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Endel: Was Apples Gesundheits­offensive mit einer App aus Berlin zu tun hat

  • Das Computer- und iPhone-Unternehmen Apple ist als Anbieter von Business- und Entertainment­produkten berühmt geworden.
  • Doch seit Jahren schon setzt man in Cupertino auf das Thema Gesundheit – eine entscheidende Rolle nimmt dabei das Zusammenspiel von Hardware und Software ein.
  • Eine App aus Deutschland, mit der mittels Klangwelten und individueller Daten wie Herzschlag und lokalem Lichteinfall Schlaf und Konzentration verbessert werden können, sorgt derzeit für Furore.
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Apple ist als Anbieter hochwertiger Business- und Entertainment­produkte bekannt geworden. Doch seit Jahren schon setzt man in Cupertino auf das Thema Gesundheit. Eine entscheidende Rolle nimmt dabei das Zusammenspiel von Hardware wie der Apple Watch und Software ein. Über die Zusammenhänge von Hightech, privaten medizinischen Details und Datenschutz sprach das RND mit Sumbul Desai, Vicepresident Health bei Apple, Jane Horvath, Chief Privacy Officer bei Apple, und dem Berliner Entwickler Oleg Stavitsky, dessen Software Endel gerade zur AppleWatch-App des Jahres gekürt wurde.

Dass Apple seinen Schwerpunkt auf Gesundheits­prävention und Fitness lenken möchte, ist seit geraumer Zeit Chefsache. CEO Tim Cook erläuterte Ende vergangenen Jahres den Paradigmen­wechsel des Unternehmens folgendermaßen: „Ich bin fest davon überzeugt, wenn wir uns jetzt einmal in die Zukunft versetzen, den Blick zurückwenden und fragen, was Apples großer Beitrag war, wird die Antwort Gesundheit und Wellness sein.“ Dazu hat Apple eine zentrale Plattform für seine Userinnen und User geschaffen, die Health App. Dort können zentrale Gesundheitsdaten eingetragen und aktuelle Messungen abgefragt werden, die durch eine Kombination unterschiedlicher Software­lösungen und der Apple Watch durch Sensoren erfasst werden.

„Daten zur eigenen Gesundheit gehören zu den sensibelsten überhaupt“

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Doch genau diese Erfassung von extrem privaten Daten wie Herzschlag oder EKG, Blutsauerstoff oder Schlafverhalten stößt bei vielen Anwenderinnen und Anwendern auf Misstrauen. Dessen sei man sich bei Apple bewusst und ergreife verschiedenste Sicherheitsmaßnahmen, um diese vertraulichen Daten vertraulich zu halten, versichert das Unternehmen immer wieder.

Die oberste Datenschützerin des Unternehmens, Jane Horvath, bekräftigt dies gegenüber dem RND: „Daten zur eigenen Gesundheit gehören zu den sensibelsten überhaupt. Wir haben Techniken entwickelt, um Datensicherheit gewährleisten zu können, und Dutzende Features eingeführt, damit diese Daten auch absolut sicher sind. Und wir haben denselben Fokus auf Datenschutz bei der Transparenz und den Kontrolloptionen für die Gesundheitsdaten gelegt. Bei jeder App, die auf Gesundheitsdaten basiert, haben unsere Userinnen und User stets die volle Kontrolle über die Art der Daten, die sie teilen möchten oder nicht, und welche Apps auf diese Daten zugreifen können.“

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Zur Programmierung von Apps, die sich um Gesundheits- und Fitnessthemen drehen beziehungsweise sensible medizinische Nutzerdaten enthalten können, hat Apple eigens die Entwicklerplattform Health Kit kreiert. Die Datenschutzrichtlinien von Apple gelten auch für Health Kit und Daten, die in der iOS-Gesundheits­plattform Health App gespeichert sind. Auf dem iPhone können Userinnen und User „Einstellungen“, „Health“ und dann „Datenzugriff & Geräte“ wählen, um diese Parameter für Health-Kit-kompatible Apps zu sehen.

Jane Horvath weiter: „Indem wir ein standardisiertes Format anbieten für die Verwendung von Gesundheitsdaten, sorgt Health Kit für die Sicherheit, auch neue Apps ausprobieren zu können. Vom Herzrhythmus bis zum Menstruationszyklus bei Frauen sind alle Daten verschlüsselt und unzugänglich, sofern das Gerät durch Zugangscode, Face ID oder Touch ID gesichert ist. Ist das Gerät entsichert, können Gesundheitsdaten so lange nicht von einer App ausgelesen werden, bis man proaktiv die Erlaubnis dazu gibt.“

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Auch in einem neuen Werbeclip thematisiert das Unternehmen seine strengen neuen Datenschutzrichtlinien.

Apple verspricht: Stets die Hoheit über die eigenen Daten

Userinnen und User haben also, so versichert Apple, immer die Hoheit über ihre Daten. Und gleichzeitig sieht das Unternehmen nach eigenen Angaben nicht die Daten von Kundinnen und Kunden – und auch nicht solche, die zwischen Entwicklerinnen und Entwicklern sowie Kunden und Kundinnen ausgetauscht werden. Auch das Auslesen von Daten zu Werbezwecken sei bei Health Kit unmöglich. „Apps können Daten nur dann mit Dritten teilen, wenn sie für Gesundheits-, Bewegungs- oder Fitnessservices genutzt oder zu Forschungszwecken übermittelt werden – und auch dann nur, wenn es mit der ausdrücklichen Genehmigung des Nutzers oder der Nutzerin geschieht“, betont Jane Horvath.

Dr. Sumbul Desai, Vizepräsidentin für Gesundheit bei Apple, bei der Präsentation der Blutsauerstoffmessung mit der Apple Watch. © Quelle: Apple Inc.

Die Medizinerin Dr. Sumbul Desai, die vor ihrer Arbeit als Vizepräsidentin für Gesundheit bei Apple das Stanford’s Centre for Digital Health an der gleichnamigen Universität leitete, sieht in den Gesundheits-Apps eine Brückenfunktion zwischen Ärztinnen und Ärzten sowie Endverbrauchern und Endverbraucherinnen. „Wir wissen, wie schwierig es für Patientinnen und Patienten ist, die eigene Gesundheit wirklich zu verstehen, und wie wichtig es ist, dass sie zwischen den Besuchsintervallen mit ihrem Hausarzt in Kontakt bleiben. Und bei einigen unserer Angebote glauben wir, dass es wirklich manch wichtige Botschaften gibt, die Kliniker erhalten können, um ein besseres ganzheitliches Verständnis eines Individuums zu erlangen. Unser Ziel ist es, dass unsere Tools Informationen liefern, damit Nutzerinnen und Nutzer über fundiertere Daten über ihr Wohlbefinden verfügen und so ein tieferes Verständnis für ihre eigene Gesundheit entwickeln können.“

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Ein Beispiel dafür, wie Gesundheitsdaten auf kreative Weise zur Optimierung des Alltags verwendet werden können, ist die App Endel des gleichnamigen Berliner Unternehmens. Sie bietet Klangteppiche an, die auf Basis des Biorhythmus und unter Nutzung individueller Daten wie Standort, Zeitzone, Wetter und Herzrhythmus entweder die Konzentration des Nutzers oder der Nutzerin schärfen, ihn oder sie zur Ruhe kommen lassen oder für einen ruhigen und entspannten Schlaf sorgen. Dabei wird die „Musik“, die nach neurowissenschaftlichen Erkenntnissen auf das Unbewusste zugreift, an die persönliche Umgebung und die Tagesrhythmen der Nutzerin oder des Nutzers angepasst. Jedem User und jeder Userin wird durch den Algorithmus ein ganz persönlicher Klangteppich ausgerollt.

Erst nervt der Sound, dann wirkt er

Ein Selbstversuch während einer herannahenden Mittagsträgheit, die durch das lichtschwache Hamburger Grau des Himmels noch verstärkt wurde, war wirklich erstaunlich. Zwar nervte der Ambient-Sound zunächst, aber nachdem die Lautstärke am Computer reduziert wurde und die Konzentration sich wieder auf die Arbeit richtete, setzte nach etwa einer Viertelstunde eine für den Mittag eigentlich gänzlich atypische Wachheit und Fokussiertheit ein, die auch die eingestellten zwei Stunden anhielt. Das ist natürlich keine empirische Erfahrung. Aber als Skeptiker der Wirkung von Entspannungs­konzepten wie Meeresrauschen oder Walgesängen war es schon bemerkenswert, wie sehr die per se eher unbedeutenden Klänge für einen derartigen Push aus einem Biorhythmustief sorgen konnten.

Oleg Stavitsky, CEO von Endel © Quelle: Vika Bogorodskaya
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Endel-Chef Oleg Stavitsky umschreibt Sinn und Zweck gegenüber dem RND so: „Wenn ich gefragt werde, was das Ziel ist, sage ich normalerweise, dass dies eine Technologie ist, die Ihnen hilft, sich zu konzentrieren, sich zu entspannen und zu schlafen. Dazu erzeugen wir in Echtzeit vor Ort auf dem für Sie personalisierten Gerät eine Klanglandschaft, basierend auf einer Reihe von Eingaben, die wir über den Benutzer sammeln. Unser Algorithmus sammelt Informationen wie die Tageszeit, das Wetter, Ihren Standort, Ihre Herzfrequenz und Ihre Bewegung, um all diese Daten in unseren Algorithmus einzufügen. Basierend auf diesen Informationen erstellen wir in Echtzeit eine Klanglandschaft.“

Die personalisierten Sounds von Endel basieren einerseits auf dem circadianen Rhythmus des Menschen, das heißt auf dem auf 24 Stunden ausgerichteten Biorhythmus zwischen Wachen und Schlaf, und andererseits auf der Pentatonik, den Fünfton-Tonleitern. Mithilfe unterschiedlicher Algorithmen und unter Berücksichtigung von Bio- und Umgebungsfaktoren lässt sich Endel zu Stressabau, Produktivitäts­steigerung, Konzentrations­arbeit, Tiefen­entspannung und Erholungsschlaf einsetzen.

Stavitsky erläutert die Funktionalität der Software, die zur Apple-Watch-App des Jahres gekürt wurde, so: „Wir verstehen, wo Sie sind, wenn die Sonne aufgeht und untergeht, wo Sie dem natürlichen Licht ausgesetzt sind, dem Sie ausgesetzt sind. Und wir passen unsere Soundscapes entsprechend an. Und dann ist die zweite Wissenschaft natürlich die Neurowissenschaft, wie bestimmte Frequenzen, Skalen und Töne Ihren kognitiven Zustand beeinflussen. Was uns also von allen anderen unterscheidet, ist im Grunde, dass Endel in Echtzeit personalisiert und vor Ort und auf dem Gerät anpassungsfähig ist. So erstellen wir Sounds in Echtzeit, die auf der Grundlage der gerade erwähnten Informationen auf Sie zugeschnitten sind.“

Blick auf die Endel-App, hier im Modus der maximalen Aufmerksamkeit und Wachheit. © Quelle: Endel

Was Endel weiterhin unterscheidet von anderen App-Anbietern, ist die berufliche Herkunft der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das Gründungsteam von Endel stammt nämlich aus der freien Kunstszene, nicht aus der Ecke der Programmierungs- und Software-Experten und -Expertinnen. Oleg Stavitsky, ursprünglich Journalist und Rezensent von Videospielen, wurde durch einen ganz Großen der modernen Musik inspiriert: Brian Eno. Dessen legendäre Bloom-App, mit der auch Stavitskys Tochter durch Klopfen auf ein iPad Töne erzeugt hatte, brachte den Vater darauf, digitale Kunst-Apps für Kinder zu entwickeln.

Aus der Gründungsidee und Gründungstruppe entstand schließlich als evolutionäres Ergebnis der Beschäftigung mit Klängen Endel. Vor der App gab es bereits einen Vertrag mit dem Label Warner Music über die Veröffentlichung von 600 Tracks für unterschiedliche Stimmungszustände auf 20 Alben. Mittlerweile haben schon Stars wie die kanadische Musikerin Grimes und die Minimal-Techno-Ikone Richie Hawtin alias Plastikman mit Endel zusammengearbeitet.

Die Kooperation mit Grimes war ein weiterer Durchbruch für das Berliner Unternehmen, das mittlerweile 30 Mitarbeitende beschäftigt. „Im Grunde genommen hat Grimes einen Soundtrack zur Verfügung gestellt“, erzählt Stavitsky, „den wir eingespeist haben. Damit haben wir eine Schlaf-Soundlandschaft erstellt und sie AI Lullaby (KI-Wiegenlied, Anm. d. Red.) genannt. Das war ein massiver Erfolg.“ Die „New York Times“ berichtete – und dann rief auch noch Apple-Chef Tim Cook an und teilte mit, dass Endel die App des Jahres für die Apple Watch sei.

„Das war wirklich verrückt“, erinnert sich Stavitsky. „Wir haben ungefähr eine Stunde miteinander gesprochen und ich war doch sehr erstaunt, wie genau er darüber Bescheid wusste, was wir für Apple machen. Er stellte Fragen, die nahelegten, dass er die App sogar selbst nutzt. Das hat mich wirklich völlig überrascht.“ Mehr als drei Millionen Menschen haben die Endel-App bisher heruntergeladen. Und auch eine Studie gibt es bereits, wenn auch noch als Preprint: Sie beschäftigt sich mit der unterschiedlichen Wirkung von individuellen Playlists und den personalisierten Klanglandschaften von Endel auf das Gehirn.

Für das ambitionierte Team aus Berlin ist das Bestätigung, aber auch Ansporn: „Wir haben mit dem Gedanken gespielt, einen wissenschaftlichen Berater zu engagieren. Aber dann wurde uns klar, dass die Wissenschaften sich sehr unterscheiden – je nachdem, über welches Feld wir sprechen, ob über die Schlaf­konzentration, Entspannung, die Frage, wie Klänge unsere Schlafgewohnheiten beeinflussen und mit welchen Daten wir arbeiten sollten. Da haben wir uns entschieden, lieber mit unterschiedlichen wissenschaftlichen Institutionen zu kooperieren.“

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