Schnell kaputt: Mindesthaltbarkeit für Elektronikprodukte?

  • Gibt ein Gerät kurz nach Ablauf der Garantie den Geist auf, dann glauben viele an Absicht.
  • Erschwerend hinzu kommt, dass sich kaum ein Gerät selbst reparieren lässt.
  • Aber ob geplant oder nicht – gegen den Boom der Wegwerfprodukte regt sich Widerstand.
Jan Bojaryn
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So können sich die Zeiten ändern. Als die “New York Times” 2007 das erste iPhone besprach, rief das Design des Smartphones Begeisterung hervor. Unerhört fand die Zeitung aber ein Detail: Die Batterieklappe fehlte. Der Akku war nicht mehr einfach zu wechseln. Ein “extremer Akt der Kundenunfreundlichkeit” sei das, so die Tester. Apples Rechnung war zwar kundenunfreundlich, aber sie ist aufgegangen. Heute meckern immer noch viele Kunden über nachlassende Akkuleistungen. Trotzdem ist die Botschaft angekommen: Lässt die Batterie ihres Handys nach, kaufen sie ein neues.

Kaum ein Smartphone kann man selbst reparieren

Wer heute Handys sucht, die sich ohne Krampf reparieren und warten lassen, der landet in einer Nische. Die Geräte heißen “Fairphone” oder “Shiftphone”, sie tragen die Nachhaltigkeit und das Umdenken bereits im Namen.

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Wer bei dem nordhessischen Unternehmen Shift nachfragt, warum Akkus bei der Konkurrenz fest verbaut werden, der erntet eine Art wortreiches Achselzucken. Das sei “vermutlich primär optisch” motiviert, vermutet Manuel Suhre aus der Kommunikationsabteilung des Unternehmens. Die im Gerät verteilten Akkus erlaubten schmalere Bauweisen und eine bessere Versiegelung gegen Wasser und Schmutz. Aber groß sind die Effekte wohl nicht: Shift-Shones sind auch nicht dicker als viele Konkurrenzgeräte. Spritzwassergeschützt sind sie auch. Und bei ihnen lässt sich sogar ein defektes Display einfach austauschen. Das ist wichtig, denn kein Bauteil eines Handys geht öfter kaputt.

Schnell kaputt: Absicht oder nicht?

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Mehr oder weniger Schrott sind heutzutage aber viele Geräte bereits dann, wenn nur ein einziges Teil nicht mehr funktioniert. Kabellose Kopfhörer, Laptops, Mp3-Player, elektrische Zahnbürsten und Rasierer bleiben den Kunden verschlossen. Sie werden verklebt, Schrauben werden versteckt oder besitzen exotische Profile. Gefühlt geben die Geräte immer dann den Geist auf, wenn die Garantie gerade abgelaufen ist.

Da liegt es nahe, böse Absicht zu wittern: Ist das frühzeitige Ableben geplant? Experten wie Anwalt Peter Lassek von der Verbraucherzentrale Hessen mahnen jedoch zur Vorsicht. Dass “der Hersteller Sollbruchstellen gezielt und geplant einbaut” sei “oft nicht wirklich nachvollziehbar”. Auch das Umweltbundesamt (UBA) ist im Jahr 2016 in einer Studie zu dem Ergebnis gekommen, die geplante Obsoleszenz, also Alterung bis zur Unbrauchbarkeit, könne “nicht nachgewiesen werden”.

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Aber ob Absicht oder nicht: Wenn Produkte schneller kaputtgehen, weggeschmissen und ersetzt werden, entstehen für die Kunden und auch die Umwelt Kosten. Dazu reicht es aus, wenn Firmen kein besonderes Gewicht auf die Langlebigkeit ihrer Produkte legen. Lassek schlägt vor, den Begriff der geplanten Obsoleszenz anders zu benutzen. Er will ihn schon dann anwenden, wenn es beim Design an der “erforderlichen Sorgfalt” gefehlt habe – wenn also “fahrlässig gehandelt” wurde. Auch das Umweltbundesamt gab 2016 keine Entwarnung, sondern kritisierte den Status Quo vielmehr deutlich: Die “kurze Lebensdauer” vieler Geräte sei “aus ökologischer Sicht nicht akzeptabel”, stellte UBA-Präsidentin Maria Krautzberger klar. Sie schlug “eine Art Mindesthaltbarkeit für Elektro- und Elektronikgeräte” vor.

EU verfolgt Aktionsplan

Seit März hat die EU einen “Aktionsplan für Kreislaufwirtschaft”. Chloé Mikolajczak von der “Right-to-Repair”-Kampagne befürchtet allerdings, dass Technologieunternehmen und ihre Lobbyisten im Windschatten der Corona-Krise versuchen würden, die Pläne aufzuweichen. “Wir müssen sichergehen, dass den Versprechen auch Taten folgen”, sagt sie. Gerade in der aktuellen Krise zeige sich doch, wie wichtig ein Recht auf Reparatur sei. Sie sieht allerdings “Hürden”, die es “niederzureißen” gelte. Ob professionelle Techniker oder Bastler – alle bräuchten den Zugang zu “Reparaturanleitungen, Diagnosetools und Ersatzteilen”. Mikolajczak beklagt, dass unabhängige Techniker von Firmen wie Apple unter dem Vorwand des Kopierschutzes verklagt würden. Und, dass Google Anzeigen unabhängiger Reparaturwerkstätten blockiere.

Eine Reparatur ist möglich

Tatsächlich versuchen derzeit mehr Menschen als sonst etwas zu reparieren. Dorothea Kessler von der Plattform iFixit hat beobachtet, dass die weltweiten Zugriffe im März von 12 auf 13 Millionen gesprungen seien. Vor allem “Anleitungen für Smartphones, Laptops und Konsolen” seien gefragt, aber auch “für kaputte Fernbedienungen und defektes Spielzeug”. iFixit ist eine Onlinecommunity für Reparierer, über einen Onlineshop werden Ersatzteile und Werkzeug verschickt.

Wer nicht selber basteln mag, kann sein kaputtes Handy generell auch im Elektromarkt abgeben, kann unabhängige Werkstätten suchen oder sich über örtliche Reparaturcafés informieren.

Peter Lassek rät, gleich bei der Anschaffung auf “Lebensdauer, Reparierbarkeit und die Möglichkeit der kostengünstigen Ersatzteilbeschaffung” zu achten. Wer das beim Kauf zur Priorität erhebt, der steht freilich vor einer drastisch geschrumpften Auswahl. Nachhaltigkeit ist ganz offenkundig bei der Herstellung und dem Design vieler Elektro- und Elektronikgeräte kein wichtiges Kriterium – zumindest noch nicht.

RND

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