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Wie Inklusionsaktivist Raul Krauthausen auf Tiktok über das Leben mit Behinderung aufklärt

  • Der Inklusionsaktivist Raul Krauthausen beantwortet auf Tiktok Fragen rund um das Thema Behinderung.
  • Auf der Plattform sieht er die Chance, vor allem junge Menschen zu erreichen. Denn sie sind beim Thema Behinderung oft sehr unbedarft, wie er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland sagt.
  • Er beobachtet jedoch mit Sorge, wie der Algorithmus der Video-App teilweise die Inhalte von Menschen mit Behinderungen zu Unrecht zensiert.
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„Youtube auf Speed“ oder „Instagram in Bewegtbild“: So bezeichnete Raul Krauthausen die Video-App Tiktok, als er sie vor gut einem Jahr erstmals benutzte. Der 40-Jährige ist ein bekannter Aktivist für Inklusion und Menschen mit Behinderung und erhielt 2013 für sein soziales Engagement mit dem von ihm gegründeten Verein „Sozialhelden“ das Bundesverdienstkreuz am Bande. Auf Tiktok hat Krauthausen eine Mission: „Ich diskutiere und spreche mit jungen Menschen über digitale Inklusion und Behinderungen – aber nicht auf eine belehrende Art. Ich versuche, mit ihnen auf Augenhöhe zu sprechen und ihre Sprache zu verstehen“, sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). In einem Jahr hat er bereits 150.000 Follower auf der Social-Media-Plattform erreicht.

„Würdest du dir wünschen, laufen zu können?“: Krauthausen beantwortet Fragen auf Tiktok

Krauthausen leidet an der sogenannten Glasknochenkrankheit (Osteogenesis imperfecta), ist kleinwüchsig und auf einen Rollstuhl angewiesen. In seinen Videos geht er auf die Fragen der Nutzerinnen und Nutzer rund um die Themen Behinderung und Inklusion ein. „Wenn morgen eine Fee vorbeikommen und dir einen Wunsch erfüllen würde, würdest du dir dann wünschen, laufen zu können?“ und „Was hat sich in den vergangenen Jahren für Menschen mit Behinderung verbessert und verschlechtert?“ sind einige Fragen, die er in kurzen Videos beantwortet. „Viele junge Menschen sind zunächst sehr unbedarft beim Thema Behinderung und entschuldigen sich daher mehrmals, wenn sie eine Frage dazu stellen. Aber gerade durch ihre Fragen nähern wir uns an“, sagt er.

Der Austausch mit Jugendlichen ist Krauthausen wichtig. Vor Kurzem startete er den Podcast „Die Jugend von heute“, in dem er mit jungen Menschen über die Phänomene redet, die sie begeistern. Bevor er Tiktok nutzte, hatte er ähnliche Vorbehalte wie andere Erwachsene gegen die Video-App – doch dabei wollte er es nicht belassen. Zunächst schaute er vier Wochen lang Videos auf der Plattform, um sich ein Bild davon zu machen. Die Erfahrungen, die er dabei sammelte, widerlegten seine Annahme, dass Tiktok nur für Tanzeinlagen und Trends geeignet ist. Er sah das Potenzial, mit jungen Menschen in Kontakt zu treten und ihnen mit lehrreichen Inhalten zu helfen. „Wir müssen nicht mit Botschaften sparen: Menschen mit Behinderung waren in den vergangenen Jahren viel zu oft viel zu leise. Soziale Netzwerke bieten eine großartige Möglichkeit, um endlich den Dampf abzulassen, den behinderte Menschen seit Jahrzehnten in sich aufgestaut haben“, betont er.

Tiktok für Menschen mit Behinderung geeignet

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Laut Krauthausen ist Tiktok auch gut für viele Menschen mit geistigen und kognitiven Behinderungen geeignet. Denn anders als etwa Twitter und Instagram ist die Video-App weniger textlastig und daher auch besser bedienbar für sie. So begegnet ihm auf der Plattform eine große Vielfalt an Menschen. „Ich erlebe es beispielsweise sehr selten, von Menschen mit Downsyndrom Content zu sehen, ohne dass ihnen wer sagt, was sie machen sollen. Es ist toll, ihre Kreativität zu sehen“, freut sich Krauthausen.

Der Aktivist räumt jedoch ein, dass die Inhalte, die ihm angezeigt werden, auch stark auf den Algorithmus der Video-App zurückzuführen sind. Deswegen sei es für ihn schwierig, den Fortschritt beim Thema Inklusion auf der Plattform objektiv zu bewerten. Der Algorithmus bestimmt, welche Videos den Nutzerinnen und Nutzern in dem sogenannten „Für-Dich-Feed“ angezeigt werden. Durch diesen Feed werden auch Inhalte von Tiktokerinnen und Tiktokern bei Nutzerinnen und Nutzern eingespielt, die sie noch nicht kennen – unabhängig davon, ob sie den Profilen folgen oder nicht. Das unterscheidet den Feed von dem anderer Plattformen wie Instagram. So soll man auch mehr mit Diversity-Themen in Kontakt kommen, ohne aktiv danach zu suchen.

Krauthausen: „Teilweise werden behinderte Menschen durch Algorithmen diskriminiert“

Doch der Algorithmus hat seine Schwachstellen, die auch für Menschen mit Behinderung zum Nachteil werden können. „Bei Tiktok und anderen Plattformen beobachte ich mit Sorge, dass mit zweierlei Maß gemessen wird, wenn es zum Beispiel um Nacktheit und Körper geht. Teilweise werden behinderte Menschen durch Algorithmen und Content-Moderation diskriminiert“, sagt Krauthausen. So komme es beispielsweise vor, dass Frauen mit Behinderungen in ihren Videos im Bikini am Pool liegen und dann von der Plattform zensiert werden. Denn die künstliche Intelligenz, die die Inhalte filtert, reagiert zum Schutz der minderjährigen Nutzerinnen und Nutzern sehr streng auf nackte Haut. Jedoch werden teilweise ganze Accounts von Menschen mit Behinderung von der Plattform genommen – auch dann, wenn sie nicht mehr und nicht weniger nackte Haut zeigen als andere, die keine Behinderung haben.

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Werden Videos durch den Algorithmus zu unrecht von Tiktok gesperrt, werden sie jedoch wieder online gestellt, wie Tiktok-Sprecherin Lisa Girard gegenüber dem RND sagt. Der Moderationsprozess von Inhalten erfolge grundsätzlich in drei Stufen: „Im ersten Schritt filtern unserer Technologien Inhalte. Im zweiten Schritt kontrolliert unser Moderationsteam die Inhalte und schreitet bei Bedarf ein. Im letzten Schritt kann unsere Community Inhalte melden“, erklärt sie.

Reichweite von Diversity-Themen durch Trendhashtags und beliebte Sounds erhöhen

Der Algorithmus ist auch ein Grund, warum Tiktok-Userinnen und -User nicht immer mit Themen wie Inklusion und Behinderung in Berührung kommen. Denn auf dem „Für-Dich-Feed“ landen Inhalte, die zu ihren Vorlieben passen – also zu Videos, die sie mit einem Like versehen haben oder zu dessen Hashtags sie bereits mehrere Videos geschaut haben. Um digitale Inklusion weiter zu fördern, müssen also die „Creators“ aktiv werden, also diejenigen, die Inhalte zu diesen Themen produzieren. „Tiktok ist eine trendgetriebene Plattform – daher können Diversity- und Inklusions-Creators aktuelle Hashtags aus dem ‚Entdecken‘-Reiter nutzen, um noch mehr Nutzerinnen und Nutzer zu erreichen“, sagt Girard.

Ein Beispiel ist der Hashtag #dubistnichtallein, in dem es um Einsamkeit geht. Über solche Hashtags können in den Videos auch artverwandte Themen wie Diversity und Inklusion angesprochen werden. Girard betont zudem, dass in den Videos beliebte Sounds und Musik hinterlegt werden können, die sich ebenfalls positiv auf die Reichweite auswirken. Auch Krauthausen greift solche Trends auf – wählt sie aber mit Bedacht. „Ich eifere nicht gezielt Trends hinterher, sondern schaue für mich und meine Videos, ob der Trend für eines meiner Themen geeignet ist“, sagt er.

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