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Ein Reiz jagt den anderen: Droht Kindern auf Tiktok, Twitch und Co. die psychische Überforderung?

Ein Zusammenhang zwischen einer Reizüberflutung und Medienkonsum ist in wissenschaftlichen Studien bislang noch nicht untersucht worden – doch Medienpsychologin Sabine Trepte geht davon aus, dass ein exzessiver Konsum bei manchen Kindern zu einem Sensory Overload führen kann.

Schrille Musik, schnelle Schnitte, hohes Tempo – auf Social-Medial-Plattformen wie Tiktok, aber auch in Videospielen bleibt Nutzern und Nutzerinnen oft nicht viel Zeit zum Verweilen. Auf viele Eltern wirkt das befremdlich – besonders dann, wenn ihre Kinder nicht nur ein Medium nutzen, sondern neben dem Zocken etwa auch noch einen Twitch-Stream laufen lassen, auf dem ständig etwas anderes zu passieren scheint. Nicht selten ist dabei auch die Angst vor einer Reizüberflutung durch exzessiven Medienkonsum groß. Aber kann ein starker Medienkonsum überhaupt eine Reizüberflutung auslösen – und was ist ist genau unter diesem diffusen Begriff zu verstehen?

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Reizüberflutung: Warum der Begriff oft falsch verwendet wird

Wer an einem Tag zu lange vor dem Bildschirm verbracht hat und abends vielleicht mit Kopfschmerzen ins Bett geht, hat diesen Zustand vielleicht schon mal als Reizüberflutung bezeichnet. „Wie andere klinische Begriffe wird auch Reizüberflutung sehr umgangssprachlich verwendet. Das ist vergleichbar mit Ausdrücken wie ‚Suchti‘ oder ‚Depris‘“, sagt Medienpsychologin Sabine Trepte von der Universität Hohenheim. Dabei hat der Begriff eigentlich eine etwas andere Bedeutung.

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Das Phänomen, das die Reizüberflutung zu erklären versucht, ist ein sehr extremer Zustand des Körpers: Wenn Betroffene zu viele Reize gleichzeitig aufnehmen und diese nicht mehr verarbeitet werden können, kann das zu einer psychischen und körperlichen Überforderung führen – einer Reizüberflutung. Das, was viele Leute mit dem Begriff oft ausdrücken wollen, ist laut Trepte jedoch der sogenannte Cognitive Overload: Dieser Zustand tritt öfter mal im Alltag auf, wenn zu viele Reize auf einen Menschen einprasseln. „Wenn jedoch Reize gar nicht mehr gefiltert werden können und dies zu körperlichen und psychischen Beschwerden führt, dann nennen wir es Sensory Overload. Das ist dann so etwas wie die umgangssprachliche Reizüberflutung“, betont Trepte.

Konzentrationsstörungen und Wutanfälle: Reizüberflutung entsteht bei Kindern schneller

Dieser Zustand kann weitreichende gesundheitliche Folgen für Betroffene haben. In einer Studie des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim aus dem Jahr 2017 haben Forscherinnen und Forscher die negativen Auswirkungen eines Sensory Overloads ermittelt. Darunter werden Konzentrationsstörungen, erhöhter Blutdruck, psychische Erschöpfung bis hin zu Störungen des Zeit-Raum-Empfindens und Halluzinationen als mögliche Folgen genannt. Bei Kindern macht sich eine Reizüberflutung durch Symptome wie Kopfschmerzen, Übellaunigkeit oder gar Wutanfälle bemerkbar.

Grundsätzlich kommt es bei Kindern und Jugendlichen in der Pubertät auch schneller zu einem Sensory Overload als bei Erwachsenen, wie Trepte erklärt: „Kinder können noch nicht selektiv verarbeiten. Wenn sie zum Beispiel auf die Straße gehen und Geräusche hören, müssen sie diese Reize erst einordnen und verarbeiten – das geschieht bei Erwachsenen dagegen in Millisekunden“, sagt die Expertin. Bei Pubertierenden sei das Problem, dass sie sich in einer Phase der intensiven hormonellen Verarbeitung befänden und insgesamt viel weniger rational und gleichzeitig viel mehr emotional verarbeiteten. Auch für sie sei daher eine Reizüberflutung schneller erreicht.

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Expertin: Sensory Overload durch exzessiven Medienkonsum möglich

Trägt dabei auch die teils starke Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen zur Entstehung einer Reizüberflutung bei? Trepte betont, dass es noch keine Studien gibt, die einen Sensory Overload in der Medienpsychologie untersucht haben. „Sensory Overload ist ein sehr seltener Extremzustand. In der Forschung zu Medien sprechen wir deshalb von Cognitive Overload, also der Überforderung bei der kognitiven Verarbeitung von Reizen und weniger von Reizüberflutung“, sagt Trepte.

Dennoch könne sie sich vorstellen, dass eine sehr kleine Gruppe an Kindern besonders gefährdet ist, durch übermäßigen Medienkonsum einen Sensory Overload zu erleiden. Das dürften ihr zufolge aber maximal 3 bis 5 Prozent sein, bei denen beispielsweise auch eine erhöhte Mediensuchtgefahr vorliegen könnte.

Auf das Nutzungsverhalten kommt es an

Wenn man zum Beispiel gleichzeitig ein Computerspiel spielt, auf sozialen Netzwerken unterwegs ist und Musik hört, kann das zu einer Reizüberflutung führen.

Sabine Trepte,

Medienpsychologin

Trebte betont dabei, dass etwa Tiktok, die Streaming-Plattform Twitch oder auch Videospiele individuell betrachtet keine erhöhte Gefahr darstellen. „Die Entstehung eines Sensory Overloads ist weniger auf einzelne Angebote als auf Nutzungsmuster zurückzuführen. Das heißt beispielsweise, dass nicht Social Media sondern dessen Nutzung dysfunktional sein kann“, sagt Trepte.

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Es komme dabei auch auf die Summe an gleichzeitig genutzten Plattformen an: „Wenn man zum Beispiel gleichzeitig ein Computerspiel spielt, auf sozialen Netzwerken unterwegs ist und Musik hört, kann das zu einer Reizüberflutung führen. Aber auch nur dann, wenn dieses Multitasking exzessiv betrieben wird, nicht altersgemäß ist und auf eine Person trifft, die vulnerabel ist“, betont die Expertin.

Viele Reize können auch als angenehm empfunden werden

Von einer erhöhten Gefahr einer Reizüberflutung im Zuge der gestiegenen Mediennutzung in der Corona-Krise geht Trepte grundsätzlich nicht aus. Ausschlaggebender für die Entstehung eines Sensory Overloads ist die Art und Weise, wie Kinder auf Medienreize reagieren. Denn was für einige eine Belastung darstellt, kann für andere harmlos sein – oder sogar wünschenswert: „Es gibt Menschen, die sogenannte ‚Sensation Seeker‘ sind: Sie suchen nach vielen, starken und wechselnden Reizen, weil sie sie brauchen und sie für sie angenehm sind“, sagt die Medienpsychologin. Ebenso wie eine sensorische Überforderung gebe es außerdem auch eine sensorische Unterforderung, die genauso unangenehm für manche Menschen sein könne.

Tipps für Eltern: Kinder bei Medienkonsum durch Mediation und Kontrolle unterstützen

Obwohl es sich bei einer Reizüberflutung um einen sehr seltenen und extremen Zustand handelt, sollten Eltern auf Warnsignale bei ihren Kindern achten. „Wenn Kinder zum Beispiel Erschöpfungssymptome und eine unangemessene Aktivität und Aufregung aufweisen, könnte das auf eine Reizüberflutung hinweisen“, betont Trepte. Dann gilt es, die Mediennutzung der Kinder einzuschränken, sofern diese ursächlich für den Sensory Overload ist.

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Aber auch besorgte Eltern, deren Kinder noch nicht solche Symptome aufweisen, sollten ihre Mädchen und Jungs beim Medienkonsum durch Mediation und Kontrolle unterstützen. „Mediation bedeutet, dass sich Eltern die Medienangebote regelmäßig anschauen, die ihre Kinder nutzen. Und bei Gelegenheit können sie mit ihren Kindern über die Inhalte reden,“ sagte Trepte. Meistens entdeckten Eltern dann auch spannende Informationen und Inhalte für sich selbst. Neben der Mediation sei auch die Kontrolle wichtig, also etwa die Festlegung einer Bildschirmzeit, so die Medienpsychologin.

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