Interview: Können Menschen und KIs Freunde sein?

  • Künstliche Intelligenz wird in Zukunft mehr und mehr Teil unseres Alltags sein.
  • Wie kann das funktionieren?
  • Die Medienpsychologin Astrid Carolus von der Universität Würzburg erklärt, wann Menschen KI mögen.
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Frau Carolus, laut einer aktuellen Umfrage des Softwareunternehmens Kaspersky kann sich jeder Vierte unter 31 Jahren vorstellen, sich in eine Künstliche Intelligenz zu verlieben. Überrascht Sie das?

Ja, denn das ist sehr weit weg von der momentanen Realität und dem aktuellen Stand der KI-Entwicklung. Auf der anderen Seite bedeutet das aber auch, dass drei Viertel der Befragten sich nicht vorstellen können, sich in eine KI zu verlieben. Die spannende Frage dabei ist, welche Vorstellungen von einer KI haben die jungen Menschen? Denken sie dabei an einen Algorithmus, an Zahlenreihen, an einen Roboter? Wobei wir bereits wissen, dass die Vorstellungen von KI meist medial vermittelt und etwa der Science Fiction entnommen sind und weniger auf eigenen Vorerfahrungen mit ihr beruhen.

Deutschland gilt als eher technikskeptisch. Ändert sich das gerade bei der jüngeren Generation?

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Die typischen Geschichten, die wir über KI und andere technologische Entwicklungen erzählen, betonen die Gefahren: Im Zweifelsfall nehmen uns Roboter und KI die Arbeitsplätze weg. In der erwähnten Umfrage unter jüngeren Menschen gibt es nun aber eine Grundtendenz über verschiedene Antworten hinweg, bei der der eine Teil nicht richtig weiß, was er von KI halten soll und der andere eher positiv auf die Technologie schaut. Man liest eine tendenzielle Offenheit heraus, ergänzend zu einer ziemlichen Ahnungslosigkeit.

Menschen müssen KI einordnen können

Hat diese Generation also noch nicht begriffen, wie bedroht etwa ihre Arbeitswelt durch KI ist?

Die Frage ist: Können ältere Generationen die Situation denn besser einschätzen? Wer kann das überhaupt? Autonomes Fahren – das hat man schon mal gehört, das können wir uns vorstellen. Aber sobald die Tätigkeit komplexer wird, glauben viele, dass KI keine Menschen ersetzen kann – auch wenn wir zum Beispiel beim Sportjournalismus wissen, dass es geht. Das fällt uns deshalb so schwer, weil wir mit unserer menschlichen Logik an etwas rangehen, das gar nicht menschlich ist. Das kann nur begrenzt gut funktionieren.

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Wie können wir das ändern?

Wir müssen uns als Gesellschaft mehr mit diesen Themen auseinandersetzen und nicht weiter den Entwicklungen nur hinterherlaufen. Statt im Diffusen zu bleiben und bei KI an kleine, niedliche Roboter zu denken, sollten wir die Grundidee kennen und wissen, dass es sich um die Automatisierung intelligenten Verhaltens handelt. Das müssen wir nicht perfekt verstehen, aber zumindest einordnen können. Und damit am besten schon in der Schule beginnen.

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Wovon hängt denn die Akzeptanz von KI im Alltag ab?

Als neutraler Helfer oder Ratgeber im Alltag, das zeigt auch die Umfrage von Kaspersky unter den Jugendlichen, wird KI einfacher akzeptiert. Aber wenn die Technologie nah an uns rankommt, dann wird es unheimlich. Wir kennen das vom Phänomen des Uncanny Valley oder auf Deutsch Akzeptanzlücke: Bei roboterähnlichen Erscheinungsbildern ist es so, dass je menschlicher sie aussehen, desto besser finden wir das. Aber dann gibt es einen Punkt, an dem es zu menschlich wird – und das mögen wir gar nicht. Das heißt, einem Staubsaugerroboter, bei dem wir ganz klar erkennen, dass das kein Mensch ist, schreiben wir eher positive Intentionen zu. In vielen Familien haben die Geräte zum Beispiel einen Namen oder werden freudig begrüßt, wenn sie unter dem Sofa hervorkommen. Würde der Roboter aber menschlicher aussehen und plötzlich eine Mimik bekommen, dann detektieren wir Menschen sofort: Da stimmt etwas nicht.

“Alexa triggert menschliche Reaktionen”

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Ist der Umgang mit körperlosen Sprachassistenten da leichter?

Der Vorteil der Sprachassistenten ist, dass wir sofort wissen, dass wir auf keinen Fall mit einem Menschen agieren. Auch wenn Alexa schon halbwegs menschlich redet, lässt sich davon kaum jemand täuschen. Trotzdem triggert Alexa menschliche Reaktionen: Denn dass wir sprechen und jemand antwortet, das kennen wir eigentlich nur von Menschen. Tiere tun so etwas nicht. Wir haben also eine sprachbasierte Interaktion, die an tief in uns verankerte Kommunikationsmechanismen andockt, und gleichzeitig macht uns das nicht menschliche Aussehen die Interaktion einfacher. Was aber interessant ist: Interaktionsnormen werden dabei trotzdem übertragen.

Was meinen Sie damit?

Eigentlich ist es unlogisch: Sprachassistenten haben keine Gefühle. Unsere Studien an der Uni zeigen aber, dass Menschen soziale Normen und Regeln auf die Sprachassistenten übertragen und sich ihnen gegenüber zum Beispiel höflich verhalten.

Ist es realistisch, dass sich Menschen in einigen Jahren oder Jahrzehnten in eine KI verlieben oder sie zum besten Freund haben?

Technische Systeme können schon heute soziale und emotionale Reaktionen in uns triggern. Um einen Menschen ersetzen zu können, müssten sich das menschliche System, unsere Biologie und unsere Bedürfnisse grundlegend ändern, was ein sehr langer Prozess wäre. Wir denken hier in evolutionären Größenordnungen von Jahrtausenden. Wahrscheinlicher ist, dass die Technik sich immer besser an uns anpasst. Vorstellbar wäre, dass wir in Zukunft mit KI-basierten Voice Bots „gute Gespräche“ führen können, die unsere Bedürfnisse nach emotionaler Nähe und Bindung ansprechen. Dass solche Interaktionen andere Menschen aber in Gänze ersetzen, halte ich, vorsichtig gesagt, in den nächsten Jahrzehnten für unwahrscheinlich.

“Staat, Sex, Amen”
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