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Experte zur Digitalisierung des Alltags: „Immer erst den Kopf einschalten“

  • Schon vor der Corona-Krise spielte die Digitalisierung eine große Rolle – doch sie bringt auch Herausforderungen mit sich.
  • Holger Volland hat ein Buch mit dem Titel „Die Zukunft ist smart. Du auch?“ geschrieben.
  • Im Interview spricht er über die Risiken der neuen Technologien.
Tilmann P. Gangloff
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Ob Chatbot, Park­assistent oder Krebs­diagnose: Digitale Technologien sind längst Teil unseres Alltags – und werden es in Zukunft noch häufiger sein. Das bringt zwar viele Vorteile, aber auch Nachteile mit sich. Denn Sicherheit ist im Umgang mit der Digitalisierung das A und O. Holger Volland ist Transformations­experte und Autor zu Themen rund um den digitalen Wandel. Im RND-Interview erklärt er, was es für Verbraucher zu beachten gibt.

Herr Volland, Ihr Buch trägt den Titel „Die Zukunft ist smart“, verbunden mit der Frage „Du auch?“. Warum müssen wir Nutzer ebenfalls smart sein? Und will das überhaupt jeder?

Holger Volland: Es ist für jeden Menschen wichtig, sich mit den digitalen Technologien auseinander­zusetzen, denn wir sind alle davon betroffen. Selbst meine Mutter besitzt ein Smart­phone mit diversen Apps. Meine Titel­frage zielt darauf ab, dass sich kaum ein Nutzer darüber im Klaren ist, welchen potenziellen Schaden die Technologien anrichten können. Und kaum einer weiß, ob die Kosten, die sie verursachen, weil sämtliche Daten erfasst und verwendet werden, den Nutzen aufwiegen.

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Müssten Sie Ihre Titelfrage nicht in erster Linie an die Politik richten? Die Corona-Krise hat doch deutlich vor Augen geführt, wie rückständig Deutschland in Sachen Digitalisierung ist.

Deshalb gehört es zu den wichtigsten Aufgaben der nächsten Jahre, die Digitalisierung zu koordinieren und voran­zubringen. Dafür brauchen wir dringend ein eigenes Ministerium, weil Bund, Länder und Gemeinden bislang alle ihr eigenes Süppchen kochen.

Holger Volland ist Transformations­experte und Autor zu Themen rund um den digitalen Wandel. Er gehört zur Geschäfts­leitung des Wirtschafts­magazins „brand eins“, ist Mitglied im Beirat sowohl von Z‑Inspection, einer wissenschaftlichen Initiative für ethische künstliche Intelligenz, wie auch des Sonophilia Instituts. Sein Buch „Die Zukunft ist smart. Du auch?“ (416 Seiten, 18 Euro) ist im Mosaik-Verlag erschienen. © Quelle: Manuel Rauch

Die Digitalisierung in Deutschland: Wie ist der aktuelle Stand?

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Laut einer Statistik des Arbeits­ministers fallen durch die Digitalisierung 1,3 Millionen Arbeitsplätze weg, dafür werden langfristig 2,1 Millionen neu geschaffen. Ist das nicht eine Milchmädchen­rechnung?

Natürlich ist es das. Der Betrachtungs­zeitraum des normalen Arbeitnehmers erstreckt sich ja nicht über mehrere Jahr­zehnte. Wer seinen Job verliert, weil ein Algorithmus seine Arbeit erledigt, der braucht jetzt einen neuen und nicht erst in zwanzig Jahren. Außerdem können viele dieser neuen Arbeits­plätze schon aktuell nicht besetzt werden, weil die nötigen Fach­kräfte fehlen.

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Droht Deutschland international abgehängt zu werden?

Diese Gefahr liegt zumindest nahe. Man muss sich bloß mal anschauen, welche Firmen und Dienst­leister die Corona-Krise nutzen konnten, um Umsatz und Einfluss zu steigern: amerikanische Technologie­konzerne wie Netflix oder Amazon. Amazon schafft zwar neue Arbeits­plätze, auch in Deutschland, aber in erster Linie für Lager­arbeiter, denen ein Algorithmus sagt, welches Produkt sie aus dem Regal holen sollen. Das sind nicht die Jobs, die wir uns von der Digitalisierung erhoffen.

Amazon weiß mehr über meine Konsum­gewohnheiten als ich. Warum ist das für viele Menschen kein Problem?

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Weil es unglaublich bequem ist. Nur die wenigsten machen sich bewusst, dass sie deshalb auch Geld für Dinge ausgeben, die sie gar nicht brauchen, weil sie vollkommen gläsern sind. Amazon sammelt selbstverständlich auch auf anderen Websites Informationen, was zur Folge hat, dass irgendwann kein echter Preis­vergleich mehr möglich ist; dann sitzt man als Kunde im goldenen Käfig und merkt es nicht mal. Abgesehen davon ist es grundsätzlich schlecht für den Wettbewerb, wenn ein Dienstleister eine derartige Monopol­stellung hat: Weniger Wett­bewerb ist gleich­bedeutend mit wenig Interesse an Entwicklung. Die Geschichte der Technologie hat gezeigt: Die Pioniere sind nach einer gewissen Zeit immer von Nachfolgern mit besseren Produkten abgelöst worden.

Digitalisierung: Wo im Alltag Daten gesammelt werden

Ihr Buch gibt hundert Antworten auf Fragen zum digitalen Alltag. Welche hat Sie am meisten überrascht?

Ich habe mich zum Beispiel gefragt, warum die Stimmen von Assistenz­systemen wie „Alexa“ immer weiblich sind. Zunächst dachte ich, dass die männlichen Programmierer Frauen­stimmen einfach schöner finden. Tatsächlich haben die Hersteller entsprechende Studien in Auftrag gegeben, und es stellte sich heraus, dass wir uns von weiblichen Stimmen lieber assistieren lassen; von männlichen nehmen wir lieber Befehle an. Für den Sexismus sind also nicht die Programmierer verantwortlich, sondern wir Nutzer.

Was hat Sie am meisten empört?

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Ich war extrem überrascht, wie viele Informationen ein ganz normaler Fernseher sammelt. Jedes Smart TV mit Internet­zugang – und das sind mittlerweile im Grunde alle – informiert den Hersteller darüber, was die Zuschauer gucken. Diese Informationen werden genutzt, um gezielte Werbung auf die Geräte zu spielen. Deshalb werden Fernseher immer billiger, obwohl ihre Leistungs­stärke zunimmt: weil wir neben dem Anschaffungs­preis auch mit unseren Daten zahlen.

Sie schreiben, dass jeder siebte Deutsche das Tempo der Digitalisierung als zu schnell empfindet. Ist das nicht ein Durchschnitts­wert, der durch viele Ältere in die Höhe getrieben wird?

Sicherlich gibt es Unterschiede; neben dem Alter spielt auch die Schulbildung eine Rolle. Trotzdem finde ich diese Zahl erschreckend, denn sie zeigt, wie viel wir noch tun müssen, um alle mitzunehmen. Den Medien kommt dabei eine wichtige Rolle zu: Sie sollen neutral darüber aufklären, welchen Preis wir für bestimmte Anwendungen zahlen müssen und welche Möglichkeit es gibt, diesen Preis zu beeinflussen.

Beim Surfen im Internet: Das gibt es zu beachten

Braucht man einen kleinen Internet­führerschein?

Nicht unbedingt. Es braucht vor allem gesunden Menschen­verstand. Entscheidend ist, nicht alles zu glauben, was einem zugespielt wird: immer erst den Kopf einschalten, bevor man eine Nachricht teilt, und sie grundsätzlich nur weiterleiten, wenn man sicher kein kann, dass die Information stimmt. Wenn man das beherzigt, haben die meisten Fake News keine Chance auf Verbreitung.

Wie sinnvoll sind smarte Systeme?

Für Menschen mit starker Sehbehinderung ist zum Beispiel ein Assistenz­system, das per Sprache die Orientierung im Haus erleichtert, sehr nützlich. Das sammelt zwar ebenfalls Daten, aber es steigert die Lebens­qualität erheblich. Beim Saug­roboter sollte die Abwägung möglicherweise anders aussehen. Damit er nicht die Lego-Steine meiner Kinder einsaugt, entscheide ich mich für ein Modell mit Kamera. Aber dann sollte ich mir darüber im Klaren sein, dass das Gerät alles filmt, also auch meine Einrichtung und meine Familie.

Gibt es auch positive Entwicklungen?

Natürlich. Ich brauchte während der Arbeit an dem Buch dringend ärztlichen Rat. In Frankfurt, wo ich lebe, hätte ich wegen Corona erst mehrere Wochen später einen Termin bekommen, aber dank der Telemedizin konnte ich noch am selben Tag ein Video­telefonat mit einer Ärztin aus Düsseldorf führen; und ich bin nicht privat versichert.

Wie gut sind wir insgesamt auf die Digitalisierung vorbereitet?

Längst nicht so gut, wie wir es sein sollten. Wir nutzen deutlich mehr Technologie, verstehen sie aber immer weniger.

Gilt das nicht fürs Auto ebenfalls?

Technisch gesehen ja. Aber wir wissen, was auf uns zukommen kann, weil wir das gelernt haben. Wenn es neblig und dunkel ist, fahren wir langsamer. Aber die meisten Menschen haben keine Ahnung, wann und wo es zum Beispiel bei Whatsapp neblig und dunkel wird.

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