• Startseite
  • Digital
  • Digitalisierung laut Ericsson-Studie weniger klimaschädlich als angenommen

Ericsson-Studie: Digitalisierung weniger klimaschädlich als angenommen

  • Wie schädlich sind Smartphones, das Internet und Videostreaming für das Klima?
  • Laut Wissenschaftlern ist der CO₂-Fußabdruck unserer digitalen Nutzung klimaschädlich.
  • Eine Bericht des Unternehmens Ericsson relativiert das.
|
Anzeige
Anzeige

Ein aktueller Bericht des schwedischen Tech-Konzerns Ericsson kritisiert, dass bisherige Studien, die die Auswirkungen der Digitalisierung auf den CO₂-Ausstoß untersuchen, überdramatisieren. Der Vorwurf: Man vergleiche Äpfel mit Birnen.

Wie sehr die Digitalisierung dem Klima schadet, ist nicht einfach zu berechnen. Denn man muss den Klimaeffekt einer kompletten und komplexen Branche berechnen.

Unter der Bezeichnung „IKT" (Informations- und Kommunikationstechnik) werden persönliche Geräte wie Smartphones, PCs und Fernseher einbezogen, aber auch Rechenzentren und Verteilertechnik wie Mobilfunknetze. Daher müssen beispielsweise Telefone, Smartphones, Router, Tablets, Computer, Fernseher, Spielekonsolen, Smart Homes, Rechenzentren, Telefonmasten, Mobilfunknetz, Serverfarmen mit einberechnet werden.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Ist das Internet ein Klimakiller?

Vor einigen Monaten machte die Meldung, das Internet erzeuge so viele Emissionen wie der Flugverkehr, Schlagzeilen. Ericssons Kritik: Während bei einem Smartphone der komplette Lebenszyklus – von der Produktion, über die Nutzung bis zur Entsorgung – in die Waagschale geworfen wird, sei es beim Fliegen lediglich der CO₂-Ausstoß des Flugs selbst. Faktoren wie Produktion oder Transport blieben unberücksichtigt.

Für die CO₂-Emissionen, die bei einem Transantlantik-Flug (Hin- und Rückflug) anfallen, würde ein Smartphone 50 Jahre lang benutzt werden können, betonen die Autoren der Studie. Wobei man auch hier nicht Äpfel mit Birnen vergleichen sollte. Zugleich räumten sie aber ein, dass nur die wenigsten Smartphone-Nutzer ihr Gerät wirklich 50 Jahre lang nutzen. Oft sei bereits nach zwei Jahren ein neues Handy fällig.

Mehr Digitalisierung, stabiler CO₂-Ausstoß

Anzeige

Obwohl die digitale Nutzung von Geräten zum Alltag vieler Menschen gehört, bleibe der ökologische Fußabdruck in etwa stabil bei 730 Millionen Tonnen - das seien 1,4 Prozent der gesamten Emissionen weltweit. Mit dem Bericht wolle Ericsson die zahlreichen Studien zu Emissionen des IKT-Sektors in das richtige Licht rücken.

Insgesamt gebe es in der IKT-Branche drei Bereiche, die für den CO₂-Ausstoß verantwortlich sind. Der Bericht von Ericsson bezieht sich ausschließlich auf den ersten genannten Bereich.

  1. direkte CO₂-Emissionen bei Produktion, Nutzung und Entsorgung
  2. indirekte Emissionseffekte (positiv und negativ) durch die Nutzung von IKT, wie das Ersetzen von Dienstreisen durch Videokonferenzen
  3. Auswirkungen auf das Verhalten der Nutzer und das einzelne Nutzerverhalten

Streaming im Vergleich zum Kühlschrank

Um deutlich zu machen, wie wenig Strom die digitale Technik verbraucht, zieht Ericsson einen Vergleich zu anderen alltäglichen Dingen.

Art der Nutzung Verbrauch
zwei Stunden Streaming auf dem Smartphone ~0,04 kWh
zwei Stunden Streaming auf dem Laptop ~0,09 kWh
zwei Stunden Streaming auf dem Fernseher ~0,2 kWh
fünf Minuten surfen im Internet auf dem Smartphone ~0,001 kWh
fünf Minuten surfen im Internet auf dem Tablet ~0,002 kWh
Kühlschrankbetrieb (24 Stunden) ~0,3 kWh
ein Kilometer Autofahren (Benziner) ~0,7 kWh
ein Kilometer Autofahren (Elektro-Auto) ~0,15 kWh
zwei Stunden brennende LED-Lampe ~0,01 kWh
einen Liter Wasser aufkochen ~0,1 kWh
Anzeige

Erkenntnisse aus anderen Studien

Auch andere Studien haben sich mit dem CO₂-Ausstoß durch die Digitalisierung beschäftigt. Forscher der Universitäten Oslo und Glasgow haben zum Beispiel den ökologischen Fußabdruck von Streamingdiensten mit dem von althergebrachten Tonträgern wie Schallplatten, Kassetten und CDs seit den 1970ern verglichen. Die Klimabilanz der Streamingdienste fiel dabei schlechter aus als die der Tonträger.

Zwar ging der Plastikverbrauch zurück. Verbrauchte die Musikindustrie damals noch 61.000 Tonnen davon, waren es 2016 nur noch 16.000 Tonnen. Durch den vereinfachten Zugang bei Streaming-Anbietern würden inzwischen aber mehr Menschen Musik hören, das Speichern und Abrufen von Songs in der Cloud koste Energie.

Stromfresser Videostreaming

Anzeige

Eine Studie der Universität Bristol verdeutlicht, dass das Ansehen von Youtube-Videos durch alle Nutzer jährlich ungefähr so viel Strom verbraucht wie die 600.000 Einwohner der gesamten schottischen Stadt Glasgow. Könne man sich hier auch nur Musik anhören ohne das Videobild streamen zu müssen, könne der CO₂-Verbrauch einer Stadt mit etwa 30.000 Haushalten eingespart werden.

Chris Preist, einer der Autoren der Bristoler Studie und Professor für nachhaltige Computersysteme, will mit seiner Studie ein neues Bewusstsein für „grünes" Webdesign schaffen. So könnten weniger Skripte, stärkere Optimierung von Bildern und Videos oder die Nutzung von Standardschriften zum Klimaschutz beitragen.

Welcher Studie soll man nun glauben?

Diese Frage zu beantworten ist nicht einfach. Jeder Studie liegen unterschiedliche Fragestellungen und Messverfahren zu Grunde. Je nachdem, auf welche Daten sich die Forscher mit welchem Fokus stützen, können unterschiedliche Ergebnisse herauskommen.

Rechenzentren weltweit verbrauchten im Jahr 2014 insgesamt 194 Terawattstunden Elektrizität, berechnete die International Energy Agency. Das entspreche ungefähr einem Hundertstel der weltweiten Energiemenge. Wird neue Technik entwickelt, braucht es auch wieder aufwendigere Kühlsysteme, um alles am Laufen zu halten.

Die zu Grunde liegenden Zahlen des neuen Ericsson-Berichts stammen aus einer Untersuchung von 2018 aus dem Haus Ericsson, die wissenschaftlich geprüft wurde und auch auf Daten der Internationalen Energieagentur (IEA) bezieht. Das ist eine autonome Einheit der OECD.

Ericsson untersucht nach eigenen Angaben seit mehr als 20 Jahren den CO₂-Ausstoß der IKT-Branche. Bei der Einschätzung der Studie darf man aber auch nicht vergessen, dass das Unternehmen sein Geld genau in diesem Sektor verdient und so ein gesteigertes Interesse an einer positiveren Wahrnehmung hat.

Was kann ich tun, um meinen CO₂-Abdruck zu reduzieren?

Die größten Bereiche des IKT-Sektors sind Nutzergeräte, Netzwerke und Datenzentren. Dazu kommen noch Emissionen aus Streaming, Social-Media-Nutzung, Gaming oder auch Onlinewerbung. Die Geräte sind für den größten Teil des CO₂-Ausstoßes verantwortlich. Daher können Nutzer und Produktionsfirmen auch in diesem Bereich am besten Energie einsparen.

Würden die Hersteller ausschließlich auf Öko-Strom umschwenken, könnten laut Ericsson mehr als 80 Prozent des ökologischen Fußabdrucks eingespart werden. Solche Wege gehen inzwischen auch Tech-Giganten wie Google, Apple oder Facebook.

Auch jeder Einzelne könne positiv auf den weltweiten CO₂-Ausstoß einwirken. Ericsson empfiehlt in seinem Bericht folgende Maßnahmen.

  • Smartphones und andere Geräte länger nutzen
  • Endgeräte recyceln oder wiederverwerten
  • Digitale Inhalte auf kleineren Geräten konsumieren
  • Den Akku mit Strom aus erneuerbaren Energien laden
  • Keine unnützen oder überflüssigen Geräte anschaffen
  • Den Herstellern zeigen, dass einem „digitale Nachhaltigkeit" wichtig ist
  • Geräte und digitalen Service bei Firmen kaufen, die Umweltschutz unterstützen
  • Digitale Services nutzen, die extra dafür gedacht sind, CO₂-Emissionen zu reduzieren


“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen