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Hilfe per Whatsapp: Wie drei 18-Jährige in der Corona-Krise eine Chatberatung gestartet haben

  • In der Corona-Krise leiden auch Kinder und Jugendliche unter den Beschränkungen und der Isolation.
  • Drei 18-Jährige aus Berlin haben ein digitales Beratungsprogramm entwickelt, das Abhilfe schafft.
  • Im Interview spricht Mitgründer Julius de Gruyter über die Motivation hinter dem Projekt.
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In vielen Bundesländern beginnt dieser Tage der Schulstart nach den Sommerferien. Doch von Normalität kann kaum die Rede sein. Nach Wochen der Unsicherheit, leiden viele Kinder und Jugendliche weiterhin unter Einsamkeit, Ängsten und anderen seelische Belastungen. Wie eine Studie der Hamburger Uniklinik Eppendorf ergab, hat sich das psychische Wohlbefinden bei den Befragten im Alter zwischen elf und 17 Jahren während der Pandemie verringert und das Risiko für psychische Auffälligkeiten erhöht. Mehr als 70 Prozent fühlen sich durch die Krise seelisch belastet.

Wenn die Treffen mit Freunden oder Hobbys ausfallen, bleiben viele Kinder und Jugendliche mit ihren Problemen allein. Um ihnen auch für schwierige Zeiten einen Redepartner zur Seite zu stellen, haben die drei Berliner Kai Lanz, Julius de Gruyter und Jan Wilhelm eine Krisenberatung speziell für Jüngere entwickelt. Mittlerweile steht ein 100-köpfiges Team aus Psychologen, Seelsorgern und Therapeuten per Whatsapp als Berater zur Verfügung. Alle arbeiten ehrenamtlich und ermöglichen den Jugendlichen somit eine kostenlose Hilfestelle. Im Interview spricht Mitgründer Julius de Gruyter über die Hintergründe des Krisenchats.

Wie funktioniert der Krisenchat?

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Krisenchat ist die erste psychosoziale 24/7-Chatberatung für Kinder und Jugendliche in Deutschland. Rund um die Uhr können uns alle Kinder und Jugendlichen schreiben bei allen Krisen, egal ob bei Liebeskummer, Suizidgedanken, Depressionen oder anderen Themen. Auf der anderen Seite sind rund 100 Fachkräfte, die rund um die Uhr antworten. Wenn man sich melden will, geht man auf Krisenchat.de. Dort kann man auf “Nachrichten schreiben” klicken und sich aussuchen, ob man uns per Whatsapp oder per SMS kontaktieren möchte. Anschließend schreibt man seine Nachricht. Die Umgebung sieht aus wie der herkömmliche Whatsapp-Chat, nur dass man den Datenschutzbedingungen zustimmen muss. Anschließend meldet sich ein Krisenberater zurück. Man schreibt dabei immer der gleichen Nummer. Wir haben ein internes System, bei dem die Fälle anonymisiert reinkommen – ohne Handynummer und ohne Profilbild. Die Krisenberater arbeiten dann im Schichtbetrieb und wechseln sich mit den Antworten ab.

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Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Beratungsangebot für Kinder und Jugendliche zu gründen?

Wir haben letztes Jahr Abitur gemacht und haben währenddessen Exclamo gegründet. Das ist eine App für Schulen gegen Mobbing, wo man direkt an Ansprechpartner wie Lehrer Hinweise auf Mobbing melden und so eine Lösung finden kann. Als wir es ausrollen wollten, hat es wegen Corona nicht so einen großen Anklang gefunden, weil die Schulen gerade geschlossen wurden. Dann haben wir uns gefragt, was wir mit unseren Erfahrungen, die wir bei Exclamo gesammelt haben über Gruppendynamik und über die Probleme von Schülern, jetzt für einen Beitrag leisten können. Anschließend haben wir uns entschieden, das gemeinnützige Projekt zu gründen. Das kam aus der Motivation heraus, dass wir uns sowieso schon mit den Themen beschäftigt haben und wir gesehen haben, was für psychische Kollateralschäden der Corona-Lockdown verursacht hat, die erst nach und nach ans Licht kommen.

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Das Angebot richtet sich explizit an Kinder und Jugendliche. Gibt es eine Altersgrenze?

Wir sind ein Angebot für Kinder und junge Menschen bis 25. Wir weisen aber grundsätzlich keinen ab, der sich bei uns meldet, und verweisen sonst auf Angebote, die passender sind. Aber im Moment sind wir nur für Menschen unter 25 verfügbar – das kann sich in Zukunft aber auch noch ändern.

Wie haben Sie Ihr Netzwerk an Krisenberatern aufgebaut?

Es gibt zwar Alternativangebote wie die Telefonseelsorge, aber eben noch kein richtiges Rund-um-die-Uhr-Angebot per Chat. Wir haben zunächst Therapeuten, Psychologen, Studierende und Seelsorger angeschrieben und haben darüber versucht, ein paar Leute direkt zu rekrutieren. Dann haben wir unsere Idee in Whatsapp-Gruppen geteilt, bei Facebook, im Fernsehen und im Radio, und darüber sind wir an weitere Krisenberater gekommen.

Warum haben Sie sich für Whatsapp als Kommunikationsmittel entschieden?

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Whatsapp ist einfach das Angebot, das Kinder und Jugendliche am meisten nutzen. Die meisten haben es schon auf ihrem Handy installiert. 96 Prozent der Jugendlichen in Deutschland nutzen Whatsapp täglich. Das war die einfachste Möglichkeit, um möglichst niedrigschwellig helfen zu können. Whatsapp bietet ja auch eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung an und ist zudem kostenlos. Zusätzlich gibt es die Möglichkeit, sich per SMS zu melden, falls man Whatsapp aus bestimmten Gründen nicht herunterladen möchte.

Gibt es aktuelle Zahlen, wie viele Kinder und Jugendliche euer Angebot nutzen?

Wir haben bisher schon fast in 2000 Situationen helfen können. Wir erheben keine personenbezogenen Daten, aber wir erfassen, worum es in den Fällen geht. Je nach Angaben der Chatter können wir dann auch sagen, wie alt die Person ist oder ob sie männlich oder weiblich ist. Die häufigsten Themen sind Ängste in allen Ausprägungen: Angst, viel Liebeskummer, aber auch Suizidalität und Depressionen. Während der Sommerferien kamen weniger Fälle rein, aber jetzt wird es wieder mehr. Der Großteil, rund drei Viertel der Chatter, ist weiblich und fast die Hälfte ist zwischen 16 und 18 Jahren alt.

Gibt es vermehrt Probleme, die auf die Corona-Krise zurückzuführen sind?

Ja. Wir haben schnell gemerkt, dass das ein Thema ist, das über Corona hinausgeht. Aber gerade die Angstthemen sind durch Corona ins Brennglas gestellt und noch einmal verstärkt worden. Wir haben gemerkt, dass es einen verstärkenden Effekt gab, dadurch, dass man die Freunde nicht gesehen hat, vielleicht auch häusliche Gewalt erlebt hat und niemanden zum Reden hatte.

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Wollen Sie den Krisenchat auch über die Corona-Zeit hinaus betreiben?

Definitiv. Das ist kein Projekt, das mit Corona enden wird. Das wird definitiv weitergehen. Wir haben eine Lücke entdeckt beziehungsweise einen Bereich, wo noch Nachfrage da ist und bei dem wir froh sind, eine Lösung bieten zu können. Das werden wir auf jeden Fall langfristig weitermachen und in den nächsten Jahren ausbauen und bekannter machen. Im nächsten Schritt geht es darum, das Ganze zu finanzieren. Wir sind ja gemeinnützig und machen kein Geld, da das Angebot kostenlos ist. Insofern müssen wir schauen, welche Wege es gibt, um an Spenden- und Sponsorengelder zu kommen.

Woher haben Sie das technische Know-how?

Wir hatten einen Mitschüler, Jan, der jetzt einer unser Mitgründer ist. Er hat sich mit zwölf das Programmieren selbst beigebracht. Er kam ins Team, weil er sich durch seine Kenntnisse auszeichnen konnte. In der Schule haben wir bei dem Wettbewerb “Business at School” mitgemacht. Da geht es darum, in jungem Alter eine Projekt- oder Geschäftsidee zu entwickeln, und da sind wir darauf gekommen. Wenn der Wettbewerb vorbei ist, hören die meisten einfach auf, aber wir haben uns dann entschieden, damit weiterzumachen, statt zu studieren.

Was sind die Herausforderungen für junge Gründer? Auf welche Probleme sind Sie gestoßen?

Grundsätzlich kann ich nur empfehlen, in jungem Alter zu gründen, vielleicht auch vor dem Studium das erste Projekt zu starten. Denn auch wenn das nicht erfolgreich wird, macht man unglaublich tolle Erfahrungen, man lernt extrem viel, und die Bereitschaft zur Hilfe ist sehr groß. Es gibt leider trotzdem ein paar Hürden. Das eine ist zum Beispiel das Gründen unter 18. Wir mussten unsere Väter hinzuholen, die Anteile hielten, bis wir 18 wurden. Da wäre es gut, wenn man zum Beispiel einfach mit 16 schon eine UG oder eine GmbH gründen könnte, ohne dass man sich eine allgemeine Geschäftsfähigkeit beim Gericht holen muss. Darüber hinaus finde ich es schade, dass, wenn man studiert, tolle und sinnvolle Programme infrage kommen. Doch ein Gründer, der kein Studium nachweisen kann oder noch nie gearbeitet hat, hat die Probleme, dass er aus dem Kindergeld rausfliegt, wenn er nicht studiert, und auch für Fördergelder wie das Exist-Stipendium nicht infrage kommt.

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