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  • Online-Lieferdienste im Ranking: Studie zu Arbeitsbedingungen und Bezahlung - welche Plattform ist der beste Arbeitgeber?

Studie zu Jobbedingungen: So fair sind deutsche Onlineplattformen

  • Lieferungen, Mobilität, Betreuung: In der Corona-Krise erbringen Onlineplattformen essenzielle Dienstleistungen.
  • Im Rahmen einer Studie haben die TU Berlin und die Universität Oxford die Arbeitsbedingungen unterschiedlicher Plattformen beleuchtet und ein Ranking erstellt.
  • Auch die aktuelle Situation rund um die Coronavirus-Maßnahmen wurde untersucht.
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In Deutschland florieren Online-Plattformen nicht erst seit der Corona-Krise. Mittlerweile beschäftigt die Branche Schätzungen zufolge bis zu 1,6 Millionen Arbeitnehmer. Die Mehrheit von ihnen ist dabei im Bereich der Dienstleistungen, Logistik und Mobilität tätig. Erstmals haben Forscher der TU Berlin und der Universität Oxford im Rahmen einer Pilotstudie des Fairwork Projektes nun die Arbeitsstandards verschiedener deutscher Plattformanbieter untersucht und anhand von Faktoren wie Bezahlung, Arbeitsbedingungen und Management-Prozessen bewertet.

“Der Bereich E-Commerce hat in den vergangenen Wochen an Fahrt aufgenommen”, sagt Dr. Maren Borkert, Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Entrepreneurship und Innovationsmanagement der Technischen Universität Berlin, gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). “Ein Großteil der Deutschen hat bei Online-Lieferdiensten bestellt. Insofern stellt sich auch die Frage nach den Arbeitsbedingungen der Beschäftigten.”

Vor allem die Flexibilität der Branche sowie der einfache Berufseinstieg locken zahlreiche Arbeitnehmer, heißt es in der Studie. Häufig seien für die Einstellung keine besonderen Qualifikationen erforderlich: “Plattformarbeit bietet somit einen schnellen Weg zum Einkommenserwerb und dient denjenigen, die nur schwer Zugang zu einem Normalarbeitsverhältnis finden, häufig als Rettungsanker.” Dies mache die Plattformarbeit vor allem für Migranten attraktiv.

Onlineplattformen: Recht bietet Raum für Schlupflöcher

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Daraus ergeben sich der Studie zufolge auch Herausforderungen. Mangelnde Sprachkenntnisse etwa können dazu führen, dass Arbeitnehmer die Geschäftsbedingungen einer Plattform nicht in Gänze verstehen. Auch könne es Beeinträchtigungen bei der Kommunikation geben, etwa wenn Missstände oder Schwierigkeiten bei der Arbeit thematisiert werden. Zudem sei nicht jeder Arbeitnehmer über seine geltenden Rechte im Bilde. Die Studie empfiehlt daher verständlich formulierte Regelungen und Geschäftsbedingungen, die auch in andere Sprachen übersetzt werden. Darüber hinaus sei ein starker Kanal der Arbeitnehmervertretung essentiell, um die Stellung der Beschäftigten gegenüber dem Management zu stärken und so der Ausbeutung vorzubeugen.

Als problematisch wird in der Studie auch die rechtliche Situation genannt, die Schlupflöcher für Unternehmen erlaubt. Viele digitale Plattformen würden ihre Mitarbeiter demnach nicht als angestellte Arbeitnehmer betrachten. Sobald etwa ein Beschäftigter per Vertrag als Selbstständiger definiert wird, sagen sich Arbeitgeber von ihren Verpflichtungen los und missachten die Rechte der Arbeitnehmer. Dann entfallen wichtige Schutzmechanismen wie Lohnfortzahlung bei Krankheitsfall und weitere soziale Absicherungen.

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Ein ähnliches Bild zeichnet eine Studie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung. “So basieren die Geschäftsmodelle zur Vermittlung von Dienstleistungen in der Regel auf der Beschäftigung von Soloselbständigen, die auf eigene Rechnung, mit schlechter Entlohnung und ohne soziale Absicherung die Arbeit verrichten”, heißt es darin.

Mindestlohn für Plattformbeschäftigte?

Die teils prekären Rahmenbedingungen, unter denen Plattformbeschäftigte in Deutschland tätig sind, zeigen, dass auch seitens der Politik Handlungsbedarf besteht. Seit 2018 widmet sich das Bundesministerium für Arbeit und Soziales im Rahmen der “Denkfabrik Digitale Arbeitsgesellschaft” der Situation deutscher Plattformen. Übergreifende Regulierungen, die Missstände wie Scheinselbstständigkeit und fehlende Arbeitnehmervertretungen eindämmen, stehen allerdings noch aus.

Allerdings sehe man in Deutschland, auch im internationalen Vergleich, wie sich die strengen arbeitsrechtlichen Bedingungen auf die Plattformbranche übertragen – etwa durch die Zahlung des Mindestlohnes, der in der Mehrzahl* der untersuchten Unternehmen gewährleistet ist, betont Dr. Maren Borkert.

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Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, dass der Mindestlohn in allen untersuchten Unternehmen gewährleistet ist.

Ranking: Welcher Lieferdienst ist der beste Arbeitgeber?

Im Rahmen der Studie des Fairwork Projektes wurden zehn deutsche Plattformanbieter individuell betrachtet und anhand der erhobenen Daten ein Ranking erstellt. Die Mobility-Anbieter Uber, Clevershuttle und Berlkönig, die Dienstleistungsunternehmen Careship, Betreut.de, In Staff, Zenjob und Helpling sowie die Lieferdienste Amazon Flex und Lieferando sind Teil der Auswertung. Das Ranking ergibt sich aus den Bewertungspunkten faire Bezahlung, faire Arbeitsbedingungen, faire Verträge, faire Management-Prozesse und faire Mitbestimmung.

Den Spitzenplatz belegt das Unternehmen Clevershuttle mit neun von zehn Bewertungspunkten. Die Plattform bietet seit 2014 in sechs deutschen Städten Ridesharing-Dienste an. Als besonders positiv stellen die Autoren der Studie heraus, dass das Unternehmen als einzige der untersuchten Plattformen, proaktive Maßnahmen betreibe, um die Sicherheit und Gesundheit seiner Beschäftigten zu gewährleisten. Darüber hinaus gebe es ein Verfahren, über das sich Arbeitnehmer kollektiv Gehör verschaffen können. Am Standort Standort Berlin werde aktuell zudem ein Betriebsrat gegründet.

Der Ridesharing Anbieter Uber belegte in dem Ranking mit einem Punkt den letzten Platz. Unter anderem bemängelte die Studie, dass den Fahrer der Mindestlohn nicht gezahlt werde. Ein Sprecher des Unternehmens widersprach der Darstellung gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. In Deutschland kooperiere Uber mit Mietwagenfirmen, die ihren Beschäftigten den Mindestlohn oder mehr bezahlten. Man könne als Vermittler aber keine genaue Angabe zur Höhe des Lohns machen. Dies sei in der Studie abgestraft worden.

Plattform Bewertungspunkt von 10
Clevershuttle 9
Zenjob 8
In Staff 7
Berlkönig 6
Lieferando 5
Amazon Flex 4
Betreut.de 4
Careship 4
Helpling 2
Uber 1
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Corona-Krise: Homeoffice ist keine Option für Plattformarbeiter

Einen gesonderten Blick warfen die Autoren der Studie auch auf die aktuelle Situation der Plattformarbeiter in Bezug auf Covid-19. In Zeiten von häuslicher Quarantäne und sozialer Distanzierung sind die Dienste von Onlineanbietern besonders gefragt. Beschäftigte der Branche haben wegen finanzieller Unsicherheiten nicht die Möglichkeit, auf die Arbeit zu verzichten, auch Homeoffice ist für die Arbeitnehmer keine Option.

Viele Mitarbeiter, etwa von Liefer- und Fahrdiensten, befinden sich nach wie vor im Kontakt mit Kunden sind während der Corona-Krise besonders stark gesundheitlichen Risiken ausgesetzt. Vor diesem Hintergrund haben laut Studie einige Plattformen damit begonnen, den Arbeitsschutz in ihren Unternehmen zu verbessern. Dazu gehöre etwa die “kontaktlose Zustellung” oder Trennwände zwischen Fahrgästen und Fahrern.

Studie bemängelt Informationspolitik der Unternehmen

“Dennoch sind viele der von den Plattformen getroffenen Maßnahmen oberflächlich und unzureichend; weiterhin sind viele Arbeiter*innen dem Risiko ausgesetzt, sich bei der Arbeit mit dem Virus zu infizieren”, heißt es. “Von Plattform zu Plattform bestehen in Hinblick auf die gesundheitlichen Sicherheitsvorkehrungen gravierende Unterschiede”, sagt Maren Borkert.

Zudem bemängelt die Studie die Informationspolitik der Unternehmen. Häufig würden zuerst Kunden über neue Sicherheitsbestimmungen informiert. Mitarbeiter erhielten Informationen über die Schutzmaßnahmen teilweise erst aus den Medien. Darüber hinaus wären Plattformarbeiter von den Auswirkungen einer aufkommenden Wirtschaftskrise besonders betroffen, da sie in instabilen Beschäftigungsverhältnissen arbeiten und kaum über Erspartes verfügen.

Für die Studie wurden Beobachtungen und Daten aus den Unternehmen zwischen März 2019 und März 2020 herangezogen. Im Fokus standen dabei zehn deutsche Plattform-Anbieter, die anhand eines Scoring Systems bewertet wurden. Initiator der Studie ist das Projekt Fairwork, das es sich zum Ziel gesetzt hat, Praktiken und Arbeitsbedingungen digitaler Plattformen zu untersuchen. Das Fairness-Ranking soll künftig auf jährlicher Basis vorgenommen werden.

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