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Reparatur in Eigenregie: Eine Kampfansage an kurzlebige Elektrogeräte

  • Viele kennen das: Oft gehen Elektrogeräte kaputt, wenn die Garantie gerade ausgelaufen ist.
  • Die Reparatur ist meist teuer oder lohnt sich nicht. Warum also nicht selbst reparieren?
  • Unser Autor hat es probiert. Sein Fazit: Möglich ist es – aber alles andere als einfach.
Jan Bojaryn
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Wir umgeben uns mit Elektronikgeräten, die sich innerhalb weniger Jahre in Elektroschrott verwandeln. Gewährleistet werden in aller Regel zwei Jahre – viele Menschen wollen Handy und Laptop aber länger benutzen. Vielleicht wollen sie eine Kleinigkeit reparieren oder eine Batterie wechseln. Doch das wird immer schwieriger. Geräte werden häufig verklebt statt verschraubt, Schrauben werden versteckt oder mit exotischen Profilen versehen.

Menschen, die trotzdem nicht alles wegwerfen wollen, landen schnell bei der Frage, wie sie etwas in Eigenregie reparieren können. Immerhin ist Selbermachen populär, nicht nur in Deutschland. Auch das Hilfsnetzwerk ist dichter denn je. Wer nicht gleich in ein Reparaturcafé spazieren will, der findet online Ratgeberforen, spezielles Werkzeug und ausführliche Anleitungen – dank Youtube sind sie anschaulicher als jeder noch so lange Erklärtext. Aber kommt damit wirklich jeder klar? Wir haben es ausprobiert und einen technikaffinen, aber völlig ungeschickten Autor mit drei Reparaturaufgaben betraut.

Versuch 1: Nintendo Switch Joy-Con

Die Spielkonsole Nintendo Switch ist ein Dauerbrenner. Zwei kleine Gamepads stecken an der Seite des Geräts, sie werden Joy-Con genannt. Und hier erleben Nutzer häufiger ein Problem: Nach einigen Monaten im Einsatz beginnt der Joystick zu spinnen. Er registriert Bewegungen, wo keine sind. Der sogenannte Joy-Con-Drift ist je nach Controller und Spiel ein kleines Ärgernis oder gar eine Katastrophe. Das Problem ist ein Garantiefall. Allerdings erschien die Switch 2017 – viele Joy-Cons werden also nicht mehr gratis repariert.

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Nach einigen Monaten im Einsatz beginnt der Joystick der Nintendo Switch Joy-Con zu spinnen. Reparatursets finden sich im Internet. © Quelle: Jan Bojaryn

Reparatursets gibt es im Internet viele. Sie sind erheblich günstiger als neue Joy-Cons. Im Video sieht der Wechsel einfach aus: Vier dünne Schrauben lösen, das Gehäuse aufsperren, mit der Pinzette ein paar Kabel abziehen, Joystick tauschen, fertig. Die Praxis ist härter. Denn die winzigen Schraubköpfe mit dreiarmigem Kreuzmuster sind zu weich, sie halten wenig aus. Obwohl der gelieferte Schraubenzieher passt, ist es schwierig, die Schraube mit präzisem Druck herauszudrehen. Dreimal klappt es. Bei der vierten aber zerdrückt der harte Schraubenzieher das weiche Profil. Nach ein paar Versuchen und einem leisen Wutanfall ist hier nichts mehr zu machen. Das Gehäuse bleibt für immer zu. Ganz einfach klappt es allerdings, mit Wattestäbchen und einem Tropfen Reinigungsalkohol die freigelegte Basis des Joysticks abzuwischen. Das hilft nicht immer, aber oft.

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Gerade das Gehäuse zu öffnen, erweist sich aber als sehr schwierig – in einigen Fällen als unmöglich. © Quelle: Jan Bojaryn

Versuch 2: Lenovo IdeaPad

Schlanke, flache Laptops sind seit Jahren allgegenwärtig. Die wenigsten von ihnen haben noch eine Wechselklappe für Batterie und Laufwerk. Unser Autor versucht sich an einem Lenovo IdeaPad U310, das vor allem von seiner alten, schlappen Festplatte ausgebremst wird. Mit einem flotten SSD-Laufwerk ginge hier wieder was. Das Gehäuse des IdeaPads zu öffnen, sieht online trügerisch einfach aus: Gummifüße abziehen, darunter liegende Schrauben lösen, Gehäuse aufklappen, drinnen den Wechselrahmen des Laufwerks abschrauben, das Laufwerk abziehen, das Laufwerk aus dem Rahmen schrauben, fertig.

Die Gummifüße des Lenovo IdeaPad lassen sich mit sanfter Gewalt aufhebeln. © Quelle: Jan Bojaryn

Der Anfang macht große Hoffnung: Die Gummifüße lassen sich mit sanfter Gewalt und einem Plastikschaber loshebeln, dann kommen ganz normale Kreuzschlitzschrauben zum Vorschein. Sie sind schnell gelöst. Dann hakt es: Warum lässt sich das Gehäuse trotzdem nicht öffnen? Im ersten Video sah das ganz einfach aus. Ein zweites Video zeigt den Vorgang genauer: Behutsam müssen Nutzer die Plastikabdeckung mit alten Kreditkarten oder einem Gitarrenplektrum aufstemmen. Im Demovideo dauert das wenige Minuten, in der Realität eine gute halbe Stunde. Das Öffnen fühlt sich gewaltsam an, so als würde das Plastik nicht nur knacken, sondern jeden Augenblick auch brechen. Doch nichts bricht, alles hält. Und dann ist der Rechner offen, der Wechsel der Platte und das Schließen fast idiotensicher.

Wenn das Gehäuse des Lenovo IdeaPad einmal geöffnet ist, ist das Wechseln der Festplatte einfach. © Quelle: Jan Bojaryn
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Versuch 3: Google Pixel 3a

Eigentlich ist es ein langlebiges Smartphone – das Pixel 3a von Google erschien letztes Jahr als Neuheit mit beachtlichen drei Jahren Softwareunterstützung. Was kann da schiefgehen? Es kann herunterfallen. Und dann splittert das Display enttäuschend schnell. Kein Wunder, dass Handy-Hersteller in aller Regel kneifen und Displaybrüche nicht als Garantiefall anerkennen. Die Reparatur des Handys würde den halben Kaufpreis verschlingen. Eine ganze Ecke billiger wird es, wenn Kunden nur das Display bestellen und selber ersetzen.

Ein Smartphone-Display auszutauschen, erweist sich als sehr schwer – das ist auch beim Google Pixel 3a der Fall. Viele Fragen lassen sich ohne Erfahrung nicht beantworten. © Quelle: Jan Bojaryn

Leider liegt das Zeitalter verschraubter Handys weit zurück. Wer mit dem Segen des Herstellers ein Handy reparieren will, der muss wohl besondere Geräte von Fairphone oder Shiftphone kaufen. Denn Geräte wie das Pixel 3a werden verklebt. Für die Reparatur heißt das: Mit Gitarrenpick und Plastikspachteln sowie einem Fön auf kleiner Stufe das ausgeschaltete Gerät aufwärmen, dann den Bildschirm abstemmen, vorsichtig das richtige Kabel lösen, das neue Display selber wieder drankleben und während der gesamten Zeit nicht atmen.

Die Aufgabe entpuppt sich schnell als die schwerste von unseren drei Selbstversuchen. Viele Fragen lassen sich nur mit Erfahrung beantworten: Wie heiß darf das Handygehäuse werden? Welchen Zug verträgt das schon gesplitterte Displayglas? Spätestens das Wiederverschließen des Handys ist dann zu viel. Die mitgelieferten Klebestreifen im Reparaturset kleben nicht. In Onlineforen kursieren dazu widersprüchliche Tipps, sogar Sekundenkleber wird vorgeschlagen. Die Rettung bringt schließlich ein alter Bastler im Bekanntenkreis, der das Handy mit sparsam eingesetztem Flüssigkleber wieder verschließt. Danach funktioniert es – aber nicht gut. Staub rieselt in die Kamera, und das Display vibriert, wenn der Lautsprecher tönt.

Fazit: Reparatur auf eigene Gefahr

Selbstreparatur ist möglich – einfach ist sie nicht. Auf keinen Fall geht es ohne eine gute Anleitung und das richtige Werkzeug. Auch dann sind Geschick, Geduld und Fingerspitzengefühl nötig. Wer das nicht mitbringt, der sollte unbedingt Hilfe holen. Oder mit Geräten üben, die im Zweifelsfall auch kaputtgehen dürfen.

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