Ein brillantes Psycho-Rollenspiel: “Disco Elysium” im Test

  • Das Rollenspiel “Disco Elysium” wurde schon vor dem Verkaufsstart als Geheimtipp gehandelt.
  • Zu Recht: Das Psycho-Rollenspiel erfindet sein Genre neu.
  • Darin kämpft man nicht gegen Monster oder Banditen, sondern mit seinem Antihelden.
Jan Bojaryn
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Hannover. Computerrollenspiele funktionieren fast immer gleich: Spieler steuern einen oder mehrere Helden und treten gegen zahllose Gegner an. Sie kämpfen je nach Spiel gegen Orks, gegen Banditen, gegen Roboter. Mit jedem absolvierten Kampf bekommen sie Erfahrung und werden ein wenig stärker. Irgendwann sind sie stark genug, sich einem großen, bösen Widersacher zu stellen.

Die Heldenreise steht in einer uralten literarischen Tradition, und sie funktioniert auch in Spielen gut. Aber warum nicht einmal gegen etwas anderes kämpfen? Warum nicht gegen einen Mordskater, gegen Befangenheit, gegen den Brechreiz? Diese Frage stellt "Disco Elysium". Das Revolutionäre daran: Die Antiheldenreise funktioniert überraschend gut.

Der Antiheld kann nicht einfach machen, was er will

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Auf den ersten Blick sieht "Disco Elysium" so aus wie andere Computer-Rollenspiele auch. Die Kamera blickt von oben auf eine offene Spielwelt. Unser Hauptdarsteller, ein Polizist, erwacht verkatert in einem Hotelzimmer. Per Mausklick wird er aufgefordert, sich fortzubewegen, mit Dingen zu interagieren oder mit Menschen zu reden. Aber hier zeigt sich schon ein Unterschied zu klassischen Rollenspielen. Der Antiheld kann nicht einfach machen, was er will. Wenn er eine reiche Frau um Geld anbetteln will, meldet sich sein Korpsgeist als Polizist und sagt: Das macht man nicht. Er traut sich nicht, von Mauern zu springen, er bricht während eines schiefgelaufenen Verhörs in Tränen aus. Multiple-Choice-Gespräche führt er nicht nur mit anderen Menschen, sondern gleichzeitig und immer wieder auch mit den zahlreichen Stimmen in seinem Kopf.

Auch die Geschichte ist für Rollenspiele völlig untypisch. Der Held ist traumatisiert und verloren. Wenn er sich wieder fängt, kann er einen komplizierten Mordfall lösen. Wenn nicht, dann erleben Spieler wenigstens einen wilden Trip.

"Disco Elysium" ist für Menschen, die das Kämpfen in Spielen abschreckt

Dass es immer interessant bleibt, dafür sorgen stark geschriebene, lebendig gesprochene Texte. Misserfolge sind fast am schönsten, denn sie haben die schönsten Pointen. Und trostlos, aber toll gezeichnet sieht die drastisch heruntergekommene, halb zugefrorene Spielwelt aus.

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Das Ergebnis könnte viele Genrefans vor den Kopf stoßen. Aber Spieler, die etwas Neues suchen, und Literaturfreunde, die sonst wenig spielen und die an Rollenspielen vor allem das ewige Kämpfen abschreckend finden, können hier eine eine kleine Offenbarung erleben. „Disco Elysium“ beweist, dass Rollenspiele auch ganz anders funktionieren.

Das sollten Eltern über "Disco Elysium" wissen

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Andere Spiele mögen blutrünstiger sein – dieses Spiel ist jedoch in keiner Beziehung für Kinder geeignet. Sie werden an der (noch) nicht übersetzten englischen Sprache scheitern, sie werden die geistreichen Witze und Anspielungen nicht verstehen. Wenn sie doch etwas mitnehmen, dann kaum etwas Gutes. Der Hauptcharakter ist ein traumatisiertes Drogenwrack, und er ist in dieser zerfahrenen Geschichte in guter Gesellschaft. Nihilistisch ist das Spiel allerdings nicht, im Gegenteil – die Menschen in dieser trostlosen Welt werden facettenreich und einfühlsam gezeichnet.

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