der Streamer mit solchen Themen die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf sich ziehen, würden wohl die wenigsten erwarten, dass sich auch ältere Menschen live vor die Kamera stellen. Doch dann kennen sie die Streamingsenioren auf Twitch noch nicht.

Die Nutzerinnen WowGrandma78 und Marmeladenoma sind zwei der Omas, die sich mit ihren Livestreams einen Namen gemacht haben und bereits Zehntausende Follower zählen. Beide streamen jedoch etwas ganz anderes: Während WowGrandma78 Menschen aus aller Welt mit dem Onlinerollenspiel World of Warcraft unterhält, lädt Marmeladenoma ihre Zuschauer zu einem wöchentlichen Märchenabend ein.

WowGrandma78 ist ein Gamingurgestein

„Wenn Leute zum ersten Mal meinen Namen sehen, denken sie, dass ich 78 geboren wurde – doch dann finden sie auch schnell heraus, dass ich 78 Jahre alt bin”, sagt WowGrandma78 im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

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Die US-Amerikanerin ist bereits seit 1998 leidenschaftliche Gamerin. Es fing mit Puzzle- und Strategiespielen an, doch dann kam 2004 World of Warcraft heraus. „Die ersten paar Monate habe ich es noch nicht angerührt, weil ich wusste, dass ich viel Zeit damit verbringen würde. Als ich dann gestartet habe, waren es ungefähr 15 Stunden am Tag, die ich mit dem Spiel verbracht habe”, sagt sie lachend.

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World of Warcraft, dafür steht das „Wow” in dem Namen ihres Twitch-Kanals, hat sie seitdem nicht mehr losgelassen. „Ich mag alle Details, die Blizzard (der Hersteller, Anmerk. d. Red.), diesem Spiel geschenkt hat: Von den Eichhörnchen, die auf dem Boden rumlaufen, bis zum schönen Himmel”, betont sie.

Die Twitch-Streamerin WowGrandma78 hat sechs Kinder, neun Enkelkinder und vier Urenkel. © Quelle: WowGrandma78

Im Livestreaminggeschäft ist die 78-Jährige noch recht neu. Im Januar vergangenen Jahres startete sie ihren ersten Stream, obwohl sie anfangs nicht ganz verstanden hatte, wozu das gut sein soll. „Ich dachte mir nur: ‚Warum sollte man einer alten Frau zuschauen, die Videospiele spielt?‘”, erinnert sich die Gamerin. Doch die Mitglieder ihrer Gilde, also ihres Teams in World of Warcraft, waren sich sicher, dass sie zum Erfolg werden würde.

Und sie hatten recht: In etwas über einem Jahr sammelte sie mehr als 30.000 Follower auf Twitch. Inzwischen streamt sie jeden Abend, manchmal sogar sieben bis neun Stunden am Stück. Warum sie so viele Zuschauer hat, kann sie sich nun besser erklären: Sie mögen ihre Raids, also vereinfacht gesagt die Kämpfe ihrer Gilde gegen andere computergesteuerte oder „echte“ Spieler in World of Warcraft, und schätzen obendrein die gute Atmosphäre in den Streams. „In den Kommentaren geht es nicht um Politik oder sowas, wir sind alle Menschen und ich möchte, dass alle sich willkommen und akzeptiert fühlen – egal, woher sie kommen und wer sie sind”, betont WowGrandma78.

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Marmeladenoma: Eine „Ersatzoma“ für Zehntausende Menschen

Technik, Gaming, Livestreams: Damit kann Marmeladenoma aus dem baden-württembergischen Ettlingen eigentlich nichts anfangen. Dennoch ist sie seit fast fünf Jahren mit über 60.000 Followern eine erfolgreiche Streamerin auf Twitch.

Das hat sie vor allem ihrem 19-jährigen Enkel Janik zu verdanken: „Janik und ich sind ein Team, das ist ganz wichtig. Er führt die Kamera, lädt alles hoch und hat sehr viele Ideen“, sagt die 89-Jährige dem RND. Jeden Samstagabend streamen die beiden zusammen. Marmeladenoma, die eigentlich Helga heißt, aber so unter keinen Umständen genannt werden möchte, ließt Märchen vor und erzählt Geschichten aus ihrer Kindheit. Janik kümmert sich um die Technik und behält die Märchenwünsche und Fragen im Blick, die die Zuschauer stellen.

Ein unschlagbares Streamteam: Marmeladenoma (89) liest Märchen vor, Enkel Janik (19) kümmert sich um die Technik. © Quelle: Marmeladenoma

Janik brachte sie erstmals 2016 auf die Idee, Märchen im Livestream vorzulesen. Marmeladenoma hat ihm, ihren vier Kindern und ihren drei weiteren Enkeln schon früher immer die Geschichten der Brüder Grimm, Hans Christian Andersen und Co. erzählt. Märchen ziehen sich wie ein roter Faden durch ihr Leben, so Marmeladenoma. „Viele Menschen glauben, Märchen seien grausam – aber Kinder sehen das ganz anders. Kinder sehen, dass das Gute belohnt und das Böse bestraft wird. Deshalb liebe ich Märchen“, sagt sie.

Sie erhält für ihre Märchenstunden Tag für Tag Briefe aus aller Welt. Ihre Fans schreiben ihr, wie sehr sie ihre Märchenabende lieben – und wie sehr sie sich eine eigene Oma wünschen, die ihnen auch Geschichten vorliest. „Ich kann wahnsinnig viele Menschen trösten, das ist mir persönlich sehr wichtig. Für viele bin ich eine Ersatzoma“, sagt sie stolz.

Aber auch Marmeladenoma findet im Gespräch mit ihren Fans Trost. Ihre Kindheit war im Krieg mit viel Trauer und vielen Verlusten verbunden. „Wenn ich in den Streams über meine Vergangenheit spreche, ist das eine Art der Bewältigung für mich“, erzählt sie.

Twitch-Omas sprechen über ihre Erfahrungen mit Hasskommentaren

Fanbriefe, eine freundliche Atmosphäre unter den Zuschauern: Nicht immer lief alles so rosig. Gerade am Anfang ihrer Zeit als Streamerinnen wurden WowGrandma78 und Marmeladenoma mit Hasskommentaren konfrontiert. „Ich bekam anfangs noch furchtbare sexistische Kommentare ab“, bedauert WowGrandma78. Sie musste deswegen oft weinen. Die zahlreichen „Trolle und Hater” sind auch ein Grund, warum sie ihren echten Namen lieber nicht verrät.

Doch ihre Fans verteidigten sie stets und bauten sie wieder auf. Inzwischen löschen ihre Moderatoren auch sehr schnell jegliche diskriminierenden Aussagen. Die wenigen negativen Kommentare, die sie noch zu sehen bekommt, lassen sie weitgehend kalt: „Rückblickend finde ich diese Kommentare einfach nur widerlich – und die, die solche Kommentare geschrieben haben, tun mir nur noch leid. Ich meine, wie muss ihr Leben schon sein, damit sie ihre Zeit damit verbringen, so etwas Furchtbares zu schreiben?”

Auch Marmeladenoma erinnert sich an fiese Kommentare: „Am Anfang war es ganz schlimm, da habe ich Sachen gehört, die kannte ich gar nicht“, sagt sie. „Ich wurde in den Topf der Nazis geworfen und es waren auch sexistische Äußerungen dabei.“ Inzwischen hat sich die Lage gebessert, Marmeladenoma bekommt solche Kommentare nicht mehr zu Gesicht. Dafür sorgen ihre Moderatoren und Janik. „Ich schaue in den Chat rein, um zu sehen, ob alles gut läuft“, erzählt der Schüler.

Streaming hilft Seniorinnen durch die Pandemie

Die Corona-Pandemie ist für Marmeladenoma eine große Belastung. „Es ist schlimm, wirklich schlimm – vor allem diese Absperrungen. Man darf sich nicht mehr treffen und das engt einen ganz schwer ein“, sagt sie. Janik und sie hatten früher oft Freunde oder Gäste während der Streams zu Besuch, das fehle den beiden sehr.

In diesen Zeiten bringt die Sendung der 89-Jährigen Witwe und ihres Enkels jede Woche ein Stück Normalität zurück in den Alltag. Janik schläft eine Nacht in der Woche bei seiner allein lebenden Oma, er hat ein eigenes Zimmer, das gleichzeitig das Studio des Streams ist. Der Kontakt mit ihm, aber auch mit ihren Fans ist Marmeladenoma sehr wichtig. „Meine Zuschauer fühlen sich hier angenommen und wie zu Hause, als würden sie direkt in unserem Wohnzimmer sitzen“, sagt sie.

WowGrandma78 erzählt, dass sie ein geselliger Mensch sei. Die Streams und Interaktionen mit ihren Fans seien ihr in der Corona-Pandemie deshalb auch so wichtig. Sie lebt allein mit ihrem Hund, ihr Mann ist vor viereinhalb Jahren gestorben. Ihre sechs Kinder, neun Enkelkinder und vier Urenkel hat sie wegen der Corona-Einschränkungen und der Angst vor dem Virus seit anderthalb Jahren nicht mehr gesehen.

Sie lebt südlich in Arizona, der Großteil ihrer Familie wohnt jedoch im Nordwesten der USA. „Ich habe leider selbst die Hochzeit meines Enkels vor zwei Wochen verpasst. Sie feierten bei sich zu Hause im Garten, um eine Ansteckung mit dem Virus zu vermeiden“, bedauert sie. Sie konnte nur per Zoom dazugeschaltet werden, um wenigstens eine Tischrede zu halten.

„Wäre Papa noch am leben, wäre er sehr stolz auf dich“

Ihre Leidenschaft zu World of Warcraft war bei ihrer Familie früher ein heikles Thema. WowGrandma78 zockt seit 1998. Sie sagt, es hält sie fit im Kopf – und sie erhofft sich vom Gaming, dass sie nicht an Alzheimer erkrankt. Aber weder ihre Kinder noch ihre Enkel und Urenkel halten viel von Videospielen. „In meinen 40ern und 50ern war ich eine begeisterte Bergsteigerin“, erzählt sie. „Ich habe meine Kinder oft gut 3000 Meter hinaufklettern lassen, sie sind also von Grund auf lieber im Freien.“

Einmal besuchte sie ihren Sohn an Weihnachten in Kalifornien. Anstatt traditionell Weihnachten mit der Familie zu feiern, spielte sie in seiner Garage ihr Lieblingsvideospiel. „Mein Sohn lud die Nachbarn ein, die für mich ‚We wish you a Merry Christmas‘ sagten. Es war für sie schwer zu glauben, dass seine Mutter an Weihnachten lieber World of Warcraft spielt“, erinnert sie sich. Heute machen sich ihre Kinder nicht mehr über ihr Hobby lustig, denn sie sehen, mit welch großer Leidenschaft sie spielt und wie sehr ihre Fans sie dafür schätzen. „Sie sagen mir oft: ‚Wäre Papa noch am leben, wäre er sehr stolz auf dich.‘“

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