Digitale Gewalt kann jeden treffen

  • Wer im Netz von einer Welle des Hasses überrollt wird, fühlt sich oft machtlos.
  • Dabei ist es wichtig, sich zu wehren.
  • Die Organisation Hate Aid unterstützt Opfer dabei.
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Hannover. Renate Künast ist keine Ausnahme. In den sozialen Netzwerken wird die Grünen-Politikern wüst beschimpft. Als „Stück Scheiße“ zum Beispiel, als „Drecksfotze“ oder „Sondermüll“. So wie viele andere Politiker, Journalisten oder auch Aktivisten ist sie Zielscheibe von digitalem Hass und Gewalt. Doch einen Unterschied gibt es zwischen Künast und vielen anderen Opfern: Künast hat sich gewehrt. Vor Gericht ging die Politikerin gegen die Beleidigungen unter dem Facebook-Post eines rechten Netzaktivisten vor. Sie verlangte von Facebook die Herausgabe der Daten der Urheber. Das lehnte das Gericht ab, Künast legte dagegen Anfang Oktober Beschwerde ein. Nicht nur das Urteil oder die Reaktion Künstasts erregte Aufmerksamkeit, sondern der Gerichtsprozess an sich. Denn digitale Gewalt wird in Deutschland noch kaum angezeigt. Dabei ist das Problem weit verbreitet - und oft bleibt es nicht bei wüsten Beschimpfungen. Mord- und Vergewaltigungsdrohungen, Stalking oder Doxing-Attacken, bei denen etwa private Informationen im Netz veröffentlicht werden, sind nicht selten und treffen vor allem Frauen.

Opfer von digitaler Gewalt: Mangel an Beratungsangeboten

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Um zur Zielscheibe zu werden, muss man aber nicht unbedingt prominent und politisch aktiv sein. Auslöser könne zum Beispiel auch eine Gruppendiskussion etwa auf Facebook sein, erzählt Anna-Lena von Hodenberg von der Initative Hate Aid: „Es geht eigentlich um etwas ganz anderes, dann macht einer einen rassistischen Kommentar, man hält dagegen und dann geht es los mit Beschimpfungen.“

Wer Ziel von digitaler Gewalt wird, fühlt sich dann oft allein, überfordert und verunsichert. Die Opfer wissen nicht, was sie tun können. Oder wo sie Hilfe finden. „Hate Aid ist die einzige Stelle in Deutschland, bei der ausschließlich Betroffene von digitaler Gewalt begleitet und unterstützt werden“, sagt von Hodenberg. Die Initiative unterstützt auch Renate Künast, richtet sich jedoch vor allem an Privatpersonen, die im Netz Gewalt erfahren haben. Hate Aid hat sich dazu auf Hilfsangebote spezialisiert, die es in dieser Form in Deutschland bisher noch nicht gibt. Das Spektrum zeigt auch, wie differenziert die Antworten auf digitale Gewalt ausfallen müssen.

Hate Aid: Bewertung der individuellen Situation

Wenn ein Betroffener zum Beispiel aufgrund eines Tweets plötzlich verbal angegangen wird, wird bei einer Erstberatung mit Hate Aid geklärt, welche Hilfe er benötigt. „Wir machen eine erste Einschätzung: Wie geht es der Person, was ist passiert, welchen psychologischen Bedarf gibt es?”, erklärt von Hodenberg. Oftmals ist den Menschen dann - zumindest emotional - schon mal geholfen. Braucht ein Betroffener aber darüber hinaus weitere psychologische Unterstützung, kann Hate Aid ihn an Experten weiterverweisen. Es gibt verschiedene Bereiche, die Hate Aid abdeckt: Sicherheitsexperten helfen zum Beispiel dabei, Löschanträge zu stellen oder Social-Media-Konten zu sichern, um so zu verhindern, dass noch mehr intime Details ausgespäht werden. Aber: „Hundertprozentige Sicherheit kann man niemandem gewähren”, sagt von Hodenberg. „Aber man kann Menschen schon davor schützen, dass noch mehr Details wie Adressen oder Telefonnummern im Internet kursieren und genutzt werden.” Auch Opfer von Hacks können auf den Rat von Experten bauen, um weiteren Schaden abzuwenden.

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Wer von einer Welle des digitalen Hasses überrollt wird, ist sich oft unsicher, ob er darauf eingehen soll. Reagieren oder lieber ignorieren? Was soll man tun, wenn man etwa vom Chef auf die Verleumdungen, die über einem im Netz kursieren, angesprochen wird? Auch hier hilft Hate Aid im Einzelfall weiter. „Ein Patentrezept gibt es dafür jedoch nicht. Dazu muss man immer wieder die individuelle Situation bewerten“, sagt von Hodenberg.

Juristischer Beistand ohne hohe Kosten

Die Beratungsplattform bietet auch juristischen Beistand: „Wir überprüfen zum Beispiel die Kommentare und untersuchen, welche davon justiziabel sein könnten”, sagt von Hodenberg. Denn abhängig vom Inhalt kann man gegen einen Kommentar straf- oder zivilrechtlich vorgehen. Beleidigung, Verleumdung oder üble Nachrede sind in der Regel Fälle für das Zivilrecht. Dass trotzdem nur sehr wenige dieser Fälle vor Gericht landen, liegt unter anderem an den Kosten, die die Betroffenen erst einmal etwa für Anwälte bezahlen müssen. „Wir bei Hate Aid übernehmen deshalb bei Fällen, von denen wir denken, dass sie rechtswidrig sind, das Prozesskostenrisiko“, sagt von Hodenberg. Bekommt der Kläger Recht, wird dann das Schmerzensgeld zurück an Hate Aid gespendet – um wiederum anderen zu helfen.

Dass so wenige Fälle vor Gericht verhandelt werden, hängt aber auch damit zusammen, dass die Auswirkungen von digitaler Gewalt lange unterschätzt wurden. Betroffenen wurde dann zum Beispiel geraten, eben einfach nicht mehr zu twittern oder den Computer abzuschalten. Auch Polizei und Staatsanwaltschaften hatten das Thema lange nicht wirklich auf dem Schirm. Unter anderem durch den Mord an dem CDU-Politiker Walter Lübcke, sagt von Hodenberg, sei nun jedoch vielen klar geworden: Digitale Gewalt kann in analoge Gewalt umschlagen – und jeden treffen.

Wenig Unterstützung durch Facebook und Co.

Die sozialen Netzwerke selbst bieten Betroffenen wenig Unterstützung. Man kann Inhalte unter anderem melden, einzelne Nutzer blockieren. Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) verpflichtet Google, Twitter, Facebook und Co unter anderem dazu, eine Möglichkeit zur Beschwerde einzurichten und rechtswidrige Inhalte zu sperren oder zu entfernen. Sie dürfen auch die Daten von Tätern herausgeben. Von vielen Experten werden diese Möglichkeiten als unzureichend kritisiert. Nach dem Attentat von Halle im Oktober, bei dem zwei Menschen starben, wird deshalb nun wieder häufiger über eine Verschärfung diskutiert.

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Das Wichtigste aber sei, digitale Gewalt nicht hinzunehmen, sagt von Hodenberg: „Es ist wichtig, dass sich Betroffene wehren. Wenn sie das nicht tun, dann verroht der Diskurs im Netz immer weiter.“ Den Kampf gegen Hass muss niemand allein führen. Das zeigt nicht zuletzt das Engagement von Hate Aid.