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„Ganz viele praktische Vorteile“: Marina Weisband fordert mehr digitale Mitbestimmung an Schulen

  • Viele Entscheidungen in der Corona-Krise werden ohne den Input von Schülern und Schülerinnen getroffen.
  • Marina Weisband glaubt: Wären Schüler und Schülerinnen an den Schutzmaßnahmen beteiligt, wären sie pragmatischer und würden besser befolgt.
  • Im Interview mit dem RND spricht Weisband darüber, warum Schulen aber auch darüber hinaus mehr Mitbestimmung brauchen.
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Frau Weisband, bei Fragen um Schulschließungen und Co. kommen erstaunlich selten diejenigen zu Wort, die es unmittelbar betrifft – nämlich die Schülerinnen und Schüler selbst. Warum bleiben sie so oft außen vor?

Wir sind es gar nicht gewöhnt, Schüler und Schülerinnen miteinzubeziehen, weil wir sie immer noch gesellschaftlich stark als Objekte betrachten. Als Objekte, die zu erziehen, zu beschulen sind. Als potenzielles Chaos, dass man etwas bändigen muss, um Unterricht machen zu können. Wir sind es noch nicht gewöhnt, dass sie eigenständige Menschen sind und dass sie natürlich auch für globale Problemlösungen eine Ressource sind, dass sie mit ihrer Meinung ja auch den Diskurs bereichern.

Haben Schüler und Schülerinnen denn gar nichts zu sagen oder haben sie eigentlich sehr viel zu sagen?

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Sie haben eine Menge zu sagen. Ich bin mir sicher: Wären Schüler und Schülerinnen an den Schutzmaßnahmen beteiligt, wären sie nicht nur viel pragmatischer, sie würden auch besser befolgt. Werden Regeln von oben aufoktroyiert, wehre ich mich. Gestalte ich sie aber mit, erkenne ich die Notwendigkeit eher an und trage sie gerne und verantwortungsbewusst mit. Das ist ein Effekt, den die meisten Erwachsenen unterschätzen, wenn sie über die Köpfe von Kindern hinweg entscheiden.

Wie wäre dieses Schuljahr bisher abgelaufen, hätten wir die Jugendlichen und Kinder mehr beteiligt?

Da ich weder Kind noch Jugendliche bin, weiß ich das nicht. Dazu müssten wir sie selbst fragen. Da dieser Beteiligungsprozess nicht stattgefunden hat, kann ich seine Ergebnisse natürlich nicht vorwegnehmen, das wäre überheblich.

Marina Weisband ist Psychologin, Publizistin und Politikerin. Mit der von ihr entwickelten Onlineplattform Aula sollen Kinder und Jugendliche mehr Einfluss in ihren Schulen nehmen. © Quelle: picture alliance / Geisler-Fotop
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Was hat das System Schule ganz konkret von mehr Beteiligung der Schülerinnen und Schüler?

Da gibt es mehrere Antworten. Erstens etwas, das viel zu schnell unter die Räder kommt, nämlich der tatsächliche Nutzen, den Schulleiterinnen und Schulleiter durch Schülerbeteiligung haben. Meistens wird ja demokratische Partizipation von Jugendlichen gedacht als etwas, dass on top kommt, als Art Luxusgut. In Wirklichkeit hat es für Schulen ganz viele praktische Vorteile. Wir wissen aus Studien, dass Vandalismus, Mobbing und Gewalt an Schulen runtergehen, wenn Schüler und Schülerinnen stärker beteiligt werden. Dinge werden oft praktisch besser organisiert, wenn Kinder und Jugendliche überzeugt sind von der Notwendigkeit einer Sache. Ich hatte Fünftklässler, die einen Kaugummiautomaten wollten und im Zuge der Diskussion feststellten, dass es ganz gut ist, dass Kaugummikauen verboten ist und dieses Verbot belassen haben.

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Und was haben die Lehrkräfte davon? Im Zweifel doch mehr Arbeit, oder?

Die Beteiligung kann auch den Methodenreichtum von Lehrenden erweitern. Wir hatten schon Schülerinnen und Schüler, die ihre Lehrer auf eine Fortbildung schicken wollten. Aber der größte Vorteil liegt natürlich nicht im Nutzen bei den Schulleitungen oder den Lehrkräften. Der größte Vorteil liegt darin, dass Schule nur so ihre Aufgabe erfüllen kann. Schule hat den Auftrag, mündige Bürger und Bürgerinnen zu erziehen und das kann ich gar nicht, wenn ich in einem autoritärem System unterwegs bin. Wie will ich Verantwortung lernen, wenn ich keine Verantwortung trage? Wie will ich Demokratie lernen, wenn ich in einem zutiefst undemokratischem System bin?

Sie empfinden Schule als zutiefst undemokratisch?

Ich empfinde Schule zum Teil als undemokratisch. Ich weiß, dass es viele Lehrkräfte und Schulleitungen gibt, die sich sehr bemühen, das anders zu gestalten, in dem Rahmen, der ihnen möglich ist. Aber ganz ehrlich: Die Schülervertretung ist eine Erfahrung für jeden Dreißigsten – wenn sie überhaupt ernst genommen wird. Alle anderen bekommen jeden Tag gesagt, was sie wann zu tun haben und mit welchen Themen sie sich beschäftigen sollen. Dann werden sie relativ willkürlich von einer Person bewertet und von dieser Bewertung hängt dann die eigene Zukunft ab. Darin sind wenig demokratische Elemente. Kompetenzen, die in Zukunft immer stärker gebraucht werden, dass sind die berühmten Ks: Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken. Wenn ich in einer Prüfung Kommunikation und Kollaboration anwende, dann heißt das Betrugsversuch und ist eine sechs.

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Haben die Schulen in der Corona-Krise noch mehr an Demokratie eingebüßt?

Ich denke, wir haben etwas wertvolleres als Demokratie eingebüßt. Wir haben noch stärker als zuvor schon das Gefühl von Selbstwirksamkeit eingebüßt. Nicht nur bei Schülerinnen, das betrifft in einem gewissen Maß auch die ganze Gesellschaft. Ich glaube, wir alle kollektiv sind viel stärker Opfer der Umstände geworden und die Schülerinnen und Schüler am meisten, weil auf ihrem Rücken eine Art Glaubenskrieg ausgetragen wird: Schulschließungen, Rückkehr in den Präsenzunterricht? Bei dieser Sache haben sie überhaupt nichts zu melden. Wie daraus jemand erwächst, der sich als Gestalter der Gesellschaft fühlt, der mit Mut irgendwo hingeht, der Dinge ändert, ist mir ein Rätsel.

Welche Möglichkeiten haben Kinder und Jugendliche gerade überhaupt, um sich zu beteiligen? Eine Versammlung der Schülervertretung etwa ist ja gerade undenkbar.

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Die Schülervertretung ist zunächst gesetzlich fest verankert und auch jetzt können Schülervertreter auf ihre Schulleitungen, aber auch auf Schulträger zugehen oder sich landesweit organisieren. Für diese Vernetzung gibt es digitale Möglichkeiten, unter anderem eben das von mir initiierte Projekt Aula. Das ist nicht nur eine Onlineplattform, die Schülerinnen und Schülern den Partizipationsprozess erleichtert, protokolliert und strukturiert. Dazu gehört nämlich auch ein Vertrag mit der Schulkonferenz. Die Schulkonferenz verpflichtet sich darin freiwillig, alle Ideen mitzutragen, die per Aula beschlossen werden. Die Kinder und Jugendlichen erhalten dadurch noch mehr Entscheidungsweite. Und dann gibt es die ganz informelle Partizipation, Briefe zum Beispiel. Die sind tatsächlich sehr viel effizienter, als online Kampagnen zu organisieren. Das liegt Jugendlichen vielleicht näher, aber ganz klassische Briefe und Faxe und damit die Kultusministerien zu bombardieren, das ist enorm hilfreich.

Sie sind ein sehr digitaler Mensch. Dass ausgerechnet Sie zum Briefeschreiben raten, ist etwas kurios.

Es ist äußerst kurios für mich. Aber ich bin nicht nur ein digital denkender, ich bin auch ein pragmatisch denkender Mensch. Und bevor die Beschwerden verpuffen, sollten die Kinder und Jugendlichen eben lieber Briefe schreiben.

Wie funktioniert die Plattform Aula?

Aula ist nicht nur eine Onlineplattform, es ist Beteiligungskonzept für alle Schülerinnen und Schüler. Es funktioniert begleitend zu allen Gremien und zu allen Maßnahmen, die es an einer Schule schon gibt. Zu Beginn wird ein Vertrag entwickelt, in dem sich die Schulkonferenz oder bei außerschulischen Trägern die Verantwortlichen selbst verpflichten, die Ideen der Jugendlichen mitzutragen, solange sie einen gewissen Rahmen nicht verlassen. Zum Beispiel dürfen die Jugendlichen natürlich keine Personalentscheidungen treffen oder Geld ausgeben, das nicht da ist. Aber sie dürfen etwa die Hausordnung ändern, Veranstaltungen planen oder im bestimmten Rahmen auch Einfluss auf den Unterricht üben. Es ist also eine Art virtuelles Debattierforum mit Abstimmungsfunktion, sodass man am Ende sich auch auf etwas einigen kann und dann sind die Schüler eben verantwortlich, das auch umzusetzen. Hinzu kommt dann noch didaktisches Material, um gezielt Kompetenzen wie Kommunikation, Zusammenarbeit, Kreativität, Kritisches Denken, Formulieren, demokratische Fähigkeiten, Medienkompetenz und Selbstwirksamkeit zu stärken.

Eine Frage, die immer gestellt werden muss, wenn es um Schule geht: Ist dafür überhaupt genügend Geld da?

Schulen können das kostenlos machen, wenn sie sich die Software runterladen und selber hosten. Die Materialen stehen auch alle kostenlos im Internet. Was wir anbieten ist, dass wir die Software hosten, dann kostet das 10 Euro im Monat. Und wir bieten an, in die Schule zu kommen und bei der Einführung zu helfen.

Ist die Corona-Krise ein guter Zeitpunkt für mehr digitale Mitbestimmung?

Etwas zu ändern erfordert natürlich immer Beziehungsarbeit. Das ist digital nicht unbedingt einfacher. Aber was Corona vielleicht auslösen könnte, ist zum einen das System generell zu entstarren. Denn eine Krise ist immer eine Möglichkeit, Dinge neu zu strukturieren. Dann lernen viele Lehrer jetzt immer mehr Tools kennen: Für sie sind Geräte nicht mehr diese undurchsichtigen Kästen, in denen Schüler daddeln, sondern sie bemerken, dass man dort verschiedene Dinge mit machen kann. Außerdem sind in der Corona-Krise die Schulen am besten gefahren, die projektorientierter gearbeitet haben, die mehr auf Selbstständigkeit der Schülerinnen und Schüler und weniger auf Kontrolle gelegt und die weniger geprüft haben. Das sind die Elemente, die die zeitgemäße Bildung für die Zukunft auch ausmachen werden.

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