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Grüne Welle in der Großstadt: Verkehr soll digital gelenkt werden

  • Mit dem Kasseler Projekt "Veronika" wird die digitale Verkehrslenkung getestet.
  • Busse, Bahnen uns Ampeln sind mittels App vernetzt.
  • Dadurch solle der Verkehr sauberer und Anschlüsse besser erreicht werden.
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Kassel/Frankfurt/Wiesbaden/Darmstadt. Wer umgangssprachlich auf dem Teppich bleibt, übertreibt nicht. Wer dagegen auf dem "grünen Teppich" des Kasseler Projekts "Veronika" bleibt, hat freie Fahrt. So heißt nämlich die Anzeige auf Smartphones, die Bus- oder Straßenbahnfahrern signalisiert, dass sie ohne Halt über die nächste Ampel kommen. Angezeigt wird, wo sich ihr Fahrzeug innerhalb der grünen Welle befindet.

Für saubere Luft: Verkehr soll digitalisiert werden

Veronika steht für "Vernetztes Fahren des öffentlichen Nahverkehrs in Kassel". 15 Ampeln, zehn Busse und fünf Straßenbahnen wurden mit Systemen für einen Datenaustausch ausgestattet. Der Computer rechnet während der Fahrt aus, wann ein Fahrzeug eine Kreuzung erreicht und schaltet die Ampel im Idealfall grün. Drei Jahre wurde die Technik entwickelt und auf öffentlichen Straßen erprobt. Das Bundesverkehrsministerium förderte "Veronika" mit 2,6 Millionen Euro.

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Am Donnerstag wurden die Ergebnisse vorgestellt. "Wir haben einen Prototypen, wir zeigen, dass es geht", sagte Gesamtprojektleiter Robert Hoyer, Professor der Universität Kassel. Die Technik soll den Verkehr sicherer und sauberer machen. Denn wer weniger bremst und weniger Gas gibt, schont das Fahrzeug, spart Material und Kraftstoff. Gleichzeitig werden weniger Schadstoffe ausgestoßen. Wie viel genau, ist noch unklar. "Das Potenzial ist beträchtlich", sagt Hoyer. Damit könnte "Veronika" in Zukunft zu sauberer Luft in Städten beitragen.

Nahverkehr: Anschlüsse können besser erreicht werden

Verkehrslenkung an sich ist nicht neu. Ampeln beispielsweise können über Detektoren auf nahende Straßenbahnen reagieren. Allerdings kann zwischen Sensor und Kreuzung viel passieren – wie Autos auf den Gleisen. Kommt dann die Bahn zu spät, gerät das System aus dem Takt. "Mit der neuen Methode können wir Updates schicken", sagt Michael Schäfer von der Uni Kassel. Die Ampel verzögere dann die Grünphase.

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Wenn ein Bus im Stau steht, hilft "Veronika" wenig. Auch eine Garantie auf eine grüne Welle gibt es nicht. Dazu beeinflussten zu viele Faktoren die Ampelschaltungen. Die in Kassel erprobte Technik füge sich in das bestehende, analoge System ein. Es sei quasi wie eine "Operation am offenen Herzen" gewesen, sagte Hoyer.

Große Zeitersparnis werden Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs nicht spüren. Aber die Zeiten für Anschlussverbindungen könnten besser eingehalten werden, erklärt Thorsten Ebert, Vorstand der Kasseler Verkehrs-Gellschaft KVG: "Wenn wir an jeder Ampel fünf Sekunden sparen, ist das ein Riesenschritt." Auch wenn die Finanzierung von "Veronika" ausläuft, will die Uni das Projekt weiter betreiben und die Ergebnisse auswerten. Die Stadt Kassel will bis 2023 das Stadtgebiet großflächig mit der neuen Technik ausstatten.

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Frankfurt testet die Grüne-Welle-App

Andere Städte wollen ebenfalls Verkehr digital lenken. Frankfurt arbeitet derzeit an der Umsetzung einer Grüne-Welle-App. Ampeln senden dabei Signale an Endgeräte wie Navigationsgeräte oder Smartphones. So sollen Verkehrsteilnehmer erkennen, wie schnell oder langsam sie am besten fahren, um möglichst bei grün durchzukommen. Bis Herbst kommenden Jahres soll etwa die Hälfte aller Signalanlagen in Hessens größter Stadt entsprechend umgerüstet sein, sagt Joachim Bielefeld, Leiter der Abteilung Verkehrsmanagement.

Nutzen können die App vorerst nur ausgewählte Testpersonen. Bereits in der Umsetzung sei, dass Busse, Straßenbahnen und U-Bahnen Ampeln ihr Herannahen signalisieren, damit sie rascher vorankommen. Die Digitalisierung soll auch an anderer Stelle helfen. So sind Programme in Vorbereitung, um etwa die Folgen von Baustellen oder Straßensperrungen besser einschätzen zu können.

Wärmebildkameras sollen Verkehrsströme erfassen

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Wiesbaden rüstet seine Ampelanlagen für die digitale Verkehrssteuerung (Digi-V) um. Dazu werden Verkehrs- und Umweltdaten erhoben und analysiert, um besser auf die Verkehrssituation und die Einhaltung der Grenzwerte für Luftschadstoffe reagieren zu können. Unter anderem installiert die Stadt Wärmebildkameras, mit denen die Verkehrsströme erfasst werden. Sie können keine Nummernschilder oder Gesichter erkennen, sind allerdings in der Lage, nach Fahrzeugtypen zu unterscheiden und auch Radfahrer oder Fußgänger zu detektieren.

Insgesamt werden in Wiesbaden 226 Ampeln umgebaut, 50 davon erhalten Umwelt- beziehungsweise Wettersensoren. Die neuen Ampeln sollen bis Ende 2020 im Verbund mit einem Zentralrechner in der Lage sein, die Verkehrslage präzise zu erfassen und Daten über die Schadstoffemission in Echtzeit zu liefern. Mit Hilfe von künstlicher Intelligenz sollen die Ampelphasen dann optimal gesteuert werden. Das Digi-V-Projekt ist Teil des Sofortprogramms der Stadt Wiesbaden, mit dessen Hilfe ein Dieselfahrverbot abgewendet werden soll.

In Darmstadt gibt es seit geraumer Zeit mehrere digitale Verkehrsprojekte. So sind Laternen am Residenzschloss mit Sensoren ausgestattet, um den Verkehrsfluss und die Schadstoffe zu messen. Im Stadtteil Wixhausen erfassen Laternen den Verkehr und passen die Beleuchtung an. Die Projekte zur Straßenbeleuchtung sollen nach den Worten von José David da Torre Suárez, dem Geschäftsführer der Digitalstadt Darmstadt, ausgebaut werden. In einem Projekt zur Verkehrs- und Umweltsensorik wird zudem an einzelnen Punkten die Verkehrsmenge in der Stadt gemessen, um so die Fahrzeugströme gezielter zu steuern und die Umwelt zu entlasten.

RND/dpa

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