• Startseite
  • Digital
  • Onlyfans: Doch kein Pornoverbot – wie wichtig ist die Plattform für Sexarbeit?

Doch kein Pornoverbot: Wie wichtig ist Onlyfans für Sexarbeit?

  • Die Plattform Onlyfans hatte angekündigt, Pornos zu verbannen, ruderte dann aber zurück.
  • Was steckt hinter der Diskussion?
  • Unser Autor hat mit Menschen aus der Branche über die Plattform, Stigmata und Macht­verhältnisse gesprochen.
Yannick von Eisenhart Rothe
|
Anzeige
Anzeige

Kitti und Uri sind ein Paar, beide Anfang dreißig. Sie arbeiten in Berlin als Köchin und Koch. Doch das ist nicht ihre einzige Einnahmequelle. Wenn die beiden Sex haben, filmen sie sich dabei häufig und stellen die Videos auf verschiedene Online­portale. Sie bezeichnen das zwar als ihr Hobby und ihre Leidenschaft, zeitaufwendig ist es aber auch. Und lukrativ: In manchen Monaten verdienen sie damit mehrere Tausend Euro. „Wir machen das vor allem, weil es für unser Sexleben interessant ist“, sagt Uri. Das Geld sei ein angenehmer Nebeneffekt.

Eine der Plattformen, die die beiden nutzen, ist Onlyfans. Das ist ein soziales Netzwerk, in dem man Bilder und Videos hochladen kann, die nur Abonnentinnen und Abonnenten des jeweiligen Accounts sehen können. Den monatlichen Preis für ein Abo legen die Inhaberinnen und Inhaber der Accounts selbst fest, der Mindestpreis beträgt 4,99 Euro. Zusätzlich kann man auch Bilder und Videos gegen eine zusätzliche Gebühr anbieten. 20 Prozent des Geldes gehen an Onlyfans, den Rest dürfen die Userinnen und User behalten.

Um die Plattform gab es in den vergangenen Wochen viel Aufregung: Für viele überraschend kündigte Onlyfans an, pornografische Inhalte zu verbannen. Wenige Tage später und nach großen Protesten wurde die Entscheidung erst einmal wieder zurück­genommen. Das wirft Fragen auf: Warum ist Onlyfans so wichtig für Sexarbei­terinnen und Sexarbeiter? Wie kam die Plattform auf die Idee, sich selbst das größte Standbein abzusägen? Und geht nach der Rücknahme der Entscheidung jetzt alles weiter wie bisher?

Anzeige

Das „Instagram für Pornos“

Auf Onlyfans gibt es nicht nur sexuelle Inhalte, aber viel davon. Manche bezeichnen es als das „Instagram für Pornos“. Seit Beginn der Corona-Pandemie ist Onlyfans stark gewachsen und hat mittlerweile nach eigenen Angaben 130 Millionen Abonnenten und Abonnentinnen und zwei Millionen aktiv postende User und Userinnen. Das Wachstum lag auch daran, dass andere Formen der Sexarbeit oder professionelle, große Pornodrehs durch Kontakt­beschränkungen erschwert oder ganz unmöglich wurden. Und weil viele Menschen mehr Zeit hatten, so wie Uri und Kitti. „Als die Restaurants schließen mussten, wurden unsere Videos zu unserer Haupt­beschäftigung und zu unserem kreativen Output“, sagt Kitti. Auch Teile der finanziellen Einbußen konnten sie so auffangen.

„Für uns ist Onlyfans ein sehr freier, sehr spontaner Kanal“, sagt Uri. „Wir posten einfach das, worauf wir gerade Lust haben, ohne viel Schnitt und Bearbeitung.“ Videos für Pornhub beispielswiese seien aufwendiger. Außerdem sei Onlyfans ein sehr persönlicher Kanal, auf dem viel Austausch mit den Abonnentinnen und Abonnenten stattfinde. Davon haben Kitti und Uri auf ihrem Account derzeit etwa 180.

Anzeige
„Die Porno­industrie hat einen schlechten Ruf – und teilweise auch zu Recht“, sagt Uri. Deswegen seien Plattformen wichtig, bei denen die Macht bei Darstellerinnen und Darstellern liege. © Quelle: privat

Die beiden sehen aber noch mehr in Onlyfans. Die Plattform sei ein wichtiger Baustein in der Emanzipation von Menschen, die mit Pornografie Geld verdienen möchten. „Die Porno­industrie hat einen schlechten Ruf – und teilweise auch zu Recht“, sagt Uri. Es gebe viele Berichte von ehemaligen Stars der Branche, die traumatisiert seien, weil sie von großen Firmen ausgebeutet und schlecht behandelt worden seien. „Deshalb ist das Gute an Plattformen wie Onlyfans, dass sie die Macht in die Hände derjenigen legen, die den Content produzieren“, sagt Uri. „Alle können es nutzen, wie sie wollen.“

Anzeige

Änderung der Nutzungs­bedingungen „ausgesetzt“

Kurz sah es so aus, als sei es bald mit dieser Freiheit vorbei. Mitte August hatte Onlyfans angekündigt, die Nutzungs­richtlinien zu ändern. Ab Oktober sollten explizite Inhalte verboten werden. Nacktbilder sollten erlaubt bleiben, Darstellungen von Sex oder Masturbation aber nicht mehr zulässig sein. Das hätte das Geschäfts­modell vieler Sexarbei­terinnen und ‑arbeiter zerstört, für die die Plattform eine Haupteinnahme­quelle ist. Entsprechend groß war die Aufregung in der Szene. Einige Tage später ruderte Onlyfans dann zurück. Via Twitter erklärte das Unternehmen, dass die Änderung der Nutzungs­bedingungen „ausgesetzt“ sei.

Aber wie kam Onlyfans überhaupt auf die Idee, die Inhalte zu verbieten, die es groß gemacht haben? In einem Interview mit der „Financial Times“ sagte Gründer und CEO Tim Stokely: „Wir hatten keine Wahl – die kurze Antwort lautet Banken.“ Die würden aus Angst um Image­schäden immer höhere Hürden aufbauen und teilweise bereits Transaktionen von Onlyfans ablehnen. Als das Unternehmen die Entscheidung kurze Zeit später zurücknahm, hieß es in einem an aktive Nutzerinnen und Nutzer verschickten Statement, dass die Änderung der Nutzungs­richtlinien nicht mehr nötig sei. Die Bankpartner hätten versichert, dass Onlyfans „alle Genres von Creators“ unterstützen könne.

Religiöse Organisationen bauen Druck auf

Als Onlyfans das Porno­verbot verkündete, war Paulita Pappel nicht überrascht. Pappel könnte man als Porno-Allrounderin bezeichnen. Sie ist Darstellerin, Regisseurin, Produzentin, Unternehmerin und Organisatorin des Pornfilm­festivals Berlin. „Besonders in den USA gibt es seit Jahrzehnten mächtige, religiös fundamenta­listische Organisationen, die gegen alles kämpfen, was sie als obszön wahrnehmen, wie zum Beispiel Pornografie“, sagt Pappel. Als Beispiel nennt sie das konservative National Center on Sexual Exploitation (NCOSE), das früher „Morality in Media“ hieß. Als Onlyfans die Porno­verbannung ankündigte, schrieb das NCOSE in einem Statement: „Onlyfans wird dank der Arbeit des NCOSE mit Finanz­dienstleistern zur Veränderung gezwungen.“

Anzeige
„Es ist wahnsinnig schwer, gute Plattformen aufzubauen, auf denen Sexarbeitende wertgeschätzt werden“, sagt Paulita Pappel. © Quelle: Lustery

Trotz des Zurück­ruderns von Onlyfans sieht Pappel in dem Vorgang das Symptom eines größeren Problems: „Wir sind in einer Situation, in der riesige private Banken entscheiden können, was okay ist und was nicht“, sagt sie. Darunter würde die Pornografie schon lange leiden. „Es ist wahnsinnig schwer, gute Plattformen aufzubauen, auf denen Sexarbeitende wertgeschätzt werden.“ Investorinnen und Investoren würden vor sexuellen Inhalten zurück­schrecken.

„Onlyfans hat Sexarbeit nie promotet“

Zu diesen „guten Plattformen“ zählt Pappel Onlyfans jedoch nicht. „Eigentlich wollten die nie etwas mit Sexarbeit zu tun haben.“ Aus Mangel an anderen Plattformen seien Darstellerinnen und Darsteller zu Onlyfans gegangen. „Sexarbeit hat die Plattform groß gemacht. Trotzdem haben sie diese innerhalb der Plattform und auch nach außen nie promotet.“ Der einzige Vorteil dort sei, dass mit 80 Prozent ein vergleichsweise hoher Anteil der Abo­zahlungen an die Kreativen gehe. Das sei für auch der Hauptgrund dafür, dass Onlyfans sich gegenüber ähnlichen Plattformen, die es durchaus bereits gibt, durchgesetzt habe und so groß geworden sei.

Was genau zwischen Onlyfans und seinen Finanz­dienstleistern vereinbart wurde, ist unklar. Trotz ihrer Kritik an der Plattform freut sich Pappel darüber, dass Pornos zunächst nicht verbannt werden. „Das zeigt, dass es vielleicht doch etwas bringt, wenn man sich wehrt.“ Das schnelle Zurück­rudern sei „ein kleiner Sieg für die Freiheit“. Wie viele andere aus der Branche ist sie aber skeptisch, wie lange dieser „Sieg“ bestehen bleibt. Sie hofft, dass Sexarbei­terinnen und ‑arbeiter Onlyfans den Rücken kehren und dass sich neue Seiten etablieren. „Ich wünsche mir Plattformen von und für Sexarbei­terinnen und ‑arbeiter“, sagt sie.

Kitti und Uri bleiben – vorerst

Auch Kitti und Uri machen sich Gedanken um Onlyfans’ Umgang mit Sexarbeit und die Abhängigkeit von Finanz­dienstleistern. „Die Leute, die Pornos verbieten wollen, werden nicht aufhören zu kämpfen“, sagt Kitti. Wenn solche Debatten aufkämen, fühle man sich als Sexarbeiter verfolgt und unterdrückt, sagt Uri. Für ihn ist das häufig auch heuchlerisch: Er ist sich sicher, dass viele, die Pornografie öffentlich verteufeln, sie privat konsumieren.

Solange es noch geht, wollen Kitti und Uri weiter bei Onlyfans posten. Das können sie sich auch leisten, weil sie finanziell nicht von der Plattform abhängig sind, sagen sie. Sie könnten aber alle verstehen, die gehen. „Wenn wir unseren Fokus noch mehr auf unsere Videos legen würden, müssten wir uns auch Alternativen überlegen“, sagt Uri.

In Zukunft könnten sich mehr Alternativen zu Onlyfans etablieren. Als Reaktion auf die angekündigten Nutzungs­änderungen löschte beispielsweise der US-Rapper Tyga seinen Account dort und kündigte an, selbst eine ähnliche Plattform namens Myystar zu gründen, auf der Nutzerinnen und Nutzer 90 Prozent der Einnahmen behalten dürfen sollen. Auch Twitter könnte Onlyfans bald Konkurrenz machen. Das Unternehmen führt ein kostenpflichtiges Abo­modell ein, die sogenannten „Super Follows“. Auf Twitter sind pornografische Inhalte bisher erlaubt, sofern sie als sensibel gekennzeichnet sind.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen