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„Drogen kaufen war nie einfacher“: Insiderin berichtet über die Drogenszene Internet

  • „How to Sell Drugs Online (Fast)“ statt „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“: Für ihr Autorinnendebüt hat Journalistin Isabell Beer in der Onlinedrogenszene recherchiert.
  • In „Bis einer stirbt“ erzählt sie, wie zwei Jugendliche über digitale Plattformen abrutschen.
  • Im RND-Interview spricht sie über die Unterschiede zur klassischen Drogenszene und sagt, was Eltern tun können, um ihre Kinder zu schützen.
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Josh ist 17 Jahre alt, als er in die Drogenszene abrutscht – und dafür muss er nicht mal sein Kinderzimmer verlassen. Denn er ist einer von vielen Jugendlichen, die sich die illegalen Substanzen einfach im Internet bestellen, statt von Straßendealern. Im Netz lernt er auch die heroinabhängige Leyla kennen. Sie überlebt, schafft ihr Abi, Josh stirbt schließlich an einer Überdosis.

Investigativjournalistin Isabell Beer hat in der Onlinedrogenszene recherchiert, mit den Eltern der Jugendlichen und Experten gesprochen. In ihrem Autorinnendebüt „Bis einer stirbt“ erzählt sie die wahre Geschichte von Leyla und Josh. Ein Gespräch über die Onlinedrogenszene, problematischen Konsum und was Eltern tun können, um ihre Kinder zu schützen.

Frau Beer, in Ihrem Buch „Bis einer stirbt“ geht es um die noch recht junge Onlinedrogenszene. Was unterscheidet diese von der klassischen Straßenszene?

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Im Internet kommt man ganz einfach an Drogen. Die Substanzen sind teilweise sehr billig, das können sich Jugendliche von ihrem Taschengeld leisten. Auf der Straße wird es Dealer geben, die einem nichts verkaufen, wenn man sehr jung ist. Im Internet ist das egal. Da gibt es diesen direkten Kontakt auch nicht, die schicken einem das per Post nach Hause. Dadurch nimmt man aber auch das ganze Elend nicht wahr. Es ist wie überall auf Social Media: Man postet Bilder von großen Pupillen, wenn man gerade total viel Spaß auf Droge hat, aber nicht, wenn man mit Entzugserscheinungen im Bett liegt.

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Ihr Protagonist Josh war vor allem in Facebook-Gruppen aktiv und hat sich dort offenbar auch Drogen gekauft. Muss man dafür nicht ins Darknet?

Nein, das ist gar nicht nötig. Man muss nicht mehr ins Darknet gehen. Fakt ist: Wenn ich Drogen haben möchte, kann ich mir die auch einfach über Instagram oder Telegram beschaffen. Es war noch nie einfacher, Drogen zu kaufen.

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Wer online Drogen kauft, konsumiert sie teilweise allein – welche Folgen hat das?

Das kann sehr gefährlich werden. Durch den digitalen Austausch in der Onlineszene haben manche das Gefühl, sie konsumieren in Gesellschaft. Doch wenn was schiefläuft, ist da niemand, der Hilfe holen kann. Vielleicht stellt man fest, dass sich jemand nicht mehr meldet, aber keiner kennt den Nutzer im wahren Leben. Und die, die mehr über die Person wissen, haben womöglich Angst, den Notarzt zu rufen, aus Sorge, sie könnten wegen ihres eigenen Konsums Probleme mit der Polizei bekommen.

Haben Sie persönlich Erfahrungen mit dem Thema gemacht?

Als ich 17 Jahre alt war, hatte ich das Gefühl, ich kann mit niemandem über meine Probleme sprechen. Ich wollte mich nur noch betäuben. Auf einer Klassenfahrt habe ich nachts alleine eine Flasche Wodka leer getrunken und lag am nächsten Tag bewusstlos vor meinem Bett. Ich hatte in dieser Nacht verdammt viel Glück, dass ich nicht an meinem eigenen Erbrochenen erstickt bin. Ich habe an 24 Stunden kaum Erinnerungen. Die Schule war überfordert. Es ging dann viel um Strafe, aber wenig darum, was mit mir eigentlich los ist. Wenn man Drogen nicht aus Neugier oder Spaß nimmt, dann steckt etwas anderes dahinter. Dann sollte man dem Betroffenen die Hand reichen und sagen „Hey, was ist mit dir los, und wie kann man dir helfen?“. In der Onlinedrogenszene habe ich vieles beobachtet, was ich aus meiner Jugend kenne. Betroffene schrieben zum Beispiel: „Ich hab Probleme, aber keiner versteht mich“ oder „Ich will einfach nur vergessen“. Das waren Sachen, die ich als Jugendliche auch so empfunden habe.

„Bis einer stirbt“ gibt es bei Ullstein Buchverlage für 18 Euro als Hardcover (ePub 9,99 Euro). Die Jugendausgabe mit Fotos von Leyla und Josh kann man sich bei Carlsen als Klappenbroschur für 14 Euro kaufen (ePub 9,99 Euro). © Quelle: Ullstein Buchverlage

Die Eltern von Josh und Leyla sind relativ aufgeklärt, Leylas Mutter probiert sogar selbst Ecstasy. Beide versuchen an ihren Kindern dranzubleiben und deren Lebensrealität nachzuvollziehen. Aber trotzdem können sie ihnen kaum helfen. Wieso?

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Ein zentraler Punkt ist: Die Menschen müssen selbst aufhören wollen. Josh zum Beispiel hat das nie ernsthaft gesagt. Man sollte es natürlich mit allen Mitteln versuchen, aber es ist leider sehr schwierig jemandem zu helfen, der selbst keine Hilfe annehmen möchte.

Was können Eltern also tun?

Das Wichtigste ist, dass sie den Kontakt zum Kind nicht verlieren und immer versuchen, ein offenes Ohr zu haben. Gleichzeitig müssen sie akzeptieren, dass man als Jugendlicher nicht mehr mit seinen Eltern über alles spricht. Sondern jemanden suchen, dem das Kind sich eher anvertrauen kann und möchte. Auch Aufklärung zum Thema Drogen ist wichtig – auf carlsen.de/bis-einer-stirbt kann man Infos zu verschiedenen Substanzen und Regeln zum Thema Safer Use aufrufen.

Sie fordern, dass man mehr aufklären sollte. Was läuft Ihrer Meinung nach dabei etwa in den Schulen schief?

Es gibt Schulen, an denen das gut läuft. Doch dass manche Schulen mit der Polizei zusammenarbeiten, ist, meiner Meinung nach, der falsche Ansatz. Es wäre sinnvoller, Menschen einzubeziehen, die selbst mal suchtkrank waren oder in der Suchthilfe arbeiten. Denn mit denen können Jugendliche offener sprechen.

Was muss sich bei Netzwerken wie Tiktok oder Instagram ändern?

Tiktok und Instagram haben bereits bestimmte Hashtags zum Thema Drogen gesperrt – die Onlinedrogenszene sucht dann einfach neue, unter denen sie sich vernetzt. Das ist ein Wettlauf, der wahrscheinlich nicht zu gewinnen ist. Wichtiger wäre, Jugendlichen eine ordentliche Medienkompetenz auf den Weg zu geben und sie rechtzeitig und fundiert über Drogen aufzuklären. Denn das Problem ist ja weniger, dass Jugendliche das filmen und fotografieren, was sie ohnehin tun, sondern vielmehr, dass sie in einem schädlichen bis lebensgefährlichen Ausmaß konsumieren und sich dessen oft gar nicht bewusst sind.

Was müssen Eltern über die Plattformen wissen?

Eltern sollten sich mit der Lebensrealität ihrer Kinder auseinandersetzen, sich diese Apps auch mal herunterladen und sich dort umschauen. Nur so kann man ein Gefühl dafür entwickeln, was dort überhaupt los ist und was Jugendliche dort von sich teilen. Es ist wichtig, Kinder im Umgang mit sozialen Netzwerken zu sensibilisieren und sie damit nicht allein zu lassen.

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Laut BKA und Bundesdrogenbeauftragter ist die Kriminalitätsrate bei Drogendelikten unverändert hoch.  © Reuters

Warum wird der Onlineverkauf nicht stärker reglementiert?

Die Polizei kommt nicht hinterher. Als 2017 die Darknet-Handelsplattform Alpha-Bay abgeschaltet wurde, sind viele Verkäufer einfach auf andere Plattformen umgezogen. So läuft‘s: Eine Plattform wird abgeschaltet, und die ziehen einfach um auf die nächste. Durch das Eingreifen ändert sich kaum etwas. Laut BKA ist die Zahl der Drogendelikte im Jahr 2020 sogar zum zehnten Mal in Folge gestiegen und auch die Nachfrage ist laut BKA enorm hoch.

Warum ist der politische Umgang mit Drogen teilweise so realitätsfern?

Es gibt zu wenig Berührungspunkte. Bevor ich diese Recherche begonnen habe, bin ich auch noch niemandem begegnet, der Heroin nimmt. Für mich hat das vieles verändert. Ich glaube, dass man viel mehr in den Dialog gehen muss mit Menschen, die davon betroffen sind. Die aus ihrer Perspektive sagen können, was ihnen geholfen hätte. Und auch mit Menschen, die in der Suchthilfe arbeiten und ganz klar sagen können, was sinnvoll ist und was nicht. Meine Erkenntnis war: Es sollte uns darum gehen, dass wir Menschen schützen, dass weniger Menschen sterben. Und da gibt es durchaus Länder, die das besser hinbekommen als wir: Portugal zum Beispiel. Durch die Entkriminalisierung von Konsumenten ist die Zahl der Drogentoten in Folge gesunken.

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