Können Fake News wirklich Wahlen beeinflussen?

Die Sorge vor der Macht von Fake News ist groß – besonders vor der Europawahl. Aber ob Desinformationskampagnen tatsächlich den Ausgang von Wahlen beeinflussen können, ist unklar. Nun gibt Facebook Wissenschaftler einen außergewöhnlichen Einblick in seine Daten.

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Hannover. Jetzt, so kurz vor der Europawahl, nimmt niemand mehr das Thema auf die leichte Schulter. Im November 2016 sah das noch anders aus. Damals fand Mark Zuckerberg die Vorstellung, dass falsche Nachrichten den Ausgang der Präsidentschaftswahl in den USA beeinflusst hätten, noch "ziemlich verrückt". Inzwischen ist einiges passiert und das Problem Fake News hat in der öffentlichen Diskussion einen ganz anderen Stellenwert.

Das sieht man auch daran, dass Facebook im Zuge der Europawahl extra ein virtuelles Lagezentrum gegen Fake News eingerichtet hat. Dass die Europäische Kommission von Facebook, Twitter und Google regelmäßige Transparenzreports anfordert und sich die Technologiekonzerne bereits im September auf einen freiwilligen Verhaltenskodex geeignet hatten.

Trotzdem rügte die Kommission die sozialen Netzwerke jüngst dafür, dass sie noch immer nicht genügend gegen Fake News unternehmen. Auch die Mehrheit der Deutschen (nämlich 71 Prozent) sieht laut einer aktuellen Umfrage von PricewaterhouseCoopers (PwC) die Europawahl durch Falschnachrichten gefährdet. Schließlich – so vielleicht die Annahme – wurde ja auch die US-Präsidentschaftswahl oder die Brexit-Abstimmung auf diese Weise manipuliert.

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Ist die Angst vor Fake News angebracht – oder eine Überreaktion?

Aber ist es wirklich so gewesen? Können Desinformationskampagnen tatsächlich Wahlen beeinflussen – oder sogar entscheiden? Oder ist die große Sorge um die Macht der Fake News nur eine große Überreaktion? Auf diese grundlegenden Fragen gibt es nur wenige wissenschaftliche Antworten. Es sind Forschungslücken, die gerade Schritt für Schritt geschlossen werden.

Bei Desinformationskampagnen sollen falsche Nachrichten genutzt werden, um einen politischen Effekt zu erzielen – zum Beispiel Verunsicherung zu stiften. Doch ob das gelingt, ist nicht leicht herauszufinden. „Dass falsche Informationen verbreitet werden, ist nicht das Problem. Zum Problem wird es dann erst, wenn Menschen diese Informationen glauben“, sagt der Politik- und Computerwissenschaftler Simon Hegelich.

Es gibt Desinformation – doch ihre Wirkung ist unklar

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Wirklich sicher ist nur: Es gab in der Vergangenheit große, auch orchestrierte Desinformationskampagnen. Falschnachrichten gibt es auch bei der Europawahl – wenn doch in deutlich geringerem Ausmaß als erwartet. Eine aktuelle Studie des Oxford Internet Institutes kommt nämlich zu dem Ergebnis, dass auf Twitter der Anteil von "Junk-News" zur Europawahl eher gering ist. Auf Facebook können einzelne Posts von zweifelhaften Portalen zwar mehr Interaktionen als die seriöser Medien abgreifen, insgesamt aber interagieren Nutzer mehr mit den Inhalten etablierter Nachrichtenquellen. Die Wahl scheine weder als Ziel noch als Inhalt attraktiv für Desinformationen zu sein, bilanzierte Lisa-Maria Neudert, eine der beteiligten Forscherinnen, gegenüber dem Spiegel.

Auch im Fall der US-Präsidentschaftswahl gebe es bisher keine Studie, die nach wissenschaftlichen Kriterien einen Effekt der Desinformationskampagnen belegen könne, sagt Hegelich. Ein Experiment, das Facebook selbst durchgeführt habe, zeige aber, dass man über das soziale Netzwerk die Wahlbeteiligung steigern kann. „Also kann man vermuten, dass sie sich auch senken lässt“, sagt Hegelich. Außerdem gebe es Studien, die nahelegten, dass Desinformationskampagnen eher indirekt wirkten. Heißt: Menschen ändern nicht unbedingt ihre politische Meinung, stattdessen streuten die Desinformationen eher ein diffuses Gefühl der Verunsicherung.

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Forscher wollen Einfluss von Kampagnen auf Bundestagswahl 2017 untersuchen

Das Problem ist nur: Wie misst man das? Wie unterscheidet man zum Beispiel zwischen dem Effekt von Kampagnen und dem, was etwa eine Partei selbst auf Facebook postet? Jedenfalls nicht, ohne zu wissen, welche Desinformationen wann gestreut wurden – und vom wem sie überhaupt gesehen wurden. Doch nach dem Debakel um Cambridge Analytica war es für Wissenschaftler schwierig, Zugang zu Facebook-Daten zu bekommen. Nun hat der Konzern einen Weg und Verfahren gefunden – und Hegelich und sein Team gehören zu den internationalen Forschern, die Einblick in Daten bekommen, die bisher noch nie zur Verfügung gestellt wurden.

So wollen sie herausfinden, ob die Desinformationskampagnen bei der Bundestagswahl 2017 einen Effekt hatten. Dazu vergleichen sie Umfrageergebnisse vor der Wahl mit den Aktivitäten von Desinformationskampagnen. Die Frage lautet: Wann haben die Desinformationen besonders viele Menschen erreicht – und schlägt sich das in den Umfrageergebnissen der jeweiligen nächsten Woche wieder?

Auch die Berichterstattung über Fake News hat Folgen

Um den ersten Teil der Frage zu beantworten, erhalten die Forscher Zugang zu einem gigantischen URL-Datenset. Darin: eine Milliarden Webadressen – Links zu Artikeln, Tweets oder anderem – die seit 2017 auf Facebook geteilt wurden. Damit können die Forscher nachvollziehen, wie häufig Inhalte von Desinformationskampagnen auf Facebook geteilt wurden. „Zusätzlich ziehen wir Twitter-Daten hinzu, sowie Inhalte, die von herkömmlichen Online-Medien geteilt wurden“, sagt Hegelich. Denn manchmal landen die falschen Informationen auch eingebettet auf offiziellen Nachrichten-Seiten. Entweder weil diese aufklären wollen oder gar nicht bemerkt haben, dass es sich um Teil einer Desinformationskampagne handelt.

Erste Ergebnisse erwartet Hegelich frühesten in einem Jahr. Bis dahin bleibt die Berichterstattung über Fake News und Desinformationskampagnen eine zweischneidige Angelegenheit. Denn unabhängig davon, ob Fake News einen Effekt haben – die Berichterstattung darüber, habe in jedem Fall Folgen, glaubt Hegelich. „Wenn alle behaupten und schreiben, Desinformationskampagnen seien gefährlich, dann erreichen sie so ihr Ziel: Unsicherheit zu stiften und das Vertrauen in demokratische Institutionen zu zerstören“, sagt er.

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Andererseits war es erst die kritische Berichterstattung und die öffentliche Aufregung, die Facebook dazu gebracht hat, die Sicherheit von Wahlen als große Herausforderung anzusehen und Daten für Wissenschaftler freizugeben. Hegelich rät deshalb: „Weniger Panik, mehr Forschung.“

Von Anna Schughart/RND