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Ostern in Corona-Zeiten: Wie Kirchen die Gottesdienste nach Hause bringen

  • Die Corona-Krise fordert die beiden großen Kirchen gerade zu Ostern heraus.
  • Ostergottesdienste werden live im Internet gestreamt – doch nicht alle Pastoren und Pfarrer sind glücklich darüber.
  • Viele Gemeinden suchen nach Alternativen zum Gottesdienst, andere besinnen sich aufs Wesentliche: das Leben zu feiern.
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Hannover. Der frontale Blick auf den Pfarrer am Altar ist vertraut, aber irgendwie unscharf, das Vaterunser, das er gerade spricht, ist im Grunde bekannt, nur sehr schlecht zu verstehen, und ständig ploppen rechts am Bildschirm Kommentare auf wie: “Der Ton ist viel zu leise” oder “Hallo, ich nehme am Gebet teil”. Es sind außergewöhnliche Zeiten, die außergewöhnliche Maßnahmen verlangen, das haben auch die beiden großen Kirchen in Deutschland verstanden und bemühen sich in der Corona-Krise einmal mehr, zu den Menschen zu kommen – solange die Menschen nicht in die Kirchen kommen können.

Gottesdienste im Streaming-Format: Andachten sind ins Internet verlegt worden

Zurzeit werden etliche Gottesdienste live bei Facebook gestreamt, aufgezeichnete Andachten auf Youtube gestellt oder Gebete auf Influencerblogs ausgetauscht. Der rituelle Alltag Millionen Gläubiger ist durch die Pandemie zwangsweise ins Internet verlegt worden. Das ist für eine Religion, die auf Nächstenliebe, Begegnung und Gemeinschaft beruht, eine Katastrophe. Noch dazu in der Zeit zu Ostern, dem wichtigsten Fest der Christen. “Eine Pandemie kennt keine Feiertage”, hat die Bundeskanzlerin und Pfarrerstochter Angela Merkel in ihrer knappen Art gesagt.

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“Ostern findet statt”: Corona kann Fest nicht verschieben

Zunächst einmal: Es wird laufen. “Ostern findet statt”, sagten der Vorsitzende der Katholischen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm. Alle Kirchen beider Konfessionen sollen am Ostersonntag um 12 Uhr die Glocken läuten lassen, das immerhin geht noch. “So wird am höchsten Fest der Christen ein Klangteppich über unserem Land liegen, der ausdrückt: Niemand ist allein”, sagen die beiden Kirchenvertreter.

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Schließlich lässt sich Ostern nicht verschieben. Auch wenn die Feierlichkeiten im Frühjahr nicht immer auf das gleiche Datum fallen, folgt die Kirche da einer jahrtausendealten Tradition: Schon seit dem Konzil von Nicäa im Jahr 325 wird das älteste Fest der Christenheit stets am Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond gefeiert. Daran ändert auch Corona nichts. Dass die Menschen nicht zum Gottesdienst, nicht in die Ostermesse gehen können, dass es keine Prozessionen geben kann, keine Fußwaschungen, keinen Friedensgruß – das ist allerdings historisch. Das hat es selbst während der beiden Weltkriege nicht gegeben.

Die Kirchen bereiten sich mitten in der Corona-Krise auf das erste Ostern ohne gemeinsame Gottesdienste vor. Überall werden die Feiertage komplett anders verlaufen als gewohnt. © Quelle: Sebastian Gollnow/dpa

Kirche muss wegen Corona Taufen, Trauungen und Trauerfeiern absagen

Immerhin hatten die meisten Gemeinden ein paar Wochen Zeit, sich etwas zu überlegen. Es ist Sonntag, der 15. März, als Pfarrer Benedikt Ogrodowczyk ein Stück Gewissheit in den Händen hält: “Im Zuge der Corona-Krise sagt das Bistum Essen ab Montag, 16. März, alle öffentlichen Gottesdienste ab”, heißt es in dem Rundschreiben. “Diese Regelung für die 42 Pfarreien und alle katholischen Einrichtungen im Ruhrbistum gilt auf unbestimmte Zeit.”

Ganz pragmatisch sagt Ogrodowczyk gleich die Abendmesse ab und verbreitet die Info über die Website der Pfarrei, über Facebook und Aushänge an der Kirche. In den Tagen darauf folgen alle möglichen Absagen: Taufen, Trauungen, Erstkommunion, Firmungen. Beerdigungen sind erlaubt, mit wenigen Angehörigen und nur unter freiem Himmel. Ein Neunjähriger im Ruhrgebiet sei an Krebs gestorben, heißt es vom Bistum Essen, seine Mitschüler hatten eine Messe mit Abschiedsbriefen vorbereitet. Dann kam Corona, die Trauerfeier fand nie statt.

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“Es ist alles sehr traurig”, sagt Benedikt Ogrodowczyk. “Aber in unserer Pfarrei haben wir eigentlich alle Vorgaben ohne Probleme umsetzen können. Die Menschen haben sehr viel Verständnis.“ Er ist Pfarrer in Essen-Borbeck, einem Bezirk im Norden der Ruhrgebietsmetropole mit durchschnittlicher Sozialstruktur und 85.000 Einwohnern. 18.000 von ihnen sind Katholiken, und über 60 Jahre alt sind die meisten, die für gewöhnlich zu Ogrodowczyk in die St. Dionysius Kirche kommen, weniger junge Menschen oder Familien. An den Ostertagen aber wäre die Kirche vermutlich voll, so wie in den vergangenen Jahren und wie überall sonst. In diesem Jahr ist alles anders. Oder?

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“Gottesdienst in Tüten”: Kirchen werden für das Osterfest kreativ

“Wir werden dieses Ostern zusammen feiern”, sagt Ogrodowczyk, “nur anders.” Die Kirche wird wie gewohnt mit Blumen geschmückt, Osterkerzen liegen zum Mitnehmen aus, so hat es die Pfarrei auch schon mit den gesegneten Palmzweigen an Palmsonntag gemacht oder mit einem “Gottesdienst in Tüten”, der in der anfänglichen Corona-Zeit auslag: eine selbst gebastelte Tüte mit Gebeten, Fürbitten, einem Teelicht und einer kreuzförmigen Büroklammer. Vieles bleibt möglich. “Die Kirchen wurden auch nicht grundsätzlich geschlossen”, sagt Ogrodowczyk, “in unserer Pfarrei haben wir die Öffnungszeiten sogar erweitert.” Für das persönliche Gebet stehe die Tür tagsüber jedem offen, “und selbst wenn mal zwei, drei Menschen gleichzeitig kommen, ist im Kirchenschiff mehr Platz, Abstand zu halten, als im Supermarkt.”

Ein persönliches Gebet ersetzt keinen Gottesdienst, schon gar nicht an Ostern. Die Liturgie – also alle kirchlichen Handlungen – in der Osterzeit sind tief symbolisch und von Riten geprägt. Das beginnt bei der gemeinsamen Prozession an Palmsonntag, geht über die Fußwaschung am Gründonnerstag und die Kreuzverehrung am Karfreitag bis hin zum Entzünden der Lichter in der Osternacht. Geweihte Palmzweige konnten sich die Menschen in Essen-Borbeck zwar abholen, die übliche riesige Prozession auf eine nahegelegene Halde aber fiel aus.

Auch die rituelle Fußwaschung bei zwölf Männern durch Papst Franziskus fand nicht statt. Der Platz vor dem Petersdom in Rom, auf dem sich im vergangenen Jahr sogar bei strömendem Regen Zehntausende versammelten, bleibt in diesem Jahr leer.

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Pfarrer und Pastor nicht von Internetgottesdienst überzeugt

Am Osterwochenende will Pfarrer Ogrodowczyk dennoch bei seinen Gläubigen sein – virtuell. Ein Video mit Ostergrüßen wird zu sehen sein, inklusive Passionsgeschichte, von seinem Pastoralteam in Rollen vorgetragen. Vorschläge für Hausgottesdienste werden die Familien bis dahin erreicht haben. Einen Gottesdienst im Internet, den sich anschließend jeder ansehen kann, wann er will, plant der 40-Jährige nicht. “Ein Gottesdienst lebt von der Liveerfahrung”, sagt Ogrodowczyk, “dass alle zeitgleich zusammen sind.” Er setze eher auf die geistliche Gemeinschaft, die durch das Glockenläuten zusammengerufen wird.

Auch der evangelische Pastor Tobias Ziemann in Potsdam mag Internetgottesdienste eigentlich nicht. Nicht jede Gemeinde müsse ihre Predigten streamen, findet der 35-Jährige, das führe nur zu einem Überangebot. Fernsehpredigten gebe es schließlich schon genug. Dennoch hat Ziemann jetzt einen Youtube-Kanal eingerichtet und wird die Gottesdienste am Karfreitag und Ostersonntag filmen und übertragen. Bisher hat er die Predigten auf kopierten Zetteln vor die geschlossene Tür der Erlösergemeinde gelegt, die Texte auf der Website des Kirchenkreises veröffentlicht und auch eine Audioversion – mit Glockengeläut und Orgel – ins Netz gestellt. Das alles macht mehr Arbeit als sonst, sagt er und schaut mit milder Skepsis auf all die Instagram-Bibellesungen und Glaubens-Hashtags, die das Fehlen des tatsächlichen Zusammenseins auffangen sollen. “Oft ist die Form wichtiger als der Inhalt”, sagt Ziemann kritisch. Bei seinem Amtsantritt vor rund zwei Jahren wurde er noch als “Twitter-Pastor” eingeführt, weil er sich in den sozialen Netzwerken auskennt.

Diese Krise reduziert aufs Wesentliche. Doch Ostern soll mehr geschehen. Musik soll es geben und auch einen Chor “mit großem Abstand zwischen den Sängern”, darauf legt Ziemann Wert, nicht zuletzt aus sozialen Gründen. Auch Kirchenmusiker haben zurzeit Einnahmeausfälle, da will er sie zumindest zu Ostern beschäftigen können


Corona-Zeit ist Stresszeit für evangelischen Pastor Ziemann

Ziemann kommt in Jeans, schwarzer Daunenjacke und buntem Schal über den Kopfsteinpflasterplatz vor seiner Kirche geeilt. Noch kann sich der Frühling kalt anfühlen in Brandenburg. Die Erlöserkirche ist eine von drei Kirchen, die Ziemann betreut. Sie liegt mitten in einem Gründerzeitkiez, bewohnt von vielen Familien mit kleinen Kindern, von denen nicht wenige neu zugezogen sind, und vielen alt eingesessenen Senioren. Außer den Lieferlastern der Paketdienste rumpelt in diesen Tagen kaum noch ein Auto durch die Wohnstraßen. Der Spielplatz am kleinen Platz ist mit Flatterband abgesperrt, niemand übt am Basketballkorb, kein Sprayer probiert sich mehr an der Wand dahinter aus. Der Kiez wirkt leer, obwohl alle zu Hause sind, die Berlin-Pendler genauso wie die Schulkinder, die Senioren sowieso.

Die Corona-Zeit ist Stresszeit für den Pastor – doch er ist zunächst mehr als Manager und Vater zweier kleiner Kinder gefragt denn als Seelsorger. Zwei Kindergärten gehören zur Gemeinde, beide nehmen an der Notbetreuung teil, aber Essenslieferanten und Reinigungskräfte arbeiten nicht. Von seinen Kindern ist nur eines in der Notbetreuung, das andere zu Hause. In den vergangenen Wochen musste Ziemann organisieren, absagen, umplanen: Für die Konfirmanden gibt es jetzt zwei Whatsapp-Gruppen, die Konfirmation selbst ist vorsorglich auf den Herbst verschoben. Die Eltern zeigten Verständnis, sagt Ziemann, so konnten sie rechtzeitig die Feiern absagen.

Pastor Ziemann ist trotz Corona für alle da

Geplante Hochzeiten sagt Ziemann auch schon für Mitte Mai ab. Selbst wenn die Einschränkungen dann aufgehoben sein sollten, wäre es unverantwortlich, Gäste aus ganz Deutschland und halb Europa zum Umarmen und Tanzen zusammenkommen zu lassen, sagt er. Er hat vor der Kirche und im Netz seine Handynummer veröffentlicht, jeder, der ihn braucht, kann den Pastor anrufen. Die Gemeindemitglieder machen nur wenig Gebrauch davon, sie nehmen Rücksicht auf den Pastor, “der ja jetzt so viel zu tun hat”. Das stimme zwar, sagt Ziemann, aber zu viel Rücksicht will er dann auch nicht. Es soll ja keiner alleine bleiben.

In seinem Fürbittengebet schließt er alle mit ein, “die draußen sind”, in dieser Zeit, in der alle drinnen sein müssen. Er betet für die Obdachlosen, für die Flüchtlinge, die Ängstlichen. Aber er betet auch für die Gastronomen, denen die Krise an die Existenz geht, für die Arbeiter in der Logistik und im Supermarkt, für Mediziner und Krankenschwestern. Kirche sei zu alltäglich in diesen Tagen, sagen ihre Kritiker. Aber wenn der Alltag zum Ausnahmezustand wird, wenn alles warten muss, muss sie es dann nicht auch sein?

Was nicht warten kann, sind die Beerdigungen. Zehn Trauernde sind zugelassen, kein einziger mehr. Wie ist das nachzuholen, mit allen, die nicht mit Abschied nehmen dürfen? Ziemann will den Verstorbenen dieser Wochen einen besonderen Platz einräumen, am Totensonntag im November. Aber ein Moment des Abschieds ist unwiederbringlich verloren.

Panik und Aktionismus vermeiden und Sinn im Corona-Alltag erkennen

Ziemann ist ein vorsichtiger Gemeindemanager. Er versucht Panik und Aktionismus zu vermeiden. Er versucht, Sinn in dem radikal veränderten Alltag zu erkennen: “Vielleicht müssen wir lernen, die Situation einfach mal auszuhalten, dass wir nicht das tun können, was wir wollen. Wir können nur schweigen, beten, helfen”, sagt er. Und weil es noch Fastenzeit ist, setzt er hinzu: “Wir fasten gerade Gemeinschaft und Zusammensein.” Aber was, wenn diese Fastenzeit nicht nur bis zum Ostersamstag anhält, sondern weit darüber hinaus? “Es ist wirklich ein großer Jammer, dass wir Karfreitag und Ostersonntag nicht wie gewohnt feiern können”, sagt Ziemann. Er hofft auf Pfingsten, Ende Mai, das könnte klappen. “Darauf setze ich schon sehr. Ich würde mich freuen, ein Pfingstfest zu erleben, das den Geist der Kraft Gottes noch stärker hervortreten lässt, weil alle Lust haben, wieder nach draußen zu gehen.”

Und zugleich warnt er, dass nach dem noch so fernen Ende des Ausnahmezustands wieder alle Vollgas geben wollen, obwohl sie in diesen Wochen von der Substanz zehren müssen. Doch Ziemann ist nicht nur ein vorsichtiger Pastor, sondern auch ein hoffnungsvoller: “Wir werden ganz viel zu schätzen wissen, wenn das alles vorbei ist. Wenn wir unser altes Leben wiederhaben.” Nur eben noch nicht zu Ostern.



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