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Doc.Felix im Interview: “Menschen beruhigt man mit echten Fakten”

  • Seit zwei Jahren ist Felix Berndt als Arzt öffentlich auf Social Media aktiv.
  • Seinen Followern will er Themen wie Ernährung, Sport und mentale Gesundheit näherbringen.
  • Im Interview spricht er über seine Ambitionen, die Rolle der Influencer und die Corona-Krise.
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Sie sind bei TikTok, Youtube und Instagram unterwegs und haben einen eigenen Podcast. Warum haben Sie sich dazu entschieden, auf Social Media aktiv zu werden?

Ich hatte zwei Säulen, die mich dazu bewogen haben. Das erste war das Gesundheitssystem. Das finde ich tatsächlich nicht gut, weil wir als Ärzte immer nur reaktiv handeln. Wir haben kein proaktives Gesundheitssystem, bei dem wir den Menschen helfen, gar nicht erst krank zu werden, sondern wir greifen als Ärzte erst ein, wenn die Menschen schon krank sind.

Ich hab mich in meinem Studium schon immer mit Ernährung, Sport, positiver Psychologie und einem gesunden Lifestyle beschäftigt. Dann habe ich mir angeguckt, was so ein Influencer macht und wie das funktioniert. Ich war schockiert, wie jung diese Menschen sind und wie viele Produkte die rausbringen und verkaufen. Junge Menschen vertrauen den Influencern, glauben, dass sie ein großes Fachwissen haben in ihrem Bereich und finden sie cool. Und ich dachte: Das ist doch genau das Arzt-Patienten-Verhältnis, das jeder Arzt gerne hätte. Das war die Idee: Ok, ich mache jetzt Social Media als Arzt, nicht um etwas zu verkaufen, sondern um Menschen dazu zu motivieren, ein gesünderes Leben zu führen.

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Ist auf TikTok Platz für informative Inhalte?

Ja klar. Ich bin ja ein Beispiel dafür. Es gibt zum Beispiel auch das Format “Herr Anwalt”. Das ist dann ein kurzer Beitrag, nur eine Minute für Input. Ich bin tatsächlich selbst überrascht, dass das so gut funktioniert. Gerade in der Corona-Zeit habe ich neun oder zehn TikToks über Corona gemacht und wirklich schwierige Fragen beantwortet von: “Wann ist es vorbei?” über “Ist man wirklich immun?” bis hin zu “Wie ist das mit dem Impfungen?”. Ich war auch überrascht, dass man tatsächlich in einer Minute schon sehr viel Information weitergeben kann. Allerdings sind zum Beispiel Nachrichten im Radio auch nicht unbedingt viel länger.

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Auf TikTok und Co. müssen Influencer authentisch sein

Haben Sie in den vergangenen Wochen einen Anstieg Ihrer Follower-Zahlen bemerkt?

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Ja, auf jeder App außer auf Youtube. Dort gibt es so viele Kollegen, aber auch Verschwörungstheorien, die viel klickstärker sind. Aber sowohl bei TikTok als auch Instagram als auch dem Podcast ist das Verhältnis zwischen Followern und Influencern ganz wichtig, die auch Vertrauen geben. Die Menschen vertrauen nicht unbedingt ihren eigenen Ärzten, wenn sie die noch nicht lange kennen. Aber sie vertrauen unter Umständen den Leuten, denen sie vielleicht schon ein halbes Jahr bei Instagram oder TikTok zugesehen haben.

Wie kann man so eine Beziehung zu seinen Followern aufbauen?

Einfach authentisch sein. Authentisch sein und Handschlagqualität haben. Bei mir ist es so, dass ich versuche für einen gesunden Lifestyle zu werben und dass Medizin cool ist. Und das lebe ich auch wirklich. Früher hätte man Leute noch leichter betrügen können, aber bei Social Media legen ganz viele Leute ja alles offen, wie sie sich verhalten, wie sie leben.

Corona bietet Nährboden für Veschwörungstheorien

Wie hoch sehen Sie die Gefahr, dass andere Influencer im Hinblick auf Covid-19 Fake News verbreiten?

Das ist ein polarisierendes Thema. Die Corona-Zeit ist eine Zeit, die wir alle noch nie so erlebt haben und niemand weiß darauf eine Antwort. Das wissen weder die Influencer noch die Top-Virologen. Diese Situation ist natürlich perfekt für Menschen mit einfachen Wahrheiten, ein Nährboden für Verschwörungstheoretiker. Das ist sehr schade.

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Worauf kommt es bei der Produktion von TikTok-Videos an?

Es geht um den Follower. Es geht darum, ihm etwas zu geben, irgendeinen Benefit. Bei mir ist das Wissen, bei anderen ist es Unterhaltung. Anders als bei Instagram produziert man bei TikTok noch mehr direkt für die Community und überlegt, wie der Nutzer von dem Video profitiert. Bei Instagram geht es mehr um den Creator und sein Leben.

“Ich bin selbst mein größter Kritiker”

Wie viel Zeit nimmt die Betreuung Ihrer Kanäle in Anspruch?

All meine Zeit. Ich sehe das allerdings nicht als Arbeitszeit. Ich mache viel strategisch, sodass ich zum Beispiel an einem Tag ganz viele TikToks aufnehme und die aber zu anderen Zeiten hochlade. Das Wissen und das, was ich vermitteln will, brennt so in mir, das kommt so aus mir raus. Viel Recherche musste ich natürlich auch bei Covid-19 betreiben.

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TikTok steht immer wieder wegen Daten- und Jugendschutzbedenken in der Kritik. Haben Sie selbst Bedenken?

Ich hab bei allen Social Media-Apps grundsätzlich Bedenken. Und ich hab auch große Bedenken, inwieweit Medizin da stattfinden kann. Ich bin da selbst mein größter Kritiker. Ich gehe da nicht vollkommen blauäugig rein. Es gibt Probleme aber eben auch Chancen, wie Digitalisierung, wie das Ferndiagnoseverbot, das jetzt gekippt ist, hat alles seine Vor- und Nachteile.

“Viele Kollegen finden das unseriös”

Gab es auch schon Kritik etwa seitens Kollegen?

Ja, viele finden das unseriös. Ich kritisiere ja auch das Gesundheitssystem und das Medizinstudium. Ich war halt nie ein besonders guter Student, sondern eher ein Durchschnittsstudent, der jetzt auf Social Media erfolgreich ist. Vielleicht ist es auch das, was die Kritiker stört. Ich würde mir wünschen, dass die auch Social Media machen. Damit man dort mehr Raum hat für wichtige Dinge wie Medizin, Umweltschutz, wie praktische Dinge wie Steuern.

Medizin hat auf Social Media bisher eher weniger stattgefunden. Bieten die Plattformen das richtige Umfeld?

Wenn man nicht nur Fashion- und Lifestyle auf Social Media stattfinden lässt, dann fände ich das klasse und würde gerne jeden Kollegen motivieren, das auch zu machen. Weil wir so sehr sehr viele Patienten erreichen. Im Krankenhaus oder in der Praxis erreiche ich die Menschen oft in einem angsterfüllten Zustand, der dann gar nicht richtig empfänglich für das ist, was der Arzt sagt. Aber mit TikTok und Social Media habe ich die Möglichkeit, mein Verständnis von Medizin und Gesundheit in den Alltag der Patienten zu bringen. Die öffnen TikTok wenn sie zu Hause, am Frühstückstisch und im Wohnzimmer sind. So schaffe ich einfach mehr Raum für Gesundheit in deren Leben, und das ist das, was jeder Arzt will. Durch Corona gibt es viele medizinische Kanäle, die aus dem Boden geschossen sind, weil sie merken, dass man die Menschen mit echten Fakten beruhigt und nicht mit Fake News. Wir können auch Studien zitieren, sagen was los ist, wir erreichen ganz viele Menschen in ihrem persönlichen Setting.

“Staat, Sex, Amen”
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