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Soziologe Rosa zu Corona-Hassreden im Netz: „Unsere grundsätzliche Verstörung nimmt politische Dimensionen an“

  • Die Morddrohungen im Netz gegen den SPD-Politiker Karl Lauterbach haben für Empörung gesorgt, nachdem Lauterbach einige dieser Posts veröffentlicht hat.
  • Der Soziologe Prof. Hartmut Rosa aus Jena erläutert im RND-Interview, wie es zu solchen Hassexzessen von Bürgern kommen kann.
  • Er sagt: "Corona fungiert höchstens als Verstärker."
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Professor Hartmut Rosa (55) ist Direktor des Max-Weber-Kollegs in Erfurt und lehrt an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena allgemeine und theoretische Soziologie. Er beschäftigt sich unter anderem mit normativen und empirischen Grundlagen der Gesellschaftskritik. Im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) äußert sich Rosa unter anderem zu den Ursachen von Hate Speech in Zeiten von Social Media – und über Corona-Besonderheiten wie die Attacken auf den SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach. Lauterbach hatte zum RND gesagt: „Ich habe seit den Beschlüssen zur Verlängerung des Lockdowns und zur Festlegung des 35er-Inzidenz-Grenzwertes für Lockerungen spürbar mehr Mails und Briefe mit Beleidigungen und sogar Morddrohungen bekommen.“

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Herr Rosa, sind die Hassattacken auf einzelne Politiker, wie sie seit geraumer Zeit Karl Lauterbach erfahren muss, ein Phänomen, das durch Corona verstärkt wurde?

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Corona kann derlei Dinge verstärken, weil Menschen mit ihrem eingeschränkten Begegnungsradius im Moment nicht in der Lage sind, für ihre punktuelle Wut eine Ablenkung im Alltag zu finden – weswegen sie auf emotionalen Gleisen festgefahren sind. Grundsätzlich sind radikale Empörungswellen ja nichts Neues, dass man in einer Aufwallung emotional reagiert. Aber dieses schnelle Aufwallen von heftigen Empörungen und Reaktionen, das wird natürlich durch die sozialen Medien verstärkt. Dieses Resonanzphänomen der schnellen und heftigen Reaktion, das sich in schnell aufbrandenden Wellen starker Emotionen und Hassgefühlen äußert – ich nenne das leere Resonanzwellen –, kann sich natürlich in einem Shitstorm im Netz flutartig verstärken und auch schnell wieder verschwinden. Beim Opfer allerdings hinterlässt es schnell bleibende Schäden.

Also meinen Sie, dass Corona den Effekt hat, dass Menschen allein zu Hause sitzen und langsam durchdrehen?

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Ich würde sagen, dass Abmilderungsfaktoren verschwinden. Wenn ich mich im Radio über irgendwas wahnsinnig aufrege und den Impuls beim Hören habe, den will ich umbringen, dann gibt es im Alltag meist etwas, was dieses Gefühl schnell abebben lässt: Jemand nimmt mir die Vorfahrt oder ein Fremder fragt nach dem Weg – dann komme ich erst mal raus aus der heftigen emotionalen Welle. Die Soziologie nennt das Kontingenzunterbrechung. Diese Dämpferfaktoren des Alltags, die fallen jetzt weg.

Professor Hartmut Rosa (55) ist Direktor des Max-Weber-Kollegs in Erfurt und lehrt an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena allgemeine und theoretische Soziologie. © Quelle: Universität Jena
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Die Menschen sind in ihrem Bewegungs- und Begegnungsradius stark eingeschränkt. Führt das, in Kombination mit den politischen Entscheidungen, die für diesen Zustand sorgen, zu einem zusätzlichen Furor bei den Leuten?

Absolut. Ich glaube nicht, dass es eine starke Korrelation gibt zwischen der Qualität politischer Entscheidungen und der Möglichkeit, damit Empörung und Hasswellen auszulösen. Wir haben einfach viel weniger Dinge, die uns stimulieren können. Auf meinen Fußballverein kann ich mich nicht freuen, weil das Spiel nicht stattfindet, auch nicht auf das Konzert, das ausfällt, oder den Geburtstag von meinem Schwager – das, was ich Weltbeziehung nenne, also die Beziehung des Einzelnen zur Welt, ist momentan komplett heruntergefahren. Durch dieses Nadelöhr nehme ich dann wahr, dass es ja nicht das Virus ist, das mich daran hindert, Geburtstag zu feiern, sondern die Politik. Und die Frage, ob diese Entscheidungen nun berechtigt sind oder nicht, spielt in meinem Erleben nur eine untergeordnete Rolle. Im Kern sind das zwei Faktoren: Die Weltbeziehung ist ganz stark zu einer politischen geworden – viel mehr als vor der Pandemie. Und es ist natürlich auch Folge der politischen Entscheidungen, dass mein Horizont derzeit so eingeschränkt ist – ich bezeichne das als Welt-Reichweitenverkürzung.

Es gab aber auch lange vor Corona hochpolitische Auseinandersetzungen um die mangelnde Sensibilität von Facebook und Co. gegenüber Hate Speech und Antisemitismus …

Das würde ich auch sagen. Die Phänomene Hate Speech und Shitstorm sind nicht während Corona entstanden.

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Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach steht ja in der Öffentlichkeit und in seiner durchaus selbstironischen Eigenwahrnehmung häufig als Spielverderber da. Immer wenn irgendein Lichtlein am Horizont auftaucht, kommt er mit neuen Bedenken daher. Führt das zur Projektion der Leute – das ist der, der mich einsperrt, das ist der „Böse“, der nicht will, dass ich zu meiner Freundin kann oder Ski laufen? Ist das noch persönlicher Reflex oder schon Verschwörungstheorie?

Die Sache ist komplex. Verschwörungstheorien waren ja nun wirklich schon vor Corona ein Problem. Ich glaube eher nicht, dass die Anhängerschaft von derlei Irrglauben so viel stärker geworden ist. Das sieht man unter anderem ja auch daran, dass die Zustimmung zur Regierungspolitik in Corona-Zeiten Rekordwerte erreicht hat und auch jetzt noch ziemlich hoch ist – sogar weltweit. Aber bei einer Sache, die so lange so massive Einschränkungen mit sich bringt, ist es natürlich nicht sonderlich überraschend, dass Leute irgendwann anfangen, sich alternative Weltdeutungen zurechtzulegen – ohne, dass ich das gutheißen würde, natürlich.

Zurück zur Causa Lauterbach …

Wenn Sie jetzt den Fall Lauterbach nehmen, kann man feststellen, dass das Virus eine ontologische (grundlegende, Red.) Verunsicherung streut. Ich kann grundsätzlich keinem Fremden mehr trauen. Jeder Fremde könnte mich tendenziell umbringen, überspitzt formuliert, indem er mich ansteckt. Es ist ja wirklich die Überzeugung, dass da etwas in der Luft liegt, was krank macht. Ich kann dieses Ding weder sehen noch hören oder fühlen – also habe ich auch Angst vor mir selbst, Angst davor, mich anzustecken. Wenn ich nicht mal mir und meinem eigenen Atem trauen kann, wieso soll ich dem Lauterbach trauen? Er überbringt ja gleich zwei „böse“ Botschaften: dass die Pandemie gefährlich sei und dass wir uns weiter einschränken müssen. Die grundlegende Verstörung, die unsere Weltbeziehung erfährt, nimmt dann schnell eine politische Dimension an. Was hochinteressant ist bei Corona: Zum ersten Mal stiftet eine Pandemie gesellschaftsweit und weltweit eine gemeinsame Aufmerksamkeit und gemeinsame Emotion …

Das war aber bei der Pest in Europa im 14. Jahrhundert nicht anders – und hat als mörderisches Resultat die Juden als Sündenböcke hervorgebracht. Wesentlich vernunftbegabter sind die Netzreaktionen auf Herrn Lauterbach und andere auch nicht …

Bei solchen Phänomenen ist die Vermutung, dass wir wesentliche Fortschritte gemacht hätten, meistens zu optimistisch, das sehe ich auch so. Es gab immer Sündenböcke und die Projektion „einer muss es ja gewesen sein“. Dass Menschen schlecht mit Kontingenz (Ungewissheit des Daseins, Red.) umgehen können, ist unbestritten. Und wenn man nicht die amerikanische Grundhaltung des „Shit happens“ beherrscht, dann führt das schnell zur Entstehung von Sündenböcken und Verschwörungsideologien. Wenn jemand früher am Stammtisch etwas Menschenverachtendes wie „Hängt Lauterbach auf“ gesagt hätte, dann wäre das verpufft. Aber das Internet schafft eine gewaltige Resonanzwelle – der digitale Stammtisch hat im Zweifel Millionen Follower und Kopisten.

Wie ließe sich denn die coronawunde Gesellschaft heilen?

Das ist eine schwierige Frage. Denn es sind ja nicht nur die Gewalttätigen und die Verschwörungsideologen, die sagen, „wenn ich den Trump sehe, könnte ich ihn umbringen“ oder „wenn ich Putin sehe, könnte ich dem den Hals umdrehen“. Derlei Reaktionen beobachte ich auch an mir selbst – jüngst ballte ich die Faust angesichts von Mitch McConnell, der erst gegen das Impeachment von Trump stimmte, um dann zu sagen, dass er Trump für den Sturm aufs Kapitol verantwortlich mache. Sicher trägt Corona eine ganze Menge zu diesen Wutexplosionen bei. Die Agenda ist eigentlich voll, da ist kein Platz mehr für Dinge, die nerven – und dauernd kommt derzeit etwas Neues daher, was nervt … Wie man das lösen kann? Meine These ist: Wir brauchen Begegnungsräume, die nicht die Form haben A trifft B und sagt ihm mal die Meinung, sondern A und B verständigen sich im Widerstreit so über die Welt, dass sie die Welt dadurch transformieren. Aber an den Empörungszuständen in unserer Gesellschaft ist nicht nur Corona schuld – Corona fungiert höchstens als Verstärker.

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