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Jan Kowalsky: „Wenn alle weniger an Katzenvideos schauen und ein bisschen mehr die Welt retten würden, hätten wir mehr davon“

  • In seinem neuen Sachbuch „Als Schisser durchs Netz“ setzt sich Jan Kowalsky auf heitere Weise mit den Tücken der Digitalisierung auseinander.
  • Im Interview erklärt der Autor, was soziale Netzwerke mit Fast Food gemeinsam haben.
  • Und warum er glaubt, dass die Digitalisierung vielleicht sogar zu gut ist.
Tilmann P. Gangloff
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In seinem Buch „Als Schisser um die Welt“ hat der 45-jährige Hamburger Illustrator und Marketingfachmann Jan Kowalsky 2015 beschrieben, wie er als Anhängsel seiner Frau bei den gemeinsamen Reisen allerlei haarsträubende Abenteuer überstehen musste. Sein neues Sachbuch „Als Schisser durchs Netz“ funktioniert im Prinzip genauso, allerdings führt ihn diese „Berg- und Digitalfahrt der Gefühle“ nun in die Welt des Internets.

Herr Kowalsky, Sie haben bei sich daheim ein „Handyhotel“ eingerichtet. Was ist das?

Das ist ein kleines Häuschen im schwedischen Stil, in dem meine Frau und ich abends und am Wochenende unsere Smartphones deponieren, weil es aus unserer Sicht nicht reicht, die Geräte leise zu stellen. Sie müssen aus den Augen sein, um auch aus dem Sinn zu sein, damit wir gar nicht erst in Versuchung kommen, unsere Mails zu checken oder eine Whatsapp-Nachricht zu verschicken.

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Der Charme Ihres Buches liegt in der Schilderung persönlicher Erlebnisse, wobei Ihre Frau oft eine entscheidende Rolle spielt. Ist sie tatsächlich ein Early Adopter und voller Begeisterung für neue Technologien?

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Als Gegenentwurf zum Ewiggestrigen wäre sie eine Ewigmorgige. Early Adopter ist vielleicht übertrieben, aber das muss man heute auch nicht mehr sein, weil sich viele Technologien beinahe von selbst in den Alltag schleichen. Die Rollenverteilung bei uns ist klar: Während ich eher ein Skeptiker bin, ist sie mutig und anpackend, deshalb traut sie sich auch in technischer Hinsicht mehr zu. Während ich noch die AGB lese, hat sie Flugreise, Auto und Hotel gebucht, die Wetter-App gecheckt und den besten Strand rausgesucht.

Den meisten Menschen, die vor dem Jahr 2000 geboren worden sind, geht es ähnlich wie Ihnen. Wie soll das funktionieren, wenn der Alltag immer digitaler wird?

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Ich sehe ein ganz anderes Problem. Meiner Ansicht nach ist das Versprechen der Digitalisierung ein Widerspruch in sich: Wir sind mit der Welt vernetzt und haben Tausende von Kontakten, sind aber gleichzeitig viel isolierter als früher. Die Menschen laufen nur noch mit gesenktem Kopf durch die Gegend, weil sie alle auf ihr Smartphone schauen.

Jan Kowalskys neues Sachbuch „Als Schisser durchs Netz“ ist beim Goldmann-Verlag für 14 Euro erhältlich. © Quelle: Goldmann Verlag

Also sind Sie nicht bloß Skeptiker, sondern auch ein Gegner der Digitalisierung?

Keineswegs. Die Digitalisierung ist ja nicht schlecht, sie ist im Gegenteil vielleicht sogar ein bisschen zu gut. Deshalb wollen alle immer mehr davon. Das Internet macht einen zu einer besseren Version seiner selbst, bis man merkt, dass man wieder mal die Pause vergessen hat. Erholung wird zu einem Häkchen auf der virtuellen To-do-Liste, weshalb wir immer schlapper, gereizter und unkonzentrierter werden. Während wir darauf achten, dass unser Smartphoneakku immer voll ist, saugen wir unsere eigenen Batterien leer.

Daher das Handyhotel?

Ja, denn ohne aktive Gegenarbeit funktioniert es nicht. Manchmal habe ich das Gefühl, ich müsste dem Smartphone meine Frau ausspannen, damit sie mehr Zeit mit mir als mit dem Gerät verbringt. Das Internet ist ein Zeitfresser. Deshalb muss man sich immer wieder hinterfragen: Herz oder Handy? Die Generationen gehen übrigens ganz unterschiedlich mit den Geräten um. Ältere betrachten es als Werkzeug, Jüngere neigen dazu, eine emotionale Beziehung zu ihrem Smartphone zu entwickeln, und wenn Emotionen ins Spiel kommen, werden die Dinge erfahrungsgemäß nicht einfacher.

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Eine Ihrer ungewöhnlichsten Buchfiguren ist ein Freund, der den Sprachassistenten Alexa so konfiguriert hat, dass er seiner Jugendliebe entspricht. Ist das tatsächlich möglich?

Nein, derzeit zum Glück noch nicht. Aber es gibt in unserem Freundes- und Bekanntenkreis überraschend viele, die Alexa oder andere Smartspeaker wie ein Familienmitglied behandeln. Eine „echte“ Beziehung wäre also denkbar. Bei Stromausfall müsste der romantische Plausch bei Kerzenschein allerdings ausfallen. Beim Onlinedating gibt es übrigens einen Doppelgängermodus: Ich stehe auf diesen oder jenen Star und suche einen Partner oder eine Partnerin, die genauso aussieht.

Was schreckt Sie so an der Vorstellung, ein Sprachsystem einem bestimmten Vorbild nachzuempfinden?

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Weil man dann in der ultimativen Filterblase landet, denn Technik kennt keine eigenen Bedürfnisse. Im Grunde redet der Smartspeaker seinem Besitzer ständig nach dem Mund. In meiner Ehe empfinde ich gerade die Unterschiede als Bereicherung, weil sie meinen Horizont erweitern.

Sie vergleichen soziale Netzwerke wie Instagram und Facebook mit Fast Food: Beides mache auf Dauer krank und unglücklich. Ist das so?

Dazu gibt es diverse Studien: Wenn alle anderen anscheinend immer schöner, reicher und talentierter wirken als man selbst, kann das Depressionen schüren. Es ist die Dosis, die das Gift macht.

Die Nutzerinnen und Nutzer selbst sehen das vermutlich ganz anders.

Das ist das „Wohlfühlparadoxon“: Der menschliche Organismus ist darauf geeicht, in guten Zeiten Reserven anzulegen, um in schlechten Zeiten davon zehren zu können. Das Gleiche gilt für unsere Sucht nach Informationen: Wir sind zwar überzeugt, dass wir uns immer wohler fühlen, je mehr wir davon aufnehmen, aber das Gegenteil ist der Fall.

Sie zitieren in Ihrem Buch den Leiter eines fiktiven Instituts für künstliche Intelligenz, der bedauert, dass die Menschheit das fortschrittlichste Kommunikationsmedium aller Zeiten für Witzevideos verschwende.

Es ist ja nichts dagegen zu sagen, sich hin und wieder ein lustiges Video anzuschauen. Aber wenn alle ihre Zeit etwas weniger an Katzenvideos verschwenden und ein bisschen mehr die Welt retten würden, hätten wir alle mehr davon.

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